1. Probe Albanien: Stimmliches Phaenomen in Tomatenrot

Sie kam, sah und bezauberte – Rona Nishliu aus dem Kosovo schonte sich keineswegs und packte ihre Riesenstimme in der Crystal Hall aus. Klugerweise setzt die albanische Delegation bei der Praesentation des eigenwilligen „Suus“ auf eine sehr zurueckgenommene Inszenierung.

„Suus“ polarisiert nach wie vor – entweder man findet den albanischen Betrag einfach nur grossartig oder man ist voller Befremden, wie einige der deutschen Produktionsmitarbeiter, denen man diesen Eindruck von den geroeteten Gesichtern ablesen konnte. Vielleicht dachten sie aber auch nur ueber den Kabelsalat nach (O-Ton aus dem Funkgeraet: „Robbe, komm sofort hinter die Buehne, die Kabel liegen hier wie Kraut und Rueben…)

Dieses Problem hatte indes keinerlei Auswirkungen auf die albanische Probe: Rona stand alleine auf der Buehne, die meist in die albanischen Nationalfarben rot und schwarz getaucht wurde. Bisweilen stand sie auch sehr effektvoll in einem Lichtkegel, der beinahe einen Science-fiction-Einschlag aufweist (man erwartet unwillkuerlich, dass das Mutterschiff einen Beamstrahl entsendet).

Stimmlich insbesondere in den ersten Durchgaengen einfach unglaublich perfekt, musste Rona am Ende ihren Kraftreserven im letzten Refrain etwas Tribut zollen – aber es besteht kein Zweifel mehr, dass wir hier eine der besten Saengerinnen dieses Wettbewerbs haben.

Rona bedankte sich auf der Buehne ausnehmend freundlich und demuetig bei der Crew, sie fuehle sich geehrt, mit dem Team zusammenzuarbeiten. Suus erhielt von den bereits versammelten Fans Szenenapplaus.

Technisch gab es wenig Probleme, in der Pressekonferenz zeigte sich das albanische Team, das ausser Rona auch aus dem Head of Delegeation und dem Komponisten besteht, bereits sehr zufrieden. Rona sprach eingangs etwas tuerkisch und zeigte sich freundlich und fast ein wenig schuechtern, obwohl die Nachfrage der Presse noch auesserst ubersichtlich war (30 Koepfe). Erste Frage war natuerlich, was um Himmels willen die gebuertige Kosovarin denn da auf dem Kopf traegt. Minigolfbaelle, Pingpongbaelle oder gar Vogeleier?

Dies sei die Kreation einer albanischen Modeschoepferin, antwortete Rona, die eine Modelinie entworfen habe, die auf Tomaten (!) basiere. Ob sie als Tomate auf die Buehne kommen werde, fragte dann jedoch niemand weiter. Zu ihrem Halbfinalkostuem wollte sie jetzt noch nichts sagen. Das Outfit gehoere zwar auch zu den wichtigen Elementen, aber zu diesem Zeitpunktjetzt sollte man sich erst ein mal auf den Song und die Performance konzentrieren. Recht so.

Gefragt nach einer Verbidnung zu der anscheinend aeusserst lebhaften aserbaidschanischen Jazzszene, bekannte Rona, ausnehmend gern experimentellen Jazz zu singen, lobte Aziza Mustafa Zadeh (die wohl in Deutschland bekannteste azerische Musikerin) und brach spontan in eines ihrer Lieder aus. Auch vom Mugham Stil sei sie fasziniert.

Der Rest der PK bestand ueberwiegend aus Informationen zum Lied, dem Video (die Absurditaet des Lebens) und ihrer Einstellung zur Musik, die Prinz-Blog-Leser aufgrund unseres Interviews mit Rona in Amsterdam schon kennen. Rona kam dabei offen, herzlich und vor allem sehr reflektiert und authentisch rueber.

Malerisch: Rona auf der Buehne in einer kurzen Getraenkepause.

Kritisch nach ihrer Castingsshow-Vergangenheit gefragt, und ob sie sich dort erworbene „bad habits“ muehsam wieder abtrainieren musste, musste Rona herzhaft lachen. Sie verdanke Albanian Idol ihren Karrierestart und habe viel gelernt dabei. Einer ihrer damaligen Mentoren sei sogar mit nach Baku gereist, um sie zu unterstuetzen. Eine weitere Frage mit politischem Inhalt – Kosovo als nicht vollstaendig anerkanntes Land, dem bislang eine ESC-Teilnahme verweigert wird – wich die gebuertige Kosovarin geschickt aus mit dem Hinweis, dass alle ethnischen Albaner am Festival i Kenges teilnehmen koennen und sie sehr froh sei, dass sie es 2012 ausgerechnet mit diesem Lied, das sie ueber alles liebe, geschafft habe.

Die erste albanische Probe im Clip: