4. Platz für Deutschland: Zufallstreffer oder verlässliches Auswahlkonzept?

Nur eine knappe Woche nach dem deutschen ESC-Erfolg in Lissabon hat sich der NDR festgelegt: Das neu eingeführte Auswahlmodell, das Michael Schulte und „You Let Me Walk Alone“ hervorgebracht hat, soll auch in der neuen Saison zum Einsatz kommen. Der Schritt scheint logisch nach den erfolglosen Ansätzen der Vergangenheit. Aber kann auf Basis von n=1 quasi automatisch von weiteren ESC-Erfolgen ausgegangen werden?

Die Steine, die den Mitgliedern der deutschen Delegation und den Vertretern von Simon Kucher & Partners in Lissabon von den Herzen gefallen sind, konnte man bis nach Hamburg hören. Mit einem „radikalen Neuanfang“ wollte der NDR die Auswahl des deutschen ESC-Vertreters revolutionieren, diese systematisch gestalten und so erfolgreich werden. Dieser Plan wurde wie avisiert exekutiert und am Ende mit Platz 4 bei den Jurys und Platz 6 bei den TV-Zuschauern geadelt.

Auf dem Stück zwischen deutschem Vorentscheid und ESC kamen zwischenzeitlich Zweifel auf, da sich weder in den deutschen Charts noch bei den Radiostationen ein größerer Erfolg von „You Let Me Walk Alone“ einstellte. Aber das ganze System war auch nicht auf diese KPIs (Key Performance Indicators) getrimmt, sondern auf das Abschneiden beim ESC. Und das funktionierte – womit nun im Nachgang auch eine hohe Chartplatzierung erreicht werden konnte.

Damit hat der NDR gezeigt, dass er ohne Zutun Dritter nicht auf letzte ESC-Plätze abonniert ist. Mehr noch: Er kann auch ohne Ralph Siegel (Foto unten beim ESC 2017) und Stefan Raab eine Top 5 Platzierung beim ESC erreichen. Ein Sieg, den die beiden letztlich für sich bzw. ihre Schützlinge verbuchen konnten, ist jedoch noch unerreicht.

Dass der NDR nach dem erlösenden Erfolg in diesem Jahr auch in der nächsten Saison auf das neue Auswahlsystem setzt, ist nachvollziehbar. Hier gleich euphorisch von einem „Erfolgsmodell“ zu sprechen, wie es Blogger Peter in seinem gewohnt überschwänglichen Marketingsprech macht, scheint hingegen reichlich überstürzt. Denn bisher hat sich das System erst einmal bewiesen. Jeder Mitarbeiter von Simon Kucher, selbst die ohne statistisches Grundwissen, würden es ablehnen, auf der Basis einer Fallzahl von n=1 Aussagen über zukünftige ESC-Erfolge mit diesem Modell zu tätigen.

Denn es war nicht nur das strategische Vorgehen, das den ESC-Erfolg brachte. Es waren auch glückliche Zufälle und Entscheidungen. Dass Michael Schulte sich beworben hatte, dass er auf die bewegende Geschichte seines verstorbenen Vaters setzte, dass beim Song Writing Camp in der Konstellation der Song entstand, dass der NDR bei der Inszenierung endlich mal seine Hausaufgaben gemacht hat, dass Michael im Sommer selbst Vater wird und bereit war, im Semi das Geschlecht des Fötus zu verraten etc.

Die ohne Zweifel wichtigste Änderung in diesem Jahr war die Einführung des Eurovision- und des Jury-Panels sowie die Beschneidung der Macht des deutschen TV-Publikums. Endlich richtige ESC-Expertise im Vorentscheid! Zwar hatten auch die Zuschauer Michael Schulte als ihren Favoriten, aber es kann auch durchaus einmal anders aussehen und da ist es gut, diese korrigierende Macht zu haben.

Unser Lied für Lissabon: Die Top-Punkte des Eurovision-Panels werden verlesen

Weniger überzeugt bin ich hingegen vom längerfristigen Einsatz der Panels schon bei der Suche der Künstler. Die mehrfache Bewertung derselben Künstler durch dieselben Panelisten kann Folgeentscheidungen beeinflussen und verzerrt sein, wenn das Gesamtpaket aus Song, Künstler und Performance bepunktet wird. Dennoch helfen die Panels die Künstler und Beiträge nach denselben Kriterien auszusieben, die auch beim ESC angelegt werden. Dieser doppelte Test schafft Sicherheit:

Eurovision- und Jury-Panel sind die bestmögliche Versicherung für den NDR, dass Deutschland beim ESC nicht Letzter wird – vorausgesetzt, das zu bewertende Material hat die entsprechende Qualität.

Denn wie immer gilt auch hier: Shit in – Shit out. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, wo voXXclub, Xavier Darcy oder die anderen aus dem Vorentscheid beim ESC gelandet wären. Vielleicht hätte es der NDR ja tatsächlich geschafft, selbst Natia Todua einen solchen Auftritt zu verpassen, dass sie sich auf der linken Tabellenhälfte hätte platzieren können.

