Abschied von einem Ausnahmetalent: Erinnerungen zum Tode von Lill Babs

Der April macht, was er will. Vor Jahrzehnten schenkte er einer Sängerin ein Lied, mit dem sie international für Aufmerksamkeit sorgen konnte, nun nahm er der schwedischen Musikszene eine ihrer beliebtesten Künstlerinnen. Im Alter von 80 Jahren erlag am 3. April Lill Babs einem Krebsleiden. 1961 durfte sie ihr Land in Cannes mit „April April“ vertreten.

Geboren als Barbro Margareta Svensson am 9. März 1938 in Järvsö hatte sie ihren ersten Auftritt als 15-jährige in ihrer Heimatstadt. Kurze Zeit später begann sie mit dem Lasse Schönnings Orchester auf der Bühne zu stehen. Ein Jahr später wurde sie von Simon Brehm entdeckt und landete in Stockholm, wo sie unter anderem ihre erste Platte mit „Min mammas boogie“ und „Svar till ‚Ung och kär`“ darauf herausbrachte.

Simon Brehm war auch dafür verantwortlich, dass aus Barbro Svensson Lill-Babs, die kleine Babs, wurde. Man wollte einen Gegensatz schaffen zu der 2014 verstorbenen Alice Babs, die damals wesentlich populärer war und deren Nachruf man hier nachlesen kann.

Für Lill Babs ging es dann Schlag auf Schlag. 1957 debütierte sie im Fernsehen und sie erhielt ihre erste Freilichtbühnenshow, die sie durch das ganze Land führte. Wiederum ein Jahr später kamen das Theater und der Film auf sie zu.

Stikkan Anderson verschaffte ihr dann den großen Hit. „Är du kär i mej ännu Klas-Göran?“ nahm sie 1959 auf und kassierte damit einen Megaseller.

Lill Babs – Är du kär i mej ännu Klas-Göran?

Sanna Nielsen, Lill Babs, Tommy Körberg & Per Andersson – Stikkan Andersson Medley

Mit dem Erfolg kam damals auch der Eurovision Song Contest. Für den Contest 1960 begann die schwedische Auswahl schon im November 1959. Via Radio stellten acht Künstler Lieder vor, von denen eine Jury eines für das Halbfinale am 28. Dezember auswählte. Lill Babs sang am 20. November ihre Songs, von denen „En kyss (Ein Kuss)“ geschrieben von Albert Stenbock und Fritz-Gustaf Sundelöf ausgesucht wurde. Ins Finale gelangte der Song jedoch nicht.

Ein Jahr später stand sie wieder im Kandidatenfeld. Jeweils fünf Lieder wurden in zwei Versionen vorgetragen. Solch ein Auswahlverfahren kannte man auch in anderen Ländern wie zum Beispiel in den Niederlanden. Zum einen sang man mit dem SR Entertainment Orchester unter der Leitung von William Lund, zum anderen mit dem Göte Wilhelmson Quintett. Lill Babs interpretierte „Stockholm“ mit dem Quintett und „Vårvinter“ mit dem Orchester.

Die beiden Lieder wurden nicht durch die fünf regionalen Juries erwählt. „Vårvinter“ kam mit 71 Punkten auf Platz 2 und „Stockholm“ landete sogar nur auf den letzten Platz mit 57 Punkten. Der siegreiche Song hieß „April April“, welches Gunnar Wiklund und Siw Malmkwist interpretiert hatten. Letztere hatte ihren Vortrag etwas versemmelt, da sie den Text vergessen hatte und ihr Pfeifen in Lachen überging. Das missfiel dem schwedischen Sender und so wurde Lill Babs als Interpretin bestimmt und nach Cannes entsandt.

Lill Babs – April April

Als Siebtes trat Lill Babs im Palais des Festivals auf die Bühne und sang ihr Lied von Bobby Ericsson und Yngve Orrmell alias Bo Eneby. Nur der Gastgeber aus Frankreich fand jedoch Gefallen an dem Lied und gab 2 Punkte. Damit endete Lill Babs Eurovisionstraum auf Platz 14.

Jedoch tat dieser Mißerfolg der Karriere keinen Abbruch. Das Ausland wurde auf die Künstlerin aufmerksam. Stefan von Baranski holte sie nach Deutschland und Werner Scharfenberger schrieb zusammen mit Fini Busch ihr das Lied „Wo finde ich den Mann?“. Aus der schwedischen Lill-Babs wurde die deutsche Lill Babs ohne Bindestrich. Sie interpretierte weitere Titel, die aber keine Charterfolge wurden. Jedoch fand man sie sich in verschiedenen musikalischen Filmen wieder und sie war ein gern gesehener Gast im TV.

