Alles zur ESC Host City 2018 (1): Lisboa, meu amor

Lissabon, CC BY-ND 2.0 DE https://www.flickr.com/photos/michi_loheit/
Lissabon, Quelle: https://www.flickr.com/photos/michi_loheit; CC BY-ND 2.0 DE

Am Rande Europas liegt eine der schönsten Städte des Kontinents, davon ist unser Gastblogger Christian Welisch überzeugt. In einer dreiteiligen Serie für den PRINZ Blog stellt er euch seine Lieblingsorte in Lissabon vor und nennt die wichtigsten Orte für alle, die in Kürze zum ESC in die portugiesische Hauptstadt reisen. Hier beschreibt er schonmal, was Lissabon für ihn ausmacht und wieso er immer wiederkommt.

Lissabon, aus Gold und Silber
Ich kenne keine Schönere,
Singst ewiglich
Und tanzt vor Freude,
Dein Antlitz schimmert
Auf dem Kristallblau des Tejo.

So poetisch und treffend besang schon die große Amália Rodrigues ihre Stadt Lissabon. Viel ist seither geschehen: Die Portugiesen vertrieben das Salazar-Regime, stießen wenig später zur großen EU-Familie, und das ehemalige Armenhaus mauserte sich zum Musterknaben, bevor mit der Eurokrise ein gewaltiger Dämpfer folgte. Und auch wenn sich Lissabon mit den Jahren ebenso verändert, scheint Portugals Hauptstadt ein klein wenig mehr an der Vergangenheit zu hängen als andere europäische Metropolen. Und das macht ihren einmaligen Charme aus.

Das wird schon im Straßenbild in der Innenstadt deutlich: Rumpelnd und ächzend bewegen sich die alten Straßenbahnen die sieben Hügel der Stadt empor und hinab und kratzen förmlich an den Häuserecken. Welche andere europäische Metropole würde sich solche Exzentrik leisten? Denn sonderlich komfortabel oder schnell sind die alten Carrios nicht gerade. Als die Lissaboner Verkehrsbetriebe die alten Waggons ausrangieren wollten, brach ein Sturm der Entrüstung unter den Lisboetas los. Und so rattern die Trams heute noch auf innerstädtischen Linien.

Eine Liebeserklärung an die Carrios im Walzertakt

Wer durch die Altstadtgassen streift, kommt nicht umhin zu bemerken, dass auch die eine oder andere Fassade schon bessere Tage gesehen hat. Eine jahrzehntelange verfehlte Wohnungspolitik sorgte dafür, dass es für einige Hausbesitzer billiger war, die Häuser verrotten zu lassen, statt sie zu vermieten. Erst langsam entdecken besonders junge Portugiesen jedoch, dass sich die Investition in Bausubstanz durchaus lohnen und man mit Ferienapartments eine Menge Geld verdienen kann. Noch hat das Ganze nicht die Ausmaße von Barcelona oder Reykjavík erreicht, so dass die Lisboetas Besuchern nach wie vor freundlich gesonnen sind. Sind sie doch die Haupteinnahmequelle der Stadt.

Im Zuge der Eurokrise musste sich Lissabon neu erfinden. Und es besann sich auf seine Schönheit – und seine Kreativität. Längst ist die Stadt zum Zentrum für digitale Nomaden und Start-up-Firmen geworden, die das milde Klima, die preiswerten Mieten und die gut ausgebildeten jungen Portugiesen schätzen. Es bildeten sich kreative Zentren wie die LX Factory, in der internationale Projekte aus der Taufe gehoben werden und junge Designer erste vorsichtige Schritte wagen. Auch die früher verrufene Gegend um den Bahnhof Cais do Sodré erneuerte sich und avancierte schnell vom Rotlichtbezirk zum trendigen Ausgehviertel. Mitten drin der Mercado da Ribeira, in dem die besten Restaurants der Stadt kleine Dependancen haben und man jeden Abend eine andere Küche probieren kann.

Lissabon LX Factory, https://www.flickr.com/photos/francesbean; CC BY-ND 2.0
Lissabon LX Factory, Quelle: https://www.flickr.com/photos/francesbean; CC BY-ND 2.0

Nach dem großen Erdbeben und dem folgenden Tsunami, der Lissabon 1755 dem Erdboden gleich machte, beäugten die Lisboetas den Tejo über lange Zeit mehr als misstrauisch und wandten ihm den Rücken zu. Erst im dritten Jahrtausend entdeckte man sein Ufer neu. Kaum zu glauben, aber die Promenade entlang des Tejo gab es lange Zeit nicht, und die Lisboetas verzichteten freiwillig auf die grandiosen Aussichten auf ihren Fluß und die Brücke des 25. April direkt am Wasser. Doch die Docas, die Docks der Stadt, wurden zu einem beliebten Ausgehviertel und bildeten den Anfang der Wiedergeburt Lissabons.

Im Lauf der Geschichte erlebte die Stadt mehrere solche Wiedergeburten. Vom Provinznest stieg Lissabon zur Metropole eines Weltreichs im 15. Jahrhundert auf, als die Portugiesen die Weltmeere beherrschten und Besitzungen in Südamerika, Asien und Afrika eroberten. Eine Zeit, an die auch heute noch stolz erinnert wird. Noch jede eingeschlafene portugiesische Party kann man mit „Conquistador“, dem politisch nicht wirklich korrekten ESC-Beitrag des Jahres 1989, retten.

