1. Probe Bulgarien: Klebriger Klangteppich im Leopardenlook

Letzte Probe des dritten Probentages: Sofi Marinova, die 5-Oktaven-Stimme aus Bulgarien, setzt allein auf ihre Präsenz und ein paar rotierende Pyroeffekte in einer pulsierenden Tapete voller Blutkörperchen. Am Erreichen des Finals müssen große Zweifel angemeldet werden.

Wie bereits angekündigt, verzichtet Sofi Marinova auf jeglichen Schnick-Schnack auf der Bühne in Baku. Trotz ihres sehr rhythmischen Titels gibt es daher keine Tänzer, Musikanten oder andere menschlichen Elemente zur Unterstützung ihres vielsprachigen Klangteppichs mit folkloristischen Anklängen. Mit zu viel Gerümpel auf der Bühne hat Bulgarien, dass sich erst ein einziges Mal (2007) mit dem Ausnahmetitel „Voda“ für ein ESC Finale qualifizieren konnte, bekanntlich schlechte Erfahrungen gemacht.

Sofi zeigte trotz einem halben Dutzend Durchläufe keinerlei stimmliche Schwäche, wogte sich im Rhythmus hin und her, aber kaum von der Startposition im weissen Lichtkegel weg. Ihr heutiges Leoparden-Fähnchen erinnerte allerdings eher an eine Miss Vampira Wahl in einem verräucherten Nachtclub in Stara Zagora als an einen Auftritt vor Millionen von Menschen. Nun ja, das kann man ja noch ändern, längst nicht alle Interpreten tragen in diesen Tagen bereits ihre Halbfinal-Outfits in die Crystal Hall.

Der Bühnenhintergrund ist interessant, um es mal vorsichtig auszudrücken: Im Rhythmus ihres Folk-Schlagers vibrieren zunächst ausgebeulte Linien, die an üppige Oberweiten erinnern. Auf diesem Feld dürfte Sofi Marinova unter den Teilnehmerinnen augenscheinlich ganz vorne mitspielen.

Dann werden die Linien etwas gebrochen und weiße, rosafarbene und rote Dropse bevölkern den LED-Screen. Ich glaube nicht, dass dabei an Kopfschmerztabletten (eine deutsche Journalistin bekam neben mir während des Durchlaufs einen Migräneanfall und musste die Halle verlassen) oder Geschirrspültabs erinnert werden soll.

Schöner wären wohl verschiedenfarbige Blutkörperchen, die zwischen den Muskelsträngen des Körpers im Takt von „Love unlimited“ herumtanzen und sich langsam zum Herzen vorarbeiten. Man verzeihe mir derart medizinisch völlig sinnfreie Analogien, aber ein Tag voller Trockenfrüchte und Baklava (schon wieder) scheint mich langsam auch mental etwas zu verkleben.

Da im letzten Durchlauf die bestellten Feuerwerk-Effekte nicht richtig funktionierten, musste Bulgarien nachsitzen und durfte ein weiteres Mal singen. Im letzten Drittel von „Love unlimited“ werden rotierende Kreissägen von der Decke gelassen, die Sofi in einen gleissenden Pyro-Regen tauchen. Vermutlich sehr gefährlich, falls das Leoparden-Fähnchen aus leicht brennbaren synthetischen Fasern gemacht sein sollte… wir raten zu einem Ganzkörper-Schutzanzug.

Das deutsche Produktionsteam wurde übrigens direkt nach der letzten Probe durch eine Einspielung von „Je taime… moi non plus“ von Serge Gainsbourg und Jane Birkin von den heutigen musikalischen Strapazen dekontaminiert.

Zurück zu Bulgarien: In der Pressekonferenz zeigte sich die bulgarische Delegation sehr zufrieden mit der Probe. Sofi, die kein Englisch spricht, verglich die ESC-Erfahrung mit einem kürzlichen Auftritt in Brüssel vor Teilen der EU-Kommission. Die bulgarische Regierungspartei hatte sie gewissermassen als Kulturbotschafterin eingeladen. Zuerst war sie ein wenig ängstlich, aber dann ganz entspannt und euphorisch.

Die Delegationsleiterin verteidigte den Entschluss, Sofi kein Beiwerk an die Seite zu stellen. Es habe Pläne gegeben, das bulgarische Team der rhythmischen Sportgymastik Sofi umtanzen zu lassen (mit Keulen und Bällen?), aber die Damen, die zur Weltspitze in ihrem Sport zählen, seien ohnehin anderweitig beschäftigt. Und Sofis Stimme sei so einzigartig, dass sie für sich alleine brillieren könne.

Sofi, die zur Romani-Minderheit Bulgariens gehört, sprach über ihr kulturelles Erbe und sang einen Song in der Sprache ihrer Volksgruppe. Sofi glaubt, einer der Gründe für ihre anhaltende Popularität in ihrem Heimatland sei sicher, dass sie niemals ihre Wurzeln verleugnet habe und sich stets sehr stolz gezeigt habe, eine Romani zu sein.

Meine Frage, was es mit dem deutlich sichtbaren Tattoo einer Rose auf ihrem Unterarm auf sich habe, entgegnete sie mit „O, jetzt werden die Fragen aber persönlich.“ Kein Wunder, denn sie war sehr verliebt in einen Mann und hatte sich neben der Rose auch seinen Namen auf den Unterarm tätowieren lassen. Nach 5 Jahren war die Liebe zu Ende und jetzt will sie den Kerl auf dem Arm unbedingt los werden, aber sei noch nicht dazu gekommen…

Zum Kostüm: Natürlich ein Geheimnis, nicht mal die Delegationsleiterin hat es schon gesehen, aber diese verriet, es soll an das antike Bulgarien angelehnt sein. Wir können also auf die semifinale Aufmachung gespannt sein, aber ich befürchte, es wird wohl auch in diesem Jahr nicht fürs Finale reichen.