Deutschland beim ESC: Wenn die Platzierung egal ist, gibt’s neue Chancen

Zweimal Letzter, jetzt Vorletzter. Davor immer wieder hintere Plätze. Alle ESC-Bemühungen des NDR ohne Stefan Raab scheinen zum Scheitern verurteilt zu sein. Wenn man akzeptiert, dass das alle Beteiligten und die Zuschauern nur noch schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, entstehen plötzlich ganz neue Optionen für den deutschen Vorentscheid.

Mittlerweile ist auch schon egal, wie der NDR versucht, die nächste Pleite beim ESC zu erklären. Es hört ohnehin keiner mehr zu. Warum sollte man auch? Es gibt ein paar Änderungen am Vorentscheidmodus, die mehr über die verzweifelte Verbissenheit der Verantwortlichen aussagen als tatsächliche Hoffnung auf eine bessere Platzierung geben.

Die Deutschen können schon bemerkenswert stoisch sein. In manch anderen Ländern hätte der ESC nach einer dreijährigen Katastrophenbilanz mit Quotenproblemen zu kämpfen. In Deutschland bleibt die Sendung trotz einiger Verluste beliebt wie wenige andere im gesamten Fernsehjahr. Viele Deutsche kannten in diesem Jahr nicht einmal Levina oder ihr Lied. Sie schalteten trotzdem ein, erfreuten sich an theatralischem Gesang aus Portugal, postpubertärer Dramatik aus Bulgarien und fröhlichem Jodeln aus Rumänien. Deutschland Vorletzter? Na und. Hauptsache die persönlichen Favoriten lagen vorn.

Das zeigt: Den Deutschen ist das Abschneiden des eigenen Beitrags beim ESC mittlerweile offenbar vollkommen gleichgültig. Es gibt nicht mal mehr einen Aufschrei der Presse. Drei, vier Artikel in den den ESC begleitenden Mainstream-Medien und schon geht’s weiter mit dem Alltagsgeschäft.

Wenn das so ist, fragt man sich, warum der NDR in diesem Jahr einen Aufwand für den Vorentscheid trieb, der kaum in einem anderen Land zu sehen war. Auswahlrunden, Vorsingen, Liedeinkauf im Ausland, Musikexpertengremien, Promo-Tour von Levina. Schön, aber umsonst. Könnte man das nicht alles eine Nummer kleiner haben – mit demselben Ergebnis?

Was wäre nicht alles möglich, wenn man etwas mehr Entspanntheit an den Tag legen würde?! Es muss nicht der Sieg sein. Eine Top-15-Platzierung ab und an – und alle wären zufrieden. Dann könnte man auch mal wirklich etwas Neues ausprobieren beim Vorentscheid. Man könnte es zum Beispiel machen wie die Finnen: Nach mehrfachen Misserfolg mit dem klassischen Format haben sie es ad acta gelegt und Uuden Musiikin Kilpailu (kurz UMK) gestartet, den Wettbewerb für neue Musik. Die Quoten für die Vorentscheid-Sendungen gingen nicht durch die Decke und auch der Erfolg beim ESC war seitdem höchst verschieden. Aber immerhin verpasste man 2014 mit dem so gewählten Beitrag nur knapp eine Top-10-Platzierung.

Der NDR hat in den letzten Jahren dem heimischen Musiknachwuchs immer wieder eine Chance gegeben. Heuer ging es nach hinten los, weil einigermaßen charismatischen Talenten zwei mittelmäßige Popsongs aufgedrückt wurden, die diese nie zu ihren machen konnten. Authentizität geht anders.

Auch in den Jahren zuvor waren immer mal wieder Nachwuchskräfte mit eigenen Titeln am Start. Damit sind ausdrücklich nicht die Clubkonzerte gemeint, die – wenn man ehrlich ist – lediglich der Absicht dienten, eine neue Lena zu finden. Anders kann man sich die Häufung von langhaaringen Gitarre spielenden Schönsängerinnen in dem Format nicht erklären.

Aber u. a. mit Fahrenhaidt oder Laing im Jahr 2015, mit MarieMarie 2014 oder Blitzkids mvt. 2013 waren vielversprechende Beiträge mit eigener Musik beim Vorentscheid am Start. Ihnen allen wurde zum Verhängnis, dass ein, zwei oder mehr etablierte Acts mit einer deutlich größeren Fanbasis ebenfalls am Start waren. Diese trugen dann den Sieg davon – mit bekanntem Ausgang.

Mittlerweile ist die Marke ESC bei deutschen Künstlern so verbrannt, dass es womöglich sogar schwierig werden könnte, solche Newcomer von einer Teilnahme zu überzeugen. Da ein durchgängiges Line-Up mit etablierten Acts aber illusorisch ist, sollte man aus der Not eine Tugend machen und die vermeintlich quotenbringenden bekannten Künstler erst gar nicht ins Visier nehmen.

Stattdessen könnte man Newcomer suchen, die bereits über Auftrittserfahrung verfügen, die aber womöglich noch einen Coach benötigen, um auf der ganz großen Bühne mithalten zu können. Diesen sollte man unter die Arme greifen und mit ihnen gemeinsam einen professionellen, runden Auftritt kreieren – und zwar bereits zum Vorentscheid. Dabei sollte bloß nicht auf eine neue Lena geschielt werden. Vielmehr geht es um zeitgemäße Musik, unterschiedliche Genres und Authentizität. Das darf dann auch gern polarisieren.

Die Vorteile dieses Vorgehens wären vielfältig. So würde eine Entscheidungsshow mit maximal zwei Wahlgängen reichen. Und es müsste sich kein Musikexperte mehr durch abgestandene Mainstreampop-B-Seiten hören, nur um sich am Ende in endlosen demokratischen Abstimmungsrunden auf den am wenigsten störenden Song zu verständigen. Das kann man einfacherweise den TV-Zuschauern überlassen.

Ich gebe zu, ein deutsches UMK ist nicht meine Idealvorstellung für den deutschen ESC-Vorentscheid. Unter den gegebenen Umständen scheint es mir aber in mehrfacher Hinsicht geeignet. Da die Zuschauer nach all dem Hinundher der letzten Jahre ohnehin Kummer gewohnt sind, würden sie sich auch einem solchen Format nicht verweigern. Wenn sich jetzt noch der NDR besinnt und weniger verbissen einer fixen Idee hinterherjagt, könnte aus der aktuellen ESC-Asche durchaus ein neuer deutscher Phoenix hervorsteigen, der Deutschland mal wieder aus dem Platzierungskeller singen kann.