Addio bella Lys Assia: Mit 94 Jahren starb die erste Eurovisionssiegerin

Für Eurovisionsfans unvorstellbar, aber im gesegneten Alter von 94 Jahren starb gestern Lys Assia. Auch wenn ihr Sieg schon viele Jahrzehnte zurücklag, war sie doch fast jedes Jahr irgendwie beim Eurovision Song Contest präsent. Als erste Siegerin des Wettbewerbs galt sie als Aushängeschild. Dabei war ihr größter Erfolg ein ganz anderes Lied, nämlich der Klassiker „O mein Papa“.

Geboren als Rosa Mina Schärer am 03. März 1924 in Rupperswil wuchs sie mit 11 älteren Geschwistern auf. Ihr Vater war Betreiber eines Installationsgeschäftes. Ihr Leben richtete sich früh auf ein künstlerisches Leben aus. Alles begann mit Ballettunterricht und endete auf dem Konseratorium und an der Kunstakademie.

Die ersten Schritte auf den Brettern, die die Welt bedeuten, machte sie noch zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, wo sie als Mitglied des Riva-Balletts französische Truppen betreute. Als Sängerin erhielt sie ihre ersten Auftritte in Nizza, was dazu führte, dass in der Schweiz bei der Suche nach einem neuen Talent die Wahl auf Lys Assia fiel, die dadurch ihren ersten Plattenvertrag erhielt.

Ihre musischen Wege führte sie ins Ausland und als sie für Josephine Baker in Paris einspringen durfte, machte sie sich unentbehrlich. Die Operette Feuerwerk von Paul Burkhard offerierte ihr den Song „O mein Papa“, mit dem sie auch in Deutschland einen Riesenerfolg feiern konnte.

Lys Assia – O mein Papa

1956 hob man in der Schweiz den Eurovision Song Contest alias Gran Premio Eurovisione 1956 della Canzone Europeas aus der Taufe. Sieben Länder entsandten ihre Vertreter nach Lugano. 1956 ist das einzige Jahr, wo jedes Land zwei Lieder in den Concours entsenden durfte. 3 Künstler bewarben sich in der Schweiz national um die Teilnahme. Von den 11 Liedern stellte Lys Assia insgesamt 5 Titel vor. Einige sang sie zusammen mit der „Quinteta Radiosa„. Die Lieder lauteten „Sei doch nicht so eifersüchtig“, „Le Bohémien“ und „Addio bella Napoli“. Triumphieren konnte am 28. April in Lausanne jedoch ihre beiden anderen Titel „Das alte Karussell“ und „Refrains“, was später zu „Refrain“ wurde.

Jeder kennt heute das Ergebnis. Mit dem Song von Emile Gardaz und Géo Voumard „Refrain“ startete Lys Assia von Start-Nr. 9 und wurde zum Schluss zur Siegerin erklärt. Die Punktevergabe von damals bleibt bis heute ein Mysterium.

Lys Assia – Refrain

Am 11. Januar 1957 ehelichte sie Johann Heinrich Kunz, mit dem sie nur 9 Monate verheiratet sein durfte, da Johann Kunz todkrank war.

Eine erneuten Versuch beim nationalen Entscheid unternahm die Siegerin des Vorjahres am 11. Februar 1957. Abermals interpretierte sie 5 der 11 Lieder: „Lasciami tranquillo“, „Derrière la cathedrale“, „Ein trautes Lied vom Turm herab“ und „Ça n’epechera pas“. Die Siegestrophäe erhielt sie jedoch für „L`enfant que j`etais“, was auch wieder Emile Gardaz und Géo Voumard geschrieben hatten. In Frankfurt startete sie als Letzte von 10 Teilnehmern, erhielt aber nur 5 Punkte, was sie auf Platz 8 zurückwarf.

Lys Assia – L`enfant que j`etais

Lys Assia konnte dieses Ergebnis nicht so stehen lassen und so nominierte das Schweizer Fernsehen sie 1958 direkt. „Giorgio“ geschrieben von Paul Burkhard und Fridolin Tschudi sang sie wiederum als letzte von 10 Teilnehmern in Hilversum und eroberte 24 Punkte, was einen zweiten Platz bedeutete.

