ARD-ESC-Chef Thomas Schreiber: „Unser Ziel ist eine TopTen-Platzierung“

Elaiza Stadtrundgang in Kopenhagen Thomas Schreiber

Nach drei bescheiden deutschen Ergebnissen beim ESC nacheinander und einen extrem turbulenten 2015 haben wir den ESC-Verantwortlichen der ARD, NDR Unterhaltungschef Thomas Schreiber, zum quotenstarken deutschen Finale 2016, zu dem Konzept für Stockholm, sowie zu den Zielen und weiterführenden Perspektiven des ESC in Deutschland und darüber hinaus befragt.

PrinzBlog: Lieber Herr Schreiber, besten Dank, auch im Namen der PRINZ ESC Blog Leserinnen und Leser, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen. Beginnen möchten wir mit der Frage nach Ihrer Zwischenbilanz nach dem einschaltquotenstarken deutschen Finale 2016?

Thomas Schreiber: Die Zahlen, die wir haben, zeigen, dass der deutsche Vorentscheid viele Menschen interessiert, weil sie wissen und entscheiden wollen, wer für Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Stockholm fährt. Dass wir bei zwei Abstimmungsrunden 1,9 Millionen Anrufer hatten, ist eine deutliche Steigerung zum Vorjahr, wo wir in drei Abstimmungsrunden 1,5 Millionen Anrufer verzeichneten.

Der deutsche Vorentscheid erreichte knapp 4,5 Mio. Fernsehzuschauer – mit einem sehr erfreulichen Marktanteil in der jungen Zielgruppe. Es war also einerseits wichtig, wer für Deutschland beim ESC antritt und andererseits war es eine sehr erfolgreiche Unterhaltungssendung im Ersten.

Nach dem messbar erfolgreichen deutschen Finale steigt nun die eigentliche Party beim ESC in Stockholm. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?

Die Vorbereitungen sind nahezu abgeschlossen, nächste Woche erhalten wir die Bilder von den Proben mit den Stand-ins. Anders als ihr Co-Blogger Douze Points empfiehlt, ist es unser Gedanke, die Atmosphäre der Bühne in Köln für „Ghost“ auch auf die große Bühne in Stockholm zu transportieren. Es wird bestimmte Elemente aus Köln geben, die es in anderer Form auch in Stockholm geben wird. Wir müssen – etwa, was die Bäume angeht – die Gegebenheiten vor Ort akzeptieren – von der Lagerfläche bis hin zu den Dimensionen und technischen Restriktionen der Bühne. Die schwedischen Kollegen sind außerordentlich konstruktiv und hilfsbereit und auch sehr an dem Titel interessiert.

Der Staging für Stockholm wird also feststehen, bevor Sie losfahren?

Das will ich schwer hoffen, alles andere wäre eine Enttäuschung.

Wieviele Personen werden beim deutschen Auftritt auf der Bühne stehen?

Jamie-Lee und vier Backings. Konzeptionell liegt unser Focus auf Jamie-Lee, aber die Backings sind stimmlich wichtig und werden nicht versteckt.

Thomas Schreiber © NDR Rolf Klatt © NDR Rolf Klatt

Der Auftritt von Jamie-Lee gehört nicht zu jenen, in die auch Anregungen der am Vorentscheid beteiligten Hochschulen eingeflossen sind?

Bei „Ghost“ gab es in Bezug auf die Inszenierungen bereits im Vorfeld relativ präzise Vorstellungen von Jamie-Lee selbst und auch von Smudo und Michi Beck. Jedem Künstler war freigestellt, die Ideen der Hochschulen einzubeziehen, wir haben das als zusätzliches Angebot verstanden. Bei Jamie-Lee kam die Baumidee ursprünglich von der Universität Hildesheim.

Wie laufen die Vorbereitungen von Jamie-Lee, wie ist dort die Aufgabenteilung zwischen dem NDR und Universal?

Der NDR ist verantwortlich für die Vorschläge zur Umsetzung in Schweden – vom Head Of Delegation Meeting über die Bereitstellung des Mediacontents bis hin zur Regie und zur Auswahl und Produktion der Props. Die Produktion und Promotion des Albums und die Organisation des Proben liegen in der Verantwortung des Labels. Wir sind in einem intensiven, nahezu täglichen Austausch. Wir haben direkt am Tag nach dem deutschen Finale angefangen und sind auf einem guten Weg. Wegen der geplanten deutschen TV-Termine und der Priorität der Albumveröffentlichung kann Jamie-Lee keine internationalen Promotiontermine wahrnehmen – aber es geht eben leider nur das eine oder das andere.

Nach der exzellenten Einschaltquote: Halten Sie an dem Vorentscheid-Konzept 2016 in 2017 fest?

Wir haben verschiedene Alternativen zur Auswahl, die wir nach dem Stockholmer Finale besprechen und vertiefen.

2015 war in Bezug auf den ESC aus deutscher Sicht mit dem unerwarteten Ausstieg von Andreas Kümmert, dem Abschneiden von Ann Sophie und der nachträglichen Absage an Xavier Naidoo – vorsichtig formuliert – schwieriges Jahr. Nach einem nunmehr sehr erfolgreichen deutschen Finale: Mögen Sie dennoch sagen, was für Sie die größte Enttäuschung war?

2015 war sicher mein annus horribilis, die Antwort auf Ihre Frage behalte ich gerne für mich.

Wo kam denn die großartige Idee her, Barbara Schöneberger gleich zu Beginn beim diesjährigen deutschen Finale die Pannen des Jahres 2015 singend am Klavier zu „verarbeiten“ und sie unter anderem Xavier Naidoos „Dieser Weg“ singen zu lassen?

Die kam von Carola Conze (neue Head of Delegation Germany – die PRINZ Blog Redaktion) und mir.

USFÖ PK ARD Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber

Bedauern Sie in diesem Kontext eigentlich den Abschied vom innovativen Wildcard Konzert?

Wir haben das zweimal gemacht, und beide Male sind die Gewinner des Clubkonzerts – wenn auch aus verschiedenen Gründen – zum ESC gefahren. Beim internationalen Finale hat uns das leider nicht so nach vorne gebracht.

Man muss sich von Zeit zu Zeit neu erfinden. Es gibt ja auch Gründe, warum wir keine neue Castingshow mehr aufgelegt haben. Als wir damals „Unser Star für Oslo“ gemacht haben, war das etwas Neues und wir hatten das unverschämte Glück, dass sich mit Lena ein einzigartiger Sonnenschein und ein außergewöhnliches Talent beworben hat. Ich kenne keine Kandidaten anderer deutscher Castingsendungen, die nach dem Sieg einer solchen Veranstaltung eine vergleichbare musikalische Entwicklung gemacht haben wie Lena (Die einzige andere Sängerin, die in einem anderen Genre nachhaltig erfolgreich aus einer Castingshow hervorgegangen ist, heißt Beatrice Egli). Für Lena hat der ESC als Sprungbrett funktioniert, so wie es von uns auch intendiert war.

Gab es nach der Absage an Xavier Naidoo eine materielle Kompensation für ihn?

Nein.

Mit Blick nach vorne, wie beurteilen Sie das neue Voting-System?

Ich finde das sehr interessant. Es wird der Transparenz helfen, dass das Juryvoting und das Televoting nunmehr am Bildschirm voneinander unterschieden werden. So ist es nicht mehr zum Schaden des Künstlers, wenn er, wie Italien im letzten Jahr, das Televoting gewinnt, das TV-Publikum das aber nicht erfährt. Der Juryfavorit und der Zuschauerfavorit erhalten ihre zwölf Punkte in jedem Falle, das finde ich gut. Es gilt jetzt, Erfahrungen mit dem neuen System zu sammeln und wir werden das hinterher bewerten.

In den letzten fünf Jahren hat sich der ESC fundamentaler verändert als in den 20 Jahren davor (Wiedereinführung der Jurys, Globalisierung, Dramaturgie der Show, Finanzierung, technischer Fortschritt). Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Das Ziel muss es sein, den ESC zukunftstauglich zu machen. Der ESC hat in der jüngeren Vergangenheit ein paar wirkliche Erfolge gehabt. Es hat Lieder gegeben – zum Beispiel von Lena und von Loreen – die sind mit Hilfe des ESC international gereist und zu Hits geworden. Mit Jon Ola Sand haben wir jemanden, der sich hauptberuflich darum kümmert, den ESC weiter zu modernisieren. Die Wahrnehmung des ESC in einzelnen Ländern ist bereits gestiegen, wenn auch noch nicht in allen. Im ESC liegt eine große Chance, Australien zum Beispiel hat dies erkannt.

