1. Probe Schweden: Loreen macht den Unterschied

Nun ist auch SIE endlich da – die große, große Favoritin auf den Sieg hier in Baku – Loreen aus Schweden. Keine Umfrage, die sie nicht meilenweit anführt. Die englischen Buchmacher sind kurz davor, keine Wetten mehr auf ihren Sieg anzunehmen. Und ginge es nach den Fanclubs in Europa, dann würde der Sieg am nächsten Samstag noch überwältigender ausfallen als der Triumph von Alexander Rybak 2009 in Moskau.

Aber auch Loreen muss sich den Sieg erst einmal verdienen. Deshalb hat sie heute Mittag eine sehr konzentrierte Probe absolviert. Ständig übte sie in den Pausen zwischen den einzelnen Durchläufen ihre von Zisch- und Schnaublauten begleiteten Kampfsporttanzbewegungen, von denen es hier in Baku noch mehr geben wird als beim Melodifestivalen.

Das Setting ist insgesamt weniger mysteriös als noch zu Hause in Schweden. Zwar wird ein einzelner Spot von Zeit zu Zeit auf Loreen geworfen, größtenteils singt und performt sie aber vor einem tiefblauen Bühnenhintergrund. Die Kamerafahrten sind räumlich großzügiger angelegt als bisher, so dass der Gesamteindruck etwas „luftiger“ daherkommt.

Einige Kameraeinstellungen halte ich aber noch nicht für ausgereift. So sieht man beispielsweise zum Ende hin deutlich, wie sich Loreens Tänzer Ausben Jordan auf ihr Podest hinaufschwingt und sich langsam nähert. Mir hat da die ursprüngliche Fassung, in der er auf einmal wie aus dem Nichts auftauchte, deutlich besser gefallen.

Physischen Schnee gibt es zum Schluss des Songs hin auch nicht, stattdessen findet das Schneegestöber auf den LED-Screens statt, was optisch zwar eine Augenweide ist, aber den kalten und düsteren Charakter der ursprünglichen Performance nicht wiedergibt, sondern mehr nach glattpolierter Show aussieht.

Das Arrangement des Songs wurde im Schlussteil ebenfall leicht verändert. Mehr Streicher sind zu hören, so dass es nicht mehr ganz so abgehackt, sondern geradezu sinfonisch klingt und den eigentlichen Beat für meine Begriffe noch einmal geschickt variiert.

Die Pressekonferenz wurde von Christer Björkman und Loreen allein bestritten. Und nun wissen wir auch, worum es in diesem Lied eigentlich geht. Nicht um gefühlsmäßige oder gar sexuelle Höhepunkte, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern um die Botschaft, dass wir alle als Menschen stark und schön sind, so wie wir sind. Die natürliche Energie des Menschen findet Ausdruck in den Tanzbewegungen. Ausben Jordan kommt am Schluss dazu, weil die Menschheit nicht nur aus weiblichen, sondern auch aus männlichen bestandteilen zusammengesetzt ist.

Ich weiß, das klingt einigermaßen verschwurbelt, aber besser kann ich das Statement von Loreen zu ihrer Performance nicht wiedergeben. Die Frage übrigens, ob sie diesbezüglich von Kate Bush inspiriert worden sei, verneinte sie und stellte stattdessen mit einem Augenzwinkern die Gegenfrage: „Ach, Kate Bush tanzt wie ich?“

Favoritin zu sein, fühle sich unglaublich gut an, es gibt einem einfach ein positives Gefühl bei den Proben, dass da draußen schon eine Menge Menschen sind, die das mögen, was man tut, führte sie weiter aus. Zum Thema Chorsänger hat sie auch eine eindeutige Meinung: Mit Chorsängern mache es mehr Spaß als zu einem Halbplayback zu singen, es sei einfach organischer. Und ihr Chor sei fantastisch und unglaublich stark („Don´t mess with these girls!“).

Es gab ja im Melodifestivalen einen legendären Zweikampf zwischen ihr und Danny („Amazing“). Zur Erinnerung: Danny war nach seiner Niederlage so niedergeschlagen, dass er umgehend die Halle verließ und sich auch auf der offiziellen Aftershow-Party nicht mehr blicken ließ. Dafür hatte Loreen volles Verständnis. Man dürfe enttäuscht sein, wenn man nach so harter Arbeit sein Ziel nicht erreiche. Inzwischen hätte sie eine ganz liebe E-mail von Danny erhalten, in der er ihr viel Glück für Baku gewünscht hat.

Wenn es Pausen während der Konferenz gab (z.B. wenn ein Mikrofon gereicht werden musste), fing Loreen übrigens zumeist zu summen oder zu singen an. Sie scheint wirklich das zu sein, was sie in ihrem Song symbolisieren möchte: Eine in sich ruhende und ausgeglichene Persönlichkeit mit absolut positiver Grundhaltung. Apropos positive Grundhaltung: Auf der schwedischen Website svt.se steht ein Programmplan für die nächsten Tage hier in Baku. Danach will sich Loreen angeblich hier vor Ort auch in Sachen Menschenrechtsfragen engagieren. Es sind mehrere Termine mit der schwedischen und internationalen Presse geplant. Man darf gespannt sein, was uns dazu an Informationen erreicht, denn Ähnliches ist uns von anderen Delegationen bisher nicht zu Gehör gekommen.

Christer Björkman wies abschließend noch einmal darauf, was für eine außergewöhnliche Künstlerin Schweden dieses Jahr ins Rennen schicke. Loreen würde als Interpretin den Wert eines jeden Liedes erhöhen. Sie mache einfach den Unterschied. Ich glaube, das kann man so stehen lassen.

Fazit: Schweden kämpft auf jeden Fall um die Krone. Der Song ist ein Weltklasse-Dance-Song und die Performance ist einfach „anders“. Ich kann allerdings aufgrund starker Betriebsblindheit überhaupt nicht mehr einschätzen, ob Loreen bei diesem Kampf ernsthafte Konkurrenz zu fürchten hat.

Seht selbst: