1. Probe Ukraine: Partyschlager und Realsatire

Der Song ist ein stumpfprall und klasse, keine Frage. Seine Bewährungsprobe als Partystampfer mit Großraumdiscocharme hat er schon bestanden. Gaitana präsentiert ihn in einem etwas gewöhnungsbedürften martialischen Science Fiction Szenario, aber die eigentlichen Skurillitäten ereigneten sich auf der Pressekonferenz im Anschluss.

Es geht gleich kirmestechnisch los. Gaitana erscheint vor vier LED-Wänden (ein bissel so wie BLUE im Vorjahr), die sich im Laufe des Vortrags zu einer großen vereinen. Vor diesen LED Wänden tanzen vier hyperaktive ritalin-bedürftige Weltraumsoldaten (uni gekleidet, in vier verschiedenen Primärfarben), während auf den LED-Wänden zunächst psychedelische Motive erscheinen und im letzten Songdrittel Dutzende weiterer tanzender Clockwork-Orange-Figuren.

Und währenddessen stampft Gaitana ganz in weiß ihre Prolohymne, und nach drei Minuten ist wie immer alles vorbei. Das wird wohl ins Finale gehen, weil es ausreichend Unterstützung aus der Nachbarschaft gibt, obwohl mir persönlich der zweite Dancefloor-Groover des heutigen Tages, THIS IS THE NITE von Kurti, besser gefaellt.

Deutlich unterhaltsamer noch war allerdings die zugehörige Pressekonferenz. Im Vorfeld baute die ukrainische Delegation bereits die vier farbigen Außerirdischen aus der BE MY GUEST Show als Pappfiguren im Pressezentrum auf (zwei davon im Bild unten zu sehen), dazwischen Plakate von Gaitana mit ausgereiftem Decollete.

Ich bin sehr gespannt in die PK gegangen, weil ich eine kritische Diskussion über die Ukraine als Austragungsort der EM erwartete. Und es gab tatsächlich eine EM-Frage. Ein Fan-Journalist aus Frankreich führte seine Frage mit den Worten ein, dass er die Ukraine liebt. (So etwas ist hier bekanntlich üblich, fast jede Wortmeldung beginnt mit einer Huldigung des Songs, des Interpreten und/oder des Heimatlandes.) Der fragende Franzose stellte dann weiter fest, dass die Ukraine und Frankreich bei der EM gegeneinander antreten und Gaitana solle ihm doch sagen, für wen er die Daumen drücken solle, da er beide Länder liebe.

Das war die kritischste Frage der ganzen PK! Gaitana antwortete mit den Worten „You have to listen to your heart“, was gemessen an der Frage geradezu eine philosophische Replik ist, weil sie immerhin (wahrscheinlich unabsichtlich) einen wirklich guten Schwedenschlager (besser als ihr Oeuvre im übrigen) zitierte, nämlich LISTEN TO YOUR HEARTBEAT von Friends.

Die ganze PK war Realsatire nonstop. Gaitana fing erstmal mit den Worten an, dass wir alle eine grosse Eurovisionsfamilie sind. Dreimal gab es dann Szenenapplaus, denn es wurde erstmal das Promotionmaterial angekuendigt, auf das hier viele scharf sind. Und Gaitana avisierte gleich drei Give-Aways an, darunter einen opulenten Promo-Ausklapper mit digitalem biegsamem Screen, auf dem die Abenteuer von Gaitana im Bewegtbild zu entdecken sind. Noch mehr Applaus gab es, als sie ukrainische Tafelschokolade hochhielt, mit dem gleichen Brustbild von ihr selbst vorne drauf, das wir schon im Arrangement vor der Conference Hall „bewundert“ hatten.

An vielen Stellen war spürbar, dass ein exzellenter Coach Gaitana PK-fit gemacht hat. Neben vielen Worthülsen kam in ebenfalls ritalin-bedürftigen Synthetik-Euphorieausbrüchen auch der Text, der zu potentiellen EM-Boykott-Fragen gekommen wäre – nämlich dass sie Sport liebt (Basisbeweis: sie geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio) und jüngst bei irgendeiner Charity-Kinderolympiade nutzenstiftend tätig war. Sie wirkte teilweise so übersteuert, dass man hätte denken können, Ina Müller hätte ukrainisch gelernt.

Bizarrer wirkte das Ganze noch, weil sich die ukrainische Bauerntechno-Matrone für die PK eine Art Blumenbouquet aufgesetzt hatte. So grell, dass man nur kapitulieren kann: I love it. Und auf ihren Edel-Prolo-Beat werden wir hier richtig abhotten. Nach dem dritten Gin Tonic. BE MY GUEST.

Hier die erste Probe der ukrainischen Vertreterin: