1. Probe Mazedonien: Souveräne Powerfrau und emotionale Ex-Gattin

Auch eine halbstündige Unterbrechung ihrer Probe wegen eines technischen Problems brachte Kaliopi nicht aus der Ruhe. Stimmlich beeindruckend und effektvoll einfach inszeniert, lieferte der Top-Star aus Mazedonien eine überzeugende Leistung. In der Pressekonferenz ging es dann außer ihrem Song auch um Verwandtschaftsbeziehungen und Augenklappen.

Die Spidercam, die für die aufsehenerregenden Kamerafahrten quer durch die Halle sorgt, hatte sich verhakt, unmittelbar nach dem ersten Vocal-Check für Mazedonien. Was bei unerfahrenen Künstlern für Nervenflattern und Ungeduld sorgen könnte, brachte Kaliopi nicht aus dem Konzept.

Die 45-Jährige aus Skopje scherzte in der rund 30-minütigen Unterbrechung auf Deutsch (das sie perfekt spricht) mit der Brainpool-Produktionsleitung, jammte ein bisschen mit ihrer Begleitgruppe (ein Schlagzeug, zwei Gitarristen, zwei Streicherinnen) und machte sich dann auf schwindelerregend hohen Stöckeln an den Abstieg über den Catwalk, um sich zwanglos in die Technik zu setzen, bis der Spidercam wieder bewegt werden konnte.

Was dann folgte, war hohes Niveau. Stimmlich live ausgezeichnet, traf Kaliopi auch die hohen Töne sicher und brachte die versammelte Presse zum Mitwippen.

Kaliopi bleibt während der gesamten Performance am Standmikro, auch ihre Band bewegt sich wenig, allerdings gibt es ein paar schöne Posen, insbesondere wenn die Windmaschine in der Songmitte kurz angeworfen wird und Kaliopi zu ihrem heiseren kehligen Brunftschrei ansetzt.

Der Hintergrund bei „Crno i belo“ besteht aus einer Art Theater oder Stierkampfarena – manche fühlten sich auch fern an ein Riesenarchiv mit Fächern in Schwarz und Weiß erinnert. Farblich passt das ebenso wie Kaliopis Garderobe gut zum Song, der schließlich „Schwarz und weiß“ bedeutet. Ansonsten werden die LED-Screens nicht weiter eingesetzt, alles andere läuft über das Licht, wobei der Übergang zwischen dem Balladenpart und den Rockteilen noch etwas deutlicher inszeniert werden könnte.


Was mir ausnehmend gut gefiel, ist dass Kaliopi insbesondere in den ersten Strophen sehr schön von der Steady(Hand)kamera eingefangen wird und auf sympathische Weise mit der Kamera spielt. Das könnte die Zuseher von Beginn an für sie einnehmen. Sie kommt in jeder Einstellung sehr präsent rüber, eben ein alter Showhase.

In der Pressekonferenz bekannte sie zu Beginn, sehr viel besser Deutsch als Englisch zu sprechen. Sie wurde sofort von einem Fanjournalisten, der (wenig glaubhaft) angab, auch heute noch „Samo ti“ auf dem Weg zur Arbeit zu hören, auf 1996 angesprochen. Damals war Kaliopi als erste mazedonische ESC-Vertreterin geplant, schied aber in einer intransparenten Audio-Vorrunde mit „Samo ti“ genau wie der deutsche Vertreter Leon aus. Das habe sie (und das Land) sehr traurig gemacht, sagte Kaliopi, umso mehr freue sie sich heute nach 16 Jahren doch noch ein ESC-Debüt zu geben.

Als sie vom mazedonischen TV angefragt wurde, war sie sich zunächst nicht sicher und rief als erstes ihren Ex/Gatten Romeo Grill an, der ihre größten Hits geschrieben hatte. Wir haben das hier mal etwas dramatisiert:

Romeo: Hallo?
Kaliopi: (heiser) Romeo, ich bins, Kaliopi. Ich fahre zur Eurovision.
Romeo: Häh? Was willst Du denn da? Das brauchst Du doch nicht mehr.
Kaliopi: Ja, kann sein, aber Mazedonien braucht mich. Und ich brauche jetzt dringend ein wunderbares Lied. Kannst Du mir was schreiben?
Romeo: (knurrt) Mal sehen.

Es sei immer wichtig, zu allen Menschen, auch jenen aus der Vergangenheit, gute Beziehungen zu unterhalten, betonte die Sängerin und stellte ihren ergrauten Exmann der Presse vor, der daraufhin versuchte, sich unter dem Tisch zu verstecken.

Romeo Grill hatte sich schließlich bereit erklärt, einen emotionalen Titel zu komponieren und als Kaliopi dann „Crno und belo“ das erste Mal hörte, sei sie in Tränen beim Refrain ausgebrochen. Nicht vor Enttäuschung natürlich, sondern weil er sie immer noch so gut kannte, dass er ihre Gefühle perfekt einfangen und in Musik umsetzen konnte. Den Text zur Musik schrieb die mittlerweile in zweiter Ehe verheiratete Kaliopi übrigens selbst. „Romeo ist eigentlich ein besserer Texter als ich, aber er meinte, ich sollte das selber machen, um mich auszudrücken. Und er hatte recht.“

Meine Frage, ob sie nach den Serienpleiten mazedonischer Rocksongs in den letzten Jahren und insbesondere als Topstar ihres Landes nicht großem Druck ausgesetzt sei, konterte Kaliopi entspannt. „Nein, ich bin sehr stolz, mein Land zu repräsentieren und auch als etablierte Künstlerin habe ich nichts zu verlieren. Ich fühle keinen Druck, ich bin nur etwas müde.“

Warum sie im offiziellen Programmheft mit einer riesigen Augenklappe (Bild) abgebildet sei, wollte ich als nächstes wissen. „Ich sehe alles, auch mit einem Auge, sogar wenn ich beide zumache, denn ich sehe mit dem Herzen“, lautete ihre poetische Antwort. Es gehe in der Musik um Gefühle und bei diesem Wettbewerb nicht um Kampf (“ I am no gladiator“), sondern darum diesen speziellen Moment miteinander zu teilen.

Auf ihr karitatives Engagement für die Ana Rukavina Stiftung angesprochen, reagierte sie berührt und meinte bescheiden, dass sie darüber eigentlich nicht in der Öffentlichkeit reden möchte, weil sie dies als privates Engagement ansehe. Ana Rukavina war eine junge kroatische Journalistin aus Zagreb, die den Kampf gegen den Krebs (Leukämie) verlor und in Kroatien als Symbol für Tapferkeit gilt.

Beim Photocall war die Müdigkeit dann wie weggeblasen und Kaliopi sang noch einmal Teile ihres Titels und genoss die Aufmerksamkeit der Fans und Journalisten.

Fazit: Eine sehr authentische und humorvolle Künstlerin, die niemand mehr etwas beweisen muss und sehr entspannt und in sich ruhend rüberkommt. Ein Auftritt im Finale wäre ihr sehr zu wünschen.

Und hier der Link zur mazedonischen Probe: