Live-Blog: Ungarn wählt harte Rocknummer „Viszlát nyár“ für Lissabon

Der erste richtige „Super Saturday“ des Jahrgangs 2018 brachte uns sechs parallele Live-Blogs. Eine der sechs Entscheidungen fiel in Ungarn. Dort wurde im Finale von A Dal (dem Format, das Ungarn seit ein paar Jahren nutzt, um seinen Song für den ESC zu bestimmen) der Nachfolger von Joci Pápai gesucht. Und gefunden. Auch 2018 wird Ungarn beim Eurovision Song Contest wieder auffallen. Diesmal mit richtig heftigem Sound der Band AWS. Unser Live-Blog zum Nachlesen.

Welch ein Samstag! Gleich fünf Länder – Ukraine, Moldawien, Slowenien, Lettland und Ungarn – veranstalten ihre Finalsendungen und legen sich damit endgültig auf ihr Lied für Lissabon fest. Außerdem sind die letzten sieben Songs des diesjährigen Melodifestivalen in Schweden zu hören.

Einen guten Abend aus Berlin! Ich schaue mir an, was sich Ungarn nach Lissabon zu schicken traut. Im Vorjahr gab es mit „Origo“ ja bereits eine ungewöhnliche Nummer, die prompt Platz 8 im Finale belegte (im Halbfinale Platz 2). Auch dieses Jahr könnte Ungarn wieder beim ESC auffallen, wo es im zweiten Halbfinale am 10. Mai starten wird.

Acht Songs aus anfangs 30 haben sich fürs Finale von A Dal qualifiziert. Hier wird das Finale live gestreamt.

Über die Auswahlprozedere heute Abend gab es ja schon vorab Diskussionen hier auf dem Blog. Dass allein die vier Juroren Judit Schell, Misi Mező, Károly Frenreisz und Miklós Both aus den Top8 erst mal eine Top4 zusammenstellen, aus denen allein dann das TV-Publikum mitwählen darf, ist schon kritisierenswert. Damit dürfte ein Publikumsliebling, nämlich Tamás Horváth, kaum Chancen haben – er wurde in den Vorrunden von der Jury mit vergleichsweise wenigen Punkten bedacht.

Noch läuft Werbung im ungarischen Fernsehen, aber gleich geht es los.

Mit dem offiziellen ESC-Trailer beginnt die Show. Und erst mal gibt’s eine Musical-hafte Eröffnung mit einem Typ, der an einer Stange tanzt, und mehreren Damen mit großen weißen Federfächern. Hat ein bisschen was von „Beauty and the Beast“: Be our guest!

Und da kommen die beiden Moderatoren des Abends: Freddie (ESC 2016) im schicken schwarzen Anzug und Kriszta Rátonyi, in einem blumigen Outfit. Sie begrüßen als erstes die vier Juroren auf der Bühne: Judit Schell, Károly Frenreisz, Misi Mező und Miklós Both. Und ne CD mit allen 30 A-Dal-Beiträgen gibts auch.

Dann stellen Freddie und Kriszta alle acht Finalisten vor (nur Männer heute Abend), danach machen die beiden etwas Smalltalk mit der Jury, die im Studio hinter einem erhöhten Pult an der Seite Platz genommen hat.

Und dann geht es los mit Startnummer 1, erst im Einspielfilm, dann auf der Bühne.

1. Leander Kills – Nem szól harang („Keine Glocke läutet“)
(Leander Köteles)

Laute Töne zum Start von A Dal. Drei Jungs mit langhalsigen Gitarren, rechts ein Schlagzeuger, der Backdrop in Rot, mit dicken Linien – sind das Äste? Venen? Wolle? Man weiß es nicht. „Nem szól harang“ ist eine teils gesprochene, teils gesungene, heftige Rocknummer, die mich an die Slowakei 2012 beim ESC erinnert. Das ist sehr rotzig, zwischendurch wird geschrien wie bei Slipknot. In der zweiten Hälfte kommt links ein Geigenspieler dazu. Mit dem Lied würde Ungarn beim ESC definitiv auffallen. Aber so rockige Songs kommen beim Europa-Publikum selten gut an. Für mich dennoch ein guter Start. 5/10

Die Jury darf ein bisschen was dazu sagen, ehe es weitergeht.

