1. Probe Bosnien-Herzegowina: Prinzessin mit Gold in der Kehle

Weniger ist mehr – was viele nicht beherzigen, Maya Sar aus Bosnien hat es kapiert. Passend zu einer der intensivsten Balladen des Wettbewerbs ist die Inszenierung – wunderschön. Ein sicherer Finalkandidat, insbesondere nach den direkt vorangegangenen krawalligen Nummern. 

Zunächst musste mal das Klavier auf die richtige Position geschoben werden, dann setzte Maya Sar zu einer der ueberzeugendsten Proben des heutigen Tages an.

Allein auf der Bühne in einer Art antiken Kulisse – Mauerbögen, Gerüste und Leitern – startet Maya am Klavier und wird von der Kamera umrundet.

Heute mit heruntergelassenen glatten Haaren, was ihr besser steht als die Locken oder hochgesteckte Haare, sang sie souverän, stimmsicher und berührend „Korake ti znam“. Engelsgleich erhebt sie sich nach dem ersten Refrain (der zugegebenermassen nicht als solcher erkennbar ist), der Hintergrund wechselt zu blutrot – die Sonne geht auf, oder das Umland fällt einer Feuersbrunst zum Opfer, wer weiss, Maya tritt ein paar Schritte nach vorn und wird von einem sanften Lüftchen erfasst.

Die Windmaschine sorgte allerdings bei einem der ersten Durchläufe dafür, dass das lange blonde Engelshaar wild im Gesicht hing – ein Louisa-Baileche-Moment, den es unbedingt am Semifinal-Abend zu vermeiden gilt. Der Titel endet schliesslich zu blauem Hintergrund. Wer Balladen mag, wird sich diesem Titel und dieser recht einfachen, aber stimmlich rundum überzeugenden Leistung nicht entziehen können. Nach Serbien ein weiterer sicherer Finalkandidat vom Balkan.

In der Pressekonferenz stellte Maya ihre eigens aus New York angereiste Kostümbildnerin vor (noch keine Details zum Semifinalkleid) und ihren Gatten, der ein wenig Željko Joksimović ähnelte. Zum dritten Mal beim ESC nach 2004 und 2011 (mit Dino Merlin), aber zum ersten Mal als Solosängerin und dann auch gleich noch mit einem selbst komponierten Titel – ja, da fühle sie schon einiges an Druck. Ansonsten sei insbesondere die gemeinsame Arbeit mit Dino, die schon 2004 begann, eine perfekte Vorbereitung für den ESC gewesen.

Ebenso wie einige ihrer ESC-Kolleginnen (etwa Kaliopi) wurde die Sängerin auf ihr karitatives Engagement angesprochen. Sie hat mit Karolina Goceva (ESC 2002, 2007), Nina Badrić (dieses Jahr fuer Kroatien am Start) und Aleksandra Radović eine Kampagne für eine kroatische Krebsstiftung unterstützt und dafür einen Titel aufgenommen.

Sie sei froh, ihr Land als Solokünstlerin mit einem Lied zu vertreten, dass sie schon vor Jahren geschrieben habe. Es geht bei „Korake ti znam“ (Ich kenne Deine Schritte) um ein Paar, dass schon lange zusammenlebt, im Alltag erstarrt ist und an einem Scheideweg steht – trennen oder nicht? Autobiografisch ist dieser Titel wohl kaum, denn der Ehemann reagierte beinahe eifersüchtig auf die Fans, die alle ein persönliches Foto nebst so mancher Umarmung mit Maya haben wollte.