Der ESC ist ein Fernsehereignis, das die Teilnehmer selber schaffen. Anders als bei Sportereignissen, die wir abfilmen und über die wir berichten, erschaffen wir gemeinsam mit den Künstlern den Inhalt. Wie wir wissen, polarisiert Musik, aber sie verbindet eben auch. Wenn der ESC am 28. April mit der Mèdaille Charlemagne 2016 ausgezeichnet wird, dann ist das eine sehr schöne Anerkennung dieser Arbeit. Denn diese Auszeichnung führt auf den Ausgangspunkt der ESC-Idee zurück, Menschen mit Hilfe von Musik zusammenzubringen.

Gehörte die Abschaffung der Auslosung der Startreihenfolge zu den Bausteinen, den ESC zukunftstauglich zu machen?

Ganz ehrlich, für die Fernsehshow ist es gut, weil man so eine dramaturgisch und technisch optimale Sendung konzipieren kann. In jeder anderen TV-Sendung legt auch die Redaktion in Zusammenarbeit mit Regie und Technik die Auftrittsreihenfolge fest. Das machen wir beim Echo auch, für die Sendung hilft das. Würden wir die Reihenfolge auslosen, dann wäre die Umsetzung der Liveshow weitaus komplexer. Das Ziel muss es sein, eine bessere Show zu machen. Die Entscheidung hat dem ESC eher genutzt als geschadet und es hat die Ergebnisse aus meiner Sicht sehr selten beeinflusst.

Sie haben einmal drei wesentliche messbare Erfolgsfaktoren für die das ESC-Engagement definiert – Einschaltquote, Platzierung, Charterfolg! Welche Platzierung streben Sie in Stockholm mindestens an?

Wir wollen mindestens auf die linke Seite der Tabelle kommen, unser Ziel ist eine Top Ten Platzierung. Wir möchten eine Show ausstrahlen, die eine Mehrheit der deutschen TV-Zuschauer vor dem Fernseher versammelt. Wiewohl man nicht für den eigenen Act abstimmen kann, kommen im Televoting aufgrund der hohen ARD-Zuschauerzahl in Europa absolut die meisten Anrufer aus Deutschland. Hier möchten wir das Niveau stabil halten oder uns im Idealfall sogar steigern.

Gibt es eine Chance, dass der ESC in Berlin stattfindet, falls Australien gewinnt?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass der ESC auch bei einem Sieg Australiens in Europa stattfindet, denn das ist eine Maßgabe der EBU. Alles andere müssen Sie die verantwortlichen australischen Kollegen bei SBS fragen. Ich möchte das weder kommentieren noch Spekulationen befördern.

Gibt es Künstler, mit denen Sie gerne einmal für Deutschland zum ESC fahren würden?

Es gibt eine Reihe großartiger Musiker, mit denen ich unbedingt gerne zum ESC fahren würde. Aber die kommen alle nicht aus der ESC-Welt und sehen sich da nicht, aber gefragt habe ich sie schon und ich werde sie wieder fragen.

Mögen Sie ein paar Namen nennen?

Nein.

Haben Sie eigentlich einen persönlichen ESC Lieblingssong?

Ja, mehrere. Das fängt bei „Volare“ an. Und ich habe 1974 den Auftritt von ABBA gesehen – ich war schon alt genug – das war damals etwas ganz anderes.

Und aus Deutschland?

Aus Deutschland ist das selbstverständlich „Satellite“, das kann ich bis heute auswendig mitsingen, aber ich fand auch die Idee von Ralph Siegels „Dschinghis Khan“ schon sehr gut und sehr frech. Noch frecher und lieber ist mir Stefan Raabs „Wadde hadde dudde da“, gefolgt von Max Mutzke, der ein großartiger Musiker ist, und natürlich Guildo Horns sensationelle Live-Performance in Birmingham beim ersten ESC, den ich – damals als Korrespondent in Großbritannien – live miterlebt habe.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.