2. Probe Lettland: Der Blick ins Leere

Anmary aus Lettland singt ebenfalls wie die Griechin einen Happy-Song, ist aber ein ganz anderer Typ. Stimmlich optimal, hat „Beautiful song“ ein weiteres Problem: eine relativ beliebige Inszenierung und suboptimale Kameraeinstellungen.

Zunächst mal stimme ich DJ Ohrmeister zu, der den Verzicht auf Props (Gerümpel-Requisiten) jeder Art schon in der ersten Probe guthieß. Der zunächst blaue, später rote  Hintergrund voller Motive, die aus den Musterbüchern abwaschbarer Tapeten bzw. Camping-Tischsets zu stammen scheinen, passt gut zum heutigen Outfit, das Anmary in huldvolles Blau tauchte.

Ihr Titel ist ein Happy-Song ohne jede ethnische Note. Während die vor ihr startende Eleftheria Eleftheriou auf den Seht-her-wie-süß-und-sexy-ich-bin-und-wie-toll-ich-meine-Haare-schütteln-kann-Faktor setzt, ist Anmarys Erotik eher spröder Natur, Typ unnahbare gebieterische nordische Göttin, manche meinen auch: wie eine junge Ausgabe von Helga aus den Hägar-Comics.

Das kontrastriert etwas mit dem Setting ihres Liedes, das locker und selbstironisch sein soll. Zunächst die Palaver-Szene mit ihren vier dunkelhaarigen Tänzerinnen, dann läuft Anmary ohne Grund nach links und singt jemand außerhalb des Bildes an. Am Ende wird die Windmaschine angeworfen.

Kritisch zu sehen ist, dass ein solcher Song den Zuschauer packen muss, und dafür ist die Bildregie längst nicht optimal – zu wenige Shots, in denen Anmary mit einem sublimen Lächeln den Zuseher direkt angeht, dafür zu viele Blicke ins Leere aus dem Bild heraus. Nur in der letzten Minute lässt sich das stimmliche Potenzial erahnen – und dann ist es wohl schon zu spät.

Dass Anmary eine vielseitige Künstlerin ist, die mehr drauf hat als diesen eher dünnen Song, bewies sie erneut in der PK, für die sie sich extra umgezogen hatte. Vor der versammelten Presse stimmte sie diesmal überzeugend Johnny Logans „What’s another year“ an und einen weiteren (eigenen) neuen Song: „When I hear your voice again“. Letzterer wirkte deutlich finalwürdiger als „Beautiful Song“ und wurde von Shay Healy geschrieben, dem Komponisten von „What’s another year“. Aus dieser Kooperation soll auch ein neues Album entstehen, dessen Veröffentlichung für Herbst geplant ist.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass Lettland im ESC erneut deutlich unter Wert geschlagen werden wird. Schade.

> zum Bericht der ersten Probe

Video zur zweiten Probe: