7 Acts für Wien – Top oder Flop?

Bildschirmfoto 2015-01-15 um 11.43.22
Du meine Güte, was für ein Tag! ESC-Deutschland im Ausnahmezustand! Seit in aller Herrgottsfrühe die sieben fest nominierten Acts für den Vorentscheid am 5. März in Hannover bekannt gegeben wurden, quellen die einschlägigen Foren über. Das und die vom NDR präsentierte Auswahl darf natürlich keinesfalls unkommentiert bleiben.

Ja, für viele ESC-Fans ist der Musikwettbewerb so etwas wie für andere Leute die Fußball-Europameisterschaft. Bevor es aber auf das internationale Parkett geht, muss man sich jedoch zunächst einmal ausführlich mit der Bundesliga des ESC, dem deutschen Vorentscheid befassen. Ich wollte diesen Kommentar nicht bereits heute vormittag veröffentlichen, weil ich erst einmal die Fan-Reaktionen auf die sieben Acts beobachten wollte. Ich hätte es mir sparen können – das ESC-Geschäft ist eben doch ein ziemlich vorhersehbares und bei den eingefleischten ESC-Fans haben wir es – um im Fußballvergleich zu bleiben – mit lauter Bundestrainern zu tun.

Die unterschiedlichen Reaktionen reichen von „ganz furchtbare Zusammenstellung“ bis „großes Lob an den NDR“. Dazwischen gibt es die gesamte Bandbreite an Einschätzungen. Den einen fehlen die Stars, andere weisen darauf hin, dass ein Star auch kein Erfolgsgarant ist. Die einen bemängeln die jeweiligen Musikstile vieler Acts, andere beharren darauf, dass man doch erst einmal die konkreten Wettbewerbssongs abwarten möge. Und so weiter und so fort.

Und der „Riss“ geht natürlich auch durch die Gemeinschaft der PRINZ-Blogger – wir sind ja schließlich auch nur Menschen ESC-Fans. Pseudointellektuelle Musik wird hinter den Namen vermutet, die außerhalb deutscher Grenzen nur mit Unverständnis aufgenommen werde. Und zu wenig Schlager (eigentlich ja gar keiner) sei im Angebot – offenbar habe man weder beim NDR noch bei den Plattenfirmen die Zeichen der Zeit erkannt und verharre im alten Schubladendenken. Da kann man dann natürlich die Gegenfrage stellen, wer rein schlagermäßig abseits einer Helene Fischer derzeit eigentlich relevant sein sollte, um dieses Genre international glaubwürdig zu vertreten.

Einzelne Acts wurden aber auch sehr wohlwollend bis geradezu enthusiastisch aufgenommen. Rein fantechnisch zeichnet sich zum Beispiel mit dem Damentrio Laing ein Favorit ab, auch wenn andere warnen, man könne nicht schon wieder drei Frauen zum ESC schicken.  Ein Argument übrigens, das einer gewissen Komik nicht entbehrt, wie ich finde, denn Jahr für Jahr sehen wir einzelne Männer und Frauen, die auch einfach so immer wieder ins Rennen geschickt werden. Einige von ihnen gewinnen sogar…

Überhaupt die Ähnlichkeiten. Mrs. Greenbird klingen wie die Common Linnets, Noize Generation ist stark angelehnt an Avicii, Fahrenhaidt machen offenbar auf Schiller. Die eierlegende Wollmilchsau, die für Deutschland die ESC-Musik neu erfindet, ist mal wieder nicht dabei – was für eine Überraschung! ESC-Fans haben einen hohen Anspruch an das Angebot, schließlich gibt es das auch nur einmal im Jahr. Und sie sparen auch nicht mit vernichtender Kritik, wenn es sein muss. Der ESC ist schließlich kein Ponyhof!

Was ich allerdings diesmal bemerkenswert fand, ist die Tatsache, dass diese ganz schlimme und ätzende Kritik so ein bisschen ausgeblieben ist. Der überwiegende Teil der scheint das Angebot „interessant“ zu finden und ist gespannt auf die Songs. Recht haben sie, denn auf die kommt es letztlich an – und auf die Performance! Das kann man gar nicht oft genug sagen und man kann auch allen Acts nur raten, sich einen umfassenden Plan zu machen, und zwar von der Bühnengestaltung bis zur Nagellackfarbe.

Wenn ich nun meine persönliche Meinung zu den „sieben Glücklichen für Hannover“ kundtun soll, dann möchte ich festhalten, dass mich auf den ersten Blick die Ausgewogenheit überzeugt hat. Es gibt wirklich sieben komplett unterschiedliche Musikstile – Dance, Country-Folk, Elektro-Pop, textlastige Pianoballaden, mittelalterliche Klänge, Soul/Blues und Nature-Pop (was immer das auch sein mag…). Persönlich sagt mir das längst nicht alles zu – aber das muss es ja auch nicht. Ein Megastar ist auch nicht dabei, aber wir wissen ja nun alle, dass beim ESC große Namen Schall und Rauch sind. In den letzten zehn Jahren hat gerade mal ein nationaler Star den ESC gewonnen, alle anderen kamen aus der zweiten Garde oder waren komplette Newcomer. Warten wir also die komplette Musik ab und bilden uns unser abschließendes Urteil dann ein zweites Mal!

Musikalisch glaube ich, dass uns eine spannende Vorentscheidung erwartet. Allerdings gibt es aus meiner Sicht dennoch einen Riesenkritikpunkt – das Auswahlverfahren. Da verstehe ich den NDR nun beim besten Willen nicht. Das komplizierte mehrrundige Verfahren führt selbst bei eingefleischten Fans, die sich ja nun wirklich eingehend mit der Materie beschäftigen, noch immer zu Fragezeichen. Wie soll da Max Mustermann am Bildschirm folgen können? Die Tatsache, dass wir im vergangenen Jahr in Köln in jeder Runde einen anderen Sieger hatten, beweist in meinen Augen die Beliebigkeit des Systems. Viele entsprechende Kommentare aus dem Kollegen- und Bekanntenkreis waren der hinreichende Beleg für die während der Abstimmungsphasen entstandene Verwirrung. Sowas kann dann auch schon mal zu einem Zufallssieger führen, fürchte ich. Man könnte doch auch einfach mal wieder einen Vorentscheid mit zehn Liedern und einem simplen Televoting machen. Denn letztlich geht es doch um Musik und nicht um Mathematik…

Aber sei´s drum. Jetzt freue ich mich erst einmal auf die nächsten diskussionsreichen Wochen bis Hannover, dort auf einen hoffentlich spannenden und vorurteilsfreien Vorentscheid und einen Sieger, der uns in Wien würdig vertritt. Denn auch wenn Siegen ganz toll ist, wissen wir doch insgeheim alle, dass sich das niemals planen lässt und von Zusammenhängen beeinflusst wird, die wir heute noch gar nicht kennen. Aber hinterher – da haben wir dann alle gewusst, weshalb es so kommen musste, wie es gekommen ist!