Alena Lanskaja vertritt Weißrussland beim Grand Prix in Baku

Weißrussland hat entschieden: Eine blonde Rapunzel singt für die Ex-Sowjetrepublik (andere sagen: Diktatur) den Titel All my Life beim Eurovision Song Contest in Baku. Der eigentliche Wettbewerb war mit netto 60 Minuten überschaubar kompakt. Die anderen 60 Minuten waren mit einem bunten und exquisiten Eurovision-Programm gefüllt, das das Land noch näher an den finaziellen Ruin gebracht haben dürfte.

Zwischenzeitlich konnte man bei der Show aus Minsk glatt vergessen, bei einem nationalen Vorentscheid zu sein – so abwechslungsreich war das Line-Up der Eurovision-Größen. Lys Assia, Koldun, Marija Serifovic, Sinplus, Sakis Rouvas, Ruslana, Alexander Rybak, Ell & Nikki und Philip Kirkorov gaben sich die Klinke in die Hand.

Dana International schickte zumindest einen Videogruß („Viva la Belarus“). Anschließend sang ein junger Juri den Titel Diva in einer (weiß-)russischen Version und wurde dabei von acht pompös geschmückten Fernsehballett-Grazien umtanzt. Nur die angekündigte Lena aus Deutschland fehlte. Dennoch: Ein – um es auf USfB-Deutsch zu sagen – Samenzieher-Line-Up, über dessen Finanzierung man sich bei dem wirtschaftlich darbenden Land lieber keine Gedanken macht.

Wen das jetzt stark an das Kulturprogramm bei der Auslosung der Halbfinalsteilnehmer in Baku erinnert, der liegt ganz richtig. Allerdings hat das weißrussische Regime einen deutlichen Erfahrungsvorsprung in Sachen Propaganda: Während in Baku saturierte Oligarchen ins Publikum gesetzt worden waren, die der ganzen Prozedur reichlich gelangweilt beiwohnten, steppte in Minsk der weißrussische Bär. Hier saßen viele hundert junge Menschen, die hungrig sind nach internationalem Flair. Da wurde sogar Lys Assis frenetisch gefeiert wie sonst nur von tragischen Fans bei Eurovision-Fanclubtreffen.

Aber eigentlich ging’s natürlich um die Entscheidung, welches Lied und welcher Künstler – so nicht Diktator Präsident Lukaschenko sein Veto einlegt – Weißrussland beim Eurovision Song Contest im Mai vertritt.

Die Präsentation der fünf Titel war effizient und es zeigte sich schnell, dass Alena mit ihrer Ballade All my Life auf der Startnummer 1 und Litesound als vierte im Rennen mit ihrer Radio-Pop-Nummer We are the Heroes die größten Chancen in Baku haben dürften. Die Zuschauer vor Ort hätten – ihrem Applaus nach – Litesound auch ohne die ganze Vorentscheid-Chose direkt nach Baku geschickt.

So gab’s also ein paar schöne Stimmen, mittelpächtige Songs und vor allem lustige Gimmiks: Im Hintergrund von Alena schaukelte jemand auf einem Mond wie sonst nur Helene Fischer während ihrer Konzerte.

Gunesh präsentierte sich während ihres Beitrags Tell me why als Mitglied der Familie Munster.

Die Hintergrundsänger von Viktoria Aleshko hoben in ihrem Dream irgendwann ab und wählten den vergleichsweise ungewöhnlichen Bühnenabgang nach oben (Video bisher nicht verfügbar, aber sehenswert).

Die Jungs von Litesound hatten ihre aus dem Halbfinale bekannten Hemden mit Delfter-Kachel-Optik gegen Motorrad-Anzüge im Salamanderlook getauscht. Aber wie heißt es so richtig: Einen schönen Menschen kann nichts entstellen.

Ganz im Gegensatz zu seinem Liedtitel präsentierte sich Uzari beim Vortrag seines Titels The Winner überhaupt nicht als Gewinner. Auch die rot lackierten Nägel konnten das nicht ändern.

Die Ergebnisbekanntgabe fiel im Vergleich zur Show deutlich ab. Offenbar hatte jemand die Stimmen der TV-Zuschauer, die 15 Minuten lang anrufen konnten, und die der Jury bereits zusammengezählt. Sie wurden interessanterweise im Eurovision-Stil vorgetragen:

6 Punkte Uzari, 7 Punkte Viktoria, 8 Punkte Gunesh, 10 Punkte Litesound und letztlich 12 Punkte für Alena Lanskaja.

Ihr Titel All my Life ist sicher keine Innovation des Sujets Ballade. Allerdings hätten ihre Konkurrenten von Litesound gegen das bereits recht starke ESC-Startfeld von attraktiven Männern mit Uptempo-Songs wohl keine allzugroße Chance gehabt.