 

2. yesyes – I Let You Run Away
(Ádám Szabó, Dániel Somogyvári / Flóra Petneházy)

Bühne ganz dunkel, nur der weiße Nebel/Rauch wabert um die Band. Im Mittelpunkt steht der Frontmann, die restlichen Mitglieder von yesyes sind kaum zu sehen. Auch der Backdrop in schwarz weiß. Ich mag „I let you run away“ ja. Es ist auch ein Poprocksong. Weniger rockig als Leander Kills, aber auch stark. Höhepunkt ist die Akkordeon (!)-Einlage des Frontmanns direkt vor der Bridge, die zum letzten Refrain hinführt. Poprock mit Akkordeon, das ist auch mal was Anderes. Könnte ich mir beim ESC definitiv auch vorstellen! Ordentlich Applaus im Studio. Eindringlich gesungen, gut rübergebracht. 8/10

Auch hier gibt’s ein paar Jurykommentare.

 

3. Zsolt Süle – Zöld a május („Der Mai ist grün“)
(Zsolt Süle, Péter Bodnár / Zsolt Süle)

Älterer Mann besingt den Frühling. Nun ja… Die Gitarrenbegleitung gefällt mir. Hat was Melancholisches, was auch durch das Geigenspiel betont wird. Eine Art blühender Garten als Backdrop (der grüne Mai also), aber braucht es die Ballettänzerin links im Bild? Könnte – auf Italienisch gesungen – auch ein Sanremo-Beitrag sein. Altbacken, aber auf eine irgendwie sympathische Art. Nix für den ESC…. hätte man vor Salvador Sobral gesagt. Aber wer weiß? Ich denke trotzdem nicht, dass sich Zsolt Gedanken über eine Reise an den Tejo machen muss. Die Konkurrenz ist stark heute Abend. Da gibt’s klarere Favoriten fürs Lissabon-Ticket. 5/10

Nach ein paar Jurykommentare geht es weiter. Während Freddie im Studio moderiert, ist Kriszta im Greenroom und talkt dort ein wenig. Der eine von yesyes hat ne interessante Frisur: ein lockiges Grau.

Zurück in den Wettbewerb, nach dem kurzen Einspielfilm über Tamás Horváth kommt der, der bei euch Favorit ist – aber wohl A Dal nicht gewinnen wird. (Schade.)

 

4. Tamás Horváth – Meggyfa („Kirschbaum“)
(Tamás Horváth)

Tamás im tief ausgeschnittenen weißen T-Shirt, damit man seine Brusttattoos gut sehen kann – die Arme sind ja auch ordentlich tätowiert. Im Backdrop wieder die wirbelnden Herbstblätter. Auch die beiden Tänzer, die man zunächst nur als schwarze Schatten mit breitkrempigen Hüten zu Gesicht bekommt,sind wieder da. Tamás erinnert mich stimmlich an Freddie. „Meggyfa“ hat einen supereingängigen Refrain, der sich ins Hirn frisst und bei dem man sofort mitklatscht. Wie die Vorgänger ist das Lied ungewöhnlich konstruiert, hat eine spannende Instrumentierung, gegen Ende holt Tamás Besteck raus und klappert damit auf seinem Oberschenkel. Alles dabei. Ich fand es überzeugend. Im Topstartfeld wird er es bekanntlich schwer haben, aber ich könnte mir das sehr gut in Lissabon vorstellen. 8/10

Die Jury kommentiert den Auftritt.

 

5. Gábor Heincz „Biga“ – Good Vibez
(Gábor Heincz / Adrián Méhes)

Nicht nur das Mello hat seine Gute-Laune-Songs… auch A Dal darf sich über sowas freuen. Ich persönlich hätte „Good Vibez“ nicht im ungarischen Finale gebraucht, aber nun gut… Passend zur Stimmung des Songs ist die Bühne bunt, mit großen bunten Ballons hinter Gábor. Die Stimme ist mir ein bisschen zu hoch, und zwischendurch presst er auch die Töne eher raus. Für einen Stimmungssong ist das Lied nicht stark und unterhaltsam genug, es plätschert eher so dahin. Vielleicht guter Background-Sound für ein Bier am Strand, wenn die Sonne langsam im Meer versinkt. Mehr nicht. Könnte das schwächste Lied des Abends sein. 3,5/10

Nach einer weiteren Jurytalk-Runde kommt das nächste Lied. Inzwischen ist Kriszta wieder im Studio (damit Freddie im Greenroom, der jetzt mit yesyes quatscht, Gábor ist inzwischen auch da, Freddie fragt Zsolt was, dann Tamás und Gábor).