Da Vinci – Conquistador

Taktvoller, wenn auch nicht sensibler wird an die Seefahrerzeiten im Stadtteil Belém erinnert, in dem das Jerónimos-Kloster steht, ein Meisterwerk der manoelinischen Baukunst, die vom portugiesischen König Manoel begründet wurde. Am protzigen, von Diktator Salazar errichteten Pedrão dos Descombrimentos wird den Entdeckern der damaligen Zeit gedacht, und wer die riesige Weltkarte auf dem Boden vor dem Denkmal sieht, der versteht ein wenig, wie sehr die Portugiesen die Vergangenheit auch heute noch schmerzt, während einem die Seeluft um die Nase weht und man sich dabei erwischt, wie man selbst sehnsuchtsvoll auf die Mündung des Tejo Richtung Amerika schaut.

Lissabon Jerónimos-Kloster, Quelle: https://www.flickr.com/photos/xiquinho; CC BY 2.0
Lissabon Jerónimos-Kloster, Quelle: https://www.flickr.com/photos/xiquinho; CC BY 2.0

Aussichten gehören ohnehin zu Lissabon. Miradouros nennen sich die diversen Aussichtsplattformen auf den Hügeln der Stadt, die um den spektakulärsten Blick konkurrieren. Jeder Lisboeta hat seinen Lieblings-Aussichtspunkt, und jeder Besucher ebenso. Mir stockt jedes Mal der Atem, wenn ich an das Geländer des Miradouro de Senhora do Monte trete. Links das Castelo, unter einem die rötlichen Dächer der Unterstadt, auf dem anderen Ufer des Tejo breitet Jesus Redentor seine Arme über der Stadt aus, und die Brücke des 25. April thront über allem. Man kann sich hier nicht satt sehen. Selbst schuld, wer sich hier nicht einen Moment niederlässt und Aussicht und Stimmung genießt, wie es Lisboetas tun.

Wie jedes beliebte Touristenziel hat auch Lissabon Fallen, in die Gäste tappen und die Einheimische und gewiefte Besucher meiden. Dazu gehören die meisten Etablissements, die angeblich echten Fado anbieten, die Musik, die in den schiefen Gassen der Alfama geboren wurde und meist dieses ureigene portugiesische Gefühl besingt, für das es in anderen Sprachen keine direkte Entsprechung gibt – Saudade. Ein Vermissen, eine Sehnsucht, ein trauriges Gefühl. Doch die meisten Lokale sind mittlerweile zu Touristenattraktionen verkommen, und die Lokale, in denen man sich einfach dazu setzt, im Zweifel unfreundlich bedient wird und in dem die Talente der Nachbarschaft ihr Können darbieten, sind äußerst versteckt.

Pflicht ist jedoch ein Besuch im Museu do Fado, in dem einem näher gebracht wird, woher der Fado kommt, was er den Portugiesen bedeutet und wie eng er mit der neueren portugiesischen Geschichte verknüpft ist, teilweise auch eher unrühmlich – hieß es doch, dass das Salazar-Regime das Volk mit den drei Fs ruhig zu stellen versuchte: Fado, Fatima (ein Wallfahrtsort) und Futbol.

Fado und Street Art in Lissabon, Quelle: https://www.flickr.com/photos/jmenj/; https://www.flickr.com/photos/jmenj; CC BY 2.0
Fado und Street Art in Lissabon, Quelle: https://www.flickr.com/photos/jmenj/; https://www.flickr.com/photos/jmenj; CC BY 2.0

Innerhalb weniger Jahre hat sich Lissabon zu einem Zentrum für Street Art gemausert. Eindrucksvolle Wandgemälde zieren nicht nur die bereits erwähnte LX Factory, sondern auch Mauern und Wände in der ganzen Stadt. Die Stadtregierung überlässt Künstlern sogar Wände, auf denen sie sich austoben können. Mehrere Galerien bieten von Künstlern wie VHILS oder Pixelpancho bereits Drucke an, die mehrere hundert Euro locker übersteigen können – und meist schnell ausverkauft sind. Doch Kunstwerke gibt es in Lissabon überall zu sehen. Man muss nur manchmal eben kleine, versteckte Gassen erkunden, was tagsüber jederzeit problemlos möglich ist.

Lissabon ist ein angenehmer, meist sonniger Streifzug durch die Jahrhunderte: vormittags die glorreiche Zeit der Entdeckungen in Belém, mittags digitale Videokunst im neuen MAAT, und abends schaut man von einem der altehrwürdigen Miraduoros entspannt zu, wie die untergehende Sonne die Stadt in ganz besonderem Licht erscheinen lässt. Und weiß, dass Amália Rodrigues diese Stadt genau richtig besungen hat. Und dass man bald wiederkommen möchte.

Raquel Tavares’ „Liebe aus der Ferne“ hat sich gemeldet: Sie plant einen Tag in der portugiesischen Hauptstadt und führt den Zuhörer dabei durch die Stadt.

In Kürze folgen zwei weitere Teile dieser Serie mit weiteren Infos und Tipps zu den spannendsten Ecken der ESC Host City 2018.