Lill Babs – Wo finde ich den Mann?

Mit Peter Kraus nahm sie zwei Singles auf und ging auf Tour mit ihm durch die DDR. Später wurde bekannt, dass die beiden eine Beziehung hatten, die aber schon Mitte der Sechziger wieder beendet war. Ebenso verblasste ihr musikalischer Stern in der Bundesrepublik, während die Schweden weiterhin ihr treu blieben.

 

 

 

Lill Babs – Amore

Ein besonderer Moment war 1963 die Begegnung mit den Beatles in der schwedischen Sendung „Drop-In“. Lill Babs trat als Hauptact auf und so bat die noch unbekannte englische Gruppe sie um ein Autogramm.

1969 verschlug es Lill Babs nach Norwegen. Dort nahm sie an der nationalen Vorentscheidung für Madrid teil. Ihr Lied „Juksemaker pipelort“ geschrieben von Sigurd Jansen und Rolv Wesenlund erhielt jedoch keinen einzigen Punkt von den 10 Juries und landete damit auf Platz 10.

Lill Babs – Juksemaker pipelort

Abschied als Teilnehmerin von der Eurovision nahm sie am 10. Februar 1973, als sie sich zum letzten Mal in die Arena des Melodifestivalen begab. In einem hochkarätigen Feld sang sie „Avsked från en vän“ und erhielt 7 Punkte, womit sie gleich hinter „Ring Ring“ von den Siegern von 1974 landete, nämlich ABBA. Geschrieben wurde ihr Abschiedslied für einen Freund von Peter Totth und Britt Lindeborg, welche auch den Siegertitel von 1984 verfasste.

Schnelldurchlauf aller 10 Beiträge Melodifestivalen 1973

Lill Babs stellte sich musikalisch breiter auf. Sie übernahm die Rolle der Annie Oakley in Annie Get Your Gun und tourte mit Sammy Davis jun. durch Skandinavien. Zudem war sie mit diversen Showprogrammen präsent.

Lill Babs – Man får aldrig en karl med gevär

In den Achtzigern verlegte sie sich auch noch auf das Moderieren und entstanden Sendungen wie „Hemma hos Lill-Babs“, „Morgonlust“, „Vem tar vem“ und „Cocktail“.

Lill Babs – Hon är jag

Die große Revivalwelle machte auch vor Lill Babs nicht halt und so stand sie in den Neunzigern mit Siw Malmkwist, Wencke Myhre und Ann-Louise Hanson mehrfach gemeinsam auf der Bühne.

 

 

Lill Babs, Siw Malmkwist & Ann-Louise Hanson – Hit Medley

Und die Karriere setzte sich im neuen Jahrtausend fort mit Fernsehauftritten und Film- und Serienrollen. Ihre letzte Rolle war bis 2018 die Lesbe „Gugge“ in der Serie „Bonusfamiljen“. Das Buch zur Serie muss nun umgeschrieben werden.

Lill Babs – Du publiken

Zweimal war Lill Babs verheiratet. Von 1965 bis 1968 hiess ihr Ehemann Lasse Berghagen (Schweden Eurovision 1976) und gleich anschließend 1969 heiratete sie den norwegischen Fußballspieler Kjell Kaspersen. Mit ihm war sie vier Jahre verheiratet. Drei Töchter durfte sie groß ziehen: Monica Svensson (geboren 1955), Malin Berghagen (geboren 1966) und Kristin Kaspersen (geboren 1969).

Lill Babs und Malin Berghagen – En kväll i juni

Die Bedeutung von Lill Babs läßt sich anhand der Reaktion des schwedischen Fernsehens und Rundfunks auf die Todesnachricht der Sängerin erkennen. Auf allen Kanälen wurde das Programm geändert und Sondersendungen über das Leben des Ausnahmetalents gebracht.

Für die Schweden bedeutet der Tod von Lill Babs ein großer künstlerischer Verlust und ihre Fans im In- und Ausland werden die Vielseitigkeit von Lill Babs in Erinnerung behalten.

Lill Babs – Den blomstertid nu kommer (Zu Ehren von Köngin Silvias 50. Geburtstag)