2. Probe Mazedonien: Schrei, wenn du kannst – oder das Geheimnis der drei Stimmbänder

Kaliopi aus Mazedonien gehört in diesem Jahr sicher zu den Interpreten, die stimmlich überhaupt keine Probleme haben. Obwohl ihr Balladen-Rock-Mix sicher nicht leicht zu singen ist, meistert sie ihn jedesmal absolut überzeugend.

„Beeindruckend“ wäre ein anderes Wort, mit dem man die einzelnen Probendurchläufe beschreiben könnte. Und wenn dann die Stelle kommt, bei der Kaliopi ihren Schrei loslässt, springen hier im Pressezentrum schon vereinzelt Leute applaudierend auf.

Aber auch das Schreien scheint eine Kunst für sich zu sein. Wenn er nämlich nicht kontrolliert wird, kann er auch daneben gehen. So beinahe einmal geschehen im zweiten oder dritten Durchlauf, als es sich kurzfristig so anhörte, als würde ein Tier geschlachtet werden. Aber Kaliopi hat das – ganz professionell – noch retten können.

Was einem beim Betrachten der Kamerabilder auch jedesmal auffällt, ist, wie aussdrucksstark sie performt. Das ist wirklich eine Klasse für sich! Wenn sie sich für das Finale qualifizieren sollte, was wohl ziemlich auf der Kippe stehen dürfte, dann geht das auch zu einem großen Teil auf die Kappe ihrer eigenen Performance-Qualitäten.

Der Auftritt ist weiterhin als Rockband-Gig mit Kaliopi als Leadsängerin am Mikrofonständer konzipiert. Auch das wirkt absolut organisch, so dass man sowohl stimmlich als auch optisch überhaupt nichts aussetzen kann an der Gesamtpräsentation. Ihre Bühnenklamotten wird sicher irgendein schwarzer Hosenanzug sein – alles andere würde bei ihr wohl doch etwas zu arg auftragen!

Über den Song „Crno in belo“ kann man ja nach wie vor streiten. Mir gefällt dieser Kontrast zwischen Ballade und Rocknummer sehr, weil er vor allem zeigt, dass es nur auf eine gute Melodie ankommt, und die hat der Song auf jeden Fall.

Auf der Pressekonferenz konnte man noch einmal sehen, was für eine Powerfrau Kaliopi ist. Zum ersten Mal seit 13 Jahren arbeitet sie jetzt wieder mit ihrem Ex-Mann Romeo Grill zusammen, einem Schweizer, mit dem sie auch fließendes Deutsch spricht.

Sie ließ uns teilhaben an einer der schwierigsten Zeiten in ihrem Leben. Die liegt jetzt ungefähr 16 Jahre zurück. Zuerst die Scheidung von Romeo, dann das Comeback in Mazedonien mit „Samo ti“ und dann das Ausscheiden in der Audio-Vorrunde für Oslo. Aufgrund dieser ganzen psychischen Strapazen versagte ihr dann eines Tages ganz einfach die Stimme. Bei einer Operation stellt sich dann etwas Ungewöhnliches heraus: Kaliopi hat drei Stimmbänder! Möglicherweise ist das der Grund für ihre bemerkenswerte Stimme, jedenfalls ist sie aufgrund der Seltenheit dieses Phänomens jetzt wohl Gegenstand diverser Diskussionen auf Hals-Nasen-Ohren-Arzt-Kongressen.

Goran und Darko aus Kaliopis Band

Ein großer Traum von ihr ist, einmal im Pariser Olympia aufzutreten und damit in die Fußstapfen ihres Idols und engen Freundin Tereza Kesovija zu treten. In Baku wird sie übrigens keine weiteren Konzerte geben. Sie möchte, dass sich alle ihre Emotionen am 24. Mai im zweiten Semifinale entladen. Das einzige „Kleinkonzert“ gab sie der versammelten Presse, als sie ihren Riesenhit „Bato“ sang.

Ich kann wirklich sagen, dass ich begeistert bin. Was für eine Ausnahmekünstlerin! Vielleicht in ihrer Art manchmal etwas übersteuert und leicht theatralisch, aber immer herzlich und vollkommend überzeugend in dem, was sie tut. Ich wünsche mir sehr, dass Mazedonien das Finale erreicht! Dass ich solche Sätze noch einmal verfasse, hätte ich mir auch nicht träumen lassen, weil mich die mazedonischen Beiträge eigentlich immer total gelangweilt haben. Aber in diesem Jahr werde ich am kommenden Donnerstag mit einer Sonnenfahne in der Crystal Hall sitzen und Kaliopi zujubeln! Ihr seht, Theatralik ist ansteckend……

Hier geht´s zum Bericht der ersten Probe Mazedoniens.