Aber ernsthaft: Ich sehe bei der Songauswahl im aktuellen Modus die größte Schwachstelle und den überragenden Fokus auf die Künstlerauswahl als falsche Prioritätensetzung. Thomas Schreiber, NDR-Unterhaltungschef, sieht das im Prinz ESC-Blog-Interview freilich anders: Er ist überzeugt von der Richtigkeit des Weges, „erst die Künstlerin bzw. den Künstler zu suchen und dann ein Song Writing Camp zu organisieren, um ganz gezielt für den ESC-Songs zu schreiben.“

Unser Lied für Lissabon: Xavier Darcy

Zunächst: Welche sechs Künstler brachte uns die aufwändige Suche in diesem Jahr? Eine bekannte Volksschlager-Gruppe, zwei The-Voice-Siegerinnen, zwei Künstler, die schon einige TV-Auftritte u.a. beim NDR hatten, und einen von wenigen Fans gehypten No-Name aus Hannover. Eine Netta? Eine Eleni? Ja, selbst ein Benjamin Ingrosso? Fehlanzeige. Muss man vielleicht auch nicht haben in einem Land, in dem Singer-Songwriter im Schlabberlook die Top-Künstler des Jahrzehnts sind. Zumal, wenn man selbst mit einem charisma-armen Mikrofonstativhalter mit toller Stimme einen 4. Platz beim ESC holen kann.

Wenn der Künstler am Ende gar nicht so kantig sein muss (wie es mal postuliert wurde), dann ist es also doch das Lied – und die Story. Thomas Schreiber geht also davon aus, dass es sich schon richtet, wenn man sich dafür in ein dreitägiges Song Writing Camp zurückzieht. Dass das auch in die Hosen gehen kann, haben in diesem Jahr die Schweizer erlebt. Auch sie haben einen Neustart gewagt. Auch sie haben ein Song Writing Camp durchgeführt. Und am Ende standen – wie in Deutschland – sechs Beiträge im nationalen Vorentscheid. Letztlich schafften die Zibbz aus der Schweiz (Foto unten) im hart umkämpften ersten ESC-Halbfinale den 13. Platz und schieden aus.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund überrascht es, dass gerade an diesem Punkt, der Songauswahl, im deutschen Vorauswahlsystem die Zügel so locker gelassen werden. Die beiden Panels haben lediglich 30 Titel (einige davon aus dem Song Wrinting Camp, andere von den Künstlern selbst sowie einige international eingereichte Lieder) nach Gefallen bewertet. Die sich daraus ergebene Experten-Einschätzung wurde als beratende Information bei der finalen Songauswahl den Interpreten zur Verfügung gestellt – die finale Entscheidung lag bei den Künstlern. Für mich ist das eine vergleichsweise späte Integration der Expertise der Panels und das auch nur in Bezug auf eine sehr kleine Anzahl von Titeln und ohne entscheidenden Einfluss auf die Auswahl.*

Die fehlende systematische Auswahl der Lieder (z. B. durch ein oder beide Panels) ist die größte Schwachstelle im deutschen Auswahlmodel.

So schön es für einen Künstler sein mag, einen persönlich bevorzugten Song beim Vorentscheid vorstellen zu können, so sehr kann er oder sie mit seiner/ihrer Entscheidung danebenliegen. Im schlimmsten Fall stellt sich dann auch die Frage, ob wirklich jedes Lied mit einem passenden Auftritt gerettet werden kann. Bei künstlerisch vielseitig begabten Interpreten, die also auch tanzen oder Zaubertricks machen können, mag das so sein. Reine Sänger haben da hingegen ausgedient. Da helfen auch keine aufblasbaren Projektionswände und Pyro mehr.

Wen interessiert schon der Song, wenn der Auftritt mitreißend ist?! Moldawien 2018

Mit der zweiten Anwendung des neuen Auswahlmodus werden weitere Erfahrungen gesammelt werden, zumal diesmal auch mit deutlich mehr Zeit gearbeitet werden soll. Auch wenn das grobe Raster feststehen mag, ist zum heutigen Zeitpunkt weder die Wiederholung des deutschen Erfolgs von Lissabon gesichert noch eine Platzierung auf der linken Tabellenhälfte. Dafür gibt es eben doch zu viele Stellschrauben im System und zu oft spielt auch das Glück eine wesentliche Rolle.

Für mich ist der 4. Platz von „You Let Me Walk Alone“ ein Glückstreffer, der auf Basis eines Systems mit mehreren richtigen Komponenten zustande gekommen ist und eine maximale negative Fallhöhe bis Platz 20 hatte. Ich lasse mich in den nächsten Jahren aber gern davon überzeugen, dass das System mehr drauf hat.

 

*In einer früheren Fassung des Artikel hieß es in diesem Absatz, die beiden Panels hätten bei der Liedauswahl keinen Einfluss gehabt. Das ist nicht korrekt. Der Artikel wurde entsprechend geändert.