 

6. Gergely Dánielfy – Azt mondtad („Du sagtest“)
(Gergely Dánielfy / Árpád Völgyesi)

Gergely mit einer sehr zurückgenommenen Ballade, mit starker Gitarrenbegleitung. Zwischendrin kommt ein Geigenspiel dazu. Gergely trägt ein weißes Hemd, hat sich ein rotes Tuch um den Hals gebunden. Viele haben im Vorfeld „Azt mondtad“ mit dem Vorjahressieger „Amar pelos dois“ verglichen. Im zweiten Teil des Songs ist die ungarische Nummer aber bei weitem druckvoller als das Sobral-Werk. Wenn man den Text versteht, berührt einen „Azt mondtad“ vielleicht. Mich lässt das so eher kalt. Gergely schaut traurig in die Kamera. Ja, die Komposition hat etwas Todtrauriges. Beim ESC wäre sie mit einem englischen Text vielleicht sinnvoller. Optisch macht Gergely von allen Finalisten am meisten Krach, und er hat sein Lied gut gesungen. Starker Applaus im Studio. Ich gebe spontan 7/10.

Nach ein paar positiven Kommentaren der Jury (bei Judit hab ich ein „Glückwunsch“ rausgehört) darf Gergely in den Greenroom. Und es gibt kurz ein bisschen Werbung. Aber insgesamt ziehen die Ungarn es straff durch (anders als wohl die Letten, worüber sich Jan gerade in unserem Prinzblogger-Whatsapp-Kanal beklagt hat…)

So, zurück ins Studio. Erstmal ein Einspieler. Es wird wieder rockig. Hier sind weitere Topfavoriten auf den Sieg.

 

7. AWS – Viszlát nyár („Auf Wiedersehen Sommer“)
(Dániel Kökényes, Bence Brucker, Áron Veress, Soma Schiszler / Örs Siklósi)

„Viszlát nyár“ ist noch rotziger als vorhin die Nummer von Leander Kills. Beides sind heftige Rocknummern. Werden die sich am Ende Stimmen gegenseitig wegnehmen? Die Strophen sind noch vergleichsweise sanft, beim Refrain geht dann richtig die Post ab. Der Frontmann schreit, zuckt, Feuerbälle kommen aus dem Bühnenboden. Das ist vor allem in der letzten Minute EXTREM HEFTIG. Der Frontmann in einer blauen Jeansjacke schreit sich die Seele aus dem Leib. Nichts für die tragisch veranlagten ESC-Fans. Aber das könnte der ungarische ESC-Beitrag für Lissabon werden. Heftig, heftig. Harte Kost. Da muss man nach der Show erst mal durchatmen. Ist nicht my cup of tea, aber ich würdige den Einsatz der fünfköpfigen Band. Ein krasser Sommerabschied. 6/10

Die Jury kommentiert wieder.

 

8. Viktor Király – Budapest Girl
(Viktor Király, Ashley Hicklin, Marcel Záyodi, Tamás Király / Viktor Király, Ashley Hicklin)

Ein gezeichnetes weißes Auge auf schwarzem Grund, das ist der Backdrop zunächst bei Viktor. Dann erscheint ein großes rotes „Budapest“ wie ein Schriftzug an einer Kneipe. Viktor allein auf der Bühne in einer schwarzen Jacke, die er besser nach dem heutigen Abend in den Müll werfen sollte. Sieht unmöglich aus. Für Lissabon braucht er sie eh nicht, dazu ist „Budapest Girl“ in dem heutigen Lineup schlicht zu schlicht. Eine Art Gute-Laune-Song (und in dieser Richtung zumindest besser als „Good vibez“). Aber es kommt auch zu wenig rüber, auch wenn sich Viktor nach Kräften müht. Hat mich nicht überzeugt. Das war nett, aber nicht mehr. 4/10

Die Jury gibt ihren Senf dazu, und ich fasse zusammen: Meine Sieger wären Tamás Horváth oder yesyes (beide je 8 Punkte), dann Gergely (7) und AWS (6). Leander Kills und Zsolt mit je 5 Punkten landen noch vor Viktor (4) und Gábor (3,5).

Jetzt müssen die vier Juroren ihre Wertungszettel ausfüllen und in Umschläge stecken, diese dann zukleben. Alles live vor den Augen der TV-Zuschauer und der Leute im Studio. Die Umschläge werden eingesammelt. Dann begrüßen Kriszta und Freddie wieder alle acht Finalisten auf der Bühne.