Lys Assia – Giorgio

Jene Jahre zählen zu den erfolgreichsten in der Karriere der Sängerin. Sie veröffentlichte mehrere Singles und spielte in verschiedenen Filmen mit. 1963 beendete sie ihre intensive musikalische Laufbahn, da sie den dänischen Generalkonsul und Multimillionär Oscar Pedersen heiratete, mit dem sie in seiner Heimat sein Hotelimperium führte. Bis zu Pedersens Unfalltod 1995 waren die beiden glücklich verheiratet.

Ich persönlich wurde 1981 auf Lys Assia und ihrer Vergangenheit bei der Eurovision aufmerksam, als sie bei der Gala der Sieger des Grand Prix Eurovision de la Chanson in Mysen, Norwegen am 22. August auftrat. Dorthin reiste sie mit ihrem Mann.

Des öfteren tauchte sie bei nationalen aber auch internationen Eurovisionsveranstaltungen ein. 1997 lud der deutsche Fanclub des OGAE sie zu einer Autogrammstunde während der nationalen Vorentscheidung „Der Countdown läuft“ am 27. Februar ein, wo ich mit ihr ein paar Worte wechseln konnte. 2006 stand sie als Gast bei der deutschen Vorentscheidung auf der Bühne.

Die Jubiläumsgalas von 2005 in Kopenhagen und 2015 in London bereicherte Lys Assia als Gast. 2008 eröffnete sie das Voting in Belgrad mit Jovana Janković und Željko Joksimović, ein Jahr später erhielt Alexander Rybak den Siegespreis aus ihren Händen.

Nach dem Tode ihres zweiten Mannes kehrte sie wieder zur Musik zurück und auch der Eurovision Song Contest lockte sie. Zunächst machte sie einen Abstecher zum Grand Prix der Volksmusik 2007. „Sag mir wo wohnen die Engel“ sang sie zusammen mit Béatrice Egli. National gewannen sie, aber im Wettstreit mit Deutschland, Österreich und Südtirol blieb sie auf Platz 12 hängen. Die Schuld für dieses Abschneiden schob sie der damals noch unbekannten Béatrice in die Schuhe.

Lys Assia & Beatrice – Sag mir wo wohnen die Engel

2011 bewarb sie sich mit dem Song „C’etait Ma Vie“ von Ralph Siegel für die Teilnahme am Concours in Baku 2012. Im November wurde sie von Schweizer Fernsehen fürs Finale ausgewählt, wo sie am 10. Dezember 2011 von Startposition 13 mit 5,8 % den achten Platz erreichte.

Lys Assia – C’etait Ma Vie

Für den Contest 2013 unternahm sie einen weiteren Versuch. Mit den Rappern New Jack und dem Titel „All in your head“ wiederum von Ralph Siegel schaffte sie es nicht für das Finale ausgewählt zu werden.

Lys Assia feat. NewJack – All in your head

Im gleichen Jahr war sie auch beim Contest in Malmö zu Gast, wo ich sie zum letzten Mal live vor Ort sah. Beim zweiten Halbfinale sass sie auf der gegenüberliegenden Empore im Publikum. Schon damals haben Bloggerkollege Jan und ich uns darüber unterhalten, wie es wohl sein würde, wenn die erste Siegerin des Contests nicht mehr leben sollte. Man konnte sich das irgendwie nicht vorstellen.

Lys Assias musisches Schaffen umfasst nicht den Großteil ihres Lebens, jedoch war sie durch ihren Riesenerfolg „O mein Papa“ und als erste Siegerin des Eurovision Song Contest immer wieder präsent in der Medienlandschaft. Diese beiden Momente werden die Fans in aller Welt in Erinnerung behalten und es ist davon auszugehen, dass sie auch in Zukunft beim Eurovsion Song Contest präsent bleiben wird.

Lys Assia – Arriverderci Roma