Wir sind gespannt, gleich kommt das Juryergebnis: Nur die vier entscheiden erst mal, wer weiterkommt in die zweite Runde des Abends. Noch haben die TV-Zuschauer keinerlei Einfluss. Jeder Juror vergibt 4, 6, 8 und 10 Punkte, das heißt, jeder kann nur vier der acht Songs Punkte geben.

Juror 1: 4 an Gábor; 6 an Viktor; 8 an yesyes und 10 an Gergely. Der führt erst mal.

Juror 2: 4 an AWS; 6 an yesyes; 8 an Viktor und 10 an Gergely. Der führt weiter.

Juror 3 (Judit): 4 an AWS; 6 an Viktor; 8 an Gergely und 10 an yesyes. Gergely führt mit 28 Punkten vor yesyes.

Juror 4: 4 an yesyes; 6 an Leander Kills; 8 an Gergely und 10 an Viktor.

Das heißt: Weiter sind Gergely Dánielfy (36 Punkte), Viktor Király (30 Punkte), yesyes (28 Punkte) und AWS (8 Punkte). Schade um Tamás Horváth, aber das war zu erwarten. Dass dagegen die mäßige Nummer „Budapest Girl“ im Gold-Finale steht, ist unverständlich. Da hat man sechs richtig gute Songs (plus „Good vibez“ und „Budapest Girl“) und dann nimmt man von den sechs guten nur drei ins Superfinale?? Eine klare Fehlentscheidung der Jury.

An diesem Punkt ergibt das A-Dal-Konzept auch wenig Sinn. Das TV-Publikum sollte auch in Runde 1 schon ein Mitspracherecht haben, so haben vier Juroren viel zu viel Macht.

Jetzt sind endlich die TV-Zuschauer an der Reihe. Es gibt einen Schnelldurchlauf. Und dann einen Interval Act: Magna Cum Laude…

Freddie und Kriszta machen ein bisschen Smalltalk mit den vier, die noch übrig sind. Derweil werden weiter die SMS-Telefonnummern für AWS, yesyes, Viktor und Gergely eingeblendet.

Und jetzt darf Vorjahressieger Joci Pápai sein „Origo“ vortragen. Sollten die Ungarn nun tatsächlich „Budapest Girl“ wählen, wäre das nach dem ungewöhnlichen und guten Beitrag 2017 ein wahnsinniger Rückschritt, der dann auch am Sinn des A Dal Zweifel aufkommen ließe. Denn das Festival hat wirklich Qualität, das hat er in den letzten Jahren durchaus auch schon bewiesen. Wenn da nun die schwache Király-Nummer als Sieger hervorginge, wäre das eigentlich eine Katastrophe.

Die letzten Sekunden des Televoting laufen… und das war’s! Stop voting… Optisch würde ich ja Gergely oder yesyes bevorzugen. Aber es geht ja vor allem um die Musik.

So, spannungsgeladene Hintergrundmusik läuft schon. Kriszta quatscht, sagt was von „Lissabon“ – ja, darum geht’s. Und wer ist der Sieger? Es ist….

AWS.

Die harte Metal-Nummer hat also gewonnen, Punktergebnisse werden keine mehr eingeblendet. Aber da dürften, nachdem die Jungs nach dem Juryvoting nur auf Platz 4 lagen, noch ganz ganz ganz viele für AWS gestimmt haben.

Keine ruhige Nummer also aus Ungarn in Lissabon, sondern ganz heftige Rockklänge mit ziemlich viel Geschrei. Ob das bei den eingefleischten ESC-Fans ankommen wird? Einen Floorfiller im Euroclub sehe ich in „Viszlát nyár“ nicht. Polarisieren wird das Lied in jedem Fall. Aber Glückwunsch an die Rocker!

Natürlich dürfen sie nochmal ihren Siegertitel singen, der sich – ähnlich wie der deutsche Beitrag – mit dem Tod des Vaters beschäftigt. AWS gibt es schon seit 2006, die machen also seit Jahren Musik, haben auf Festivals nicht nur in Ungarn, sondern auch im europäischen Ausland gespielt (u.a. Österreich, Slowenien, England). Bühnenerfahrung bringen sie also jede Menge mit.

Damit verabschiede ich mich für heute. (Jans Liveblog zum lettischen Finale Supernova läuft noch hier….)

AWS – Viszlát nyár (Finalauftritt)

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