Alles zur ESC Host City 2018 (2): Street Art, Kacheln, Fado – Lieblingsorte in Lissabon

In Kürze wird der ESC in Lissabon über die Bühne gehen. Wie bereits im ersten Teil geschildert, hält unser Gastautor Christian Welisch die Hauptstadt Portugals für eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste Stadt Europas. Auch auf Grund der Locations und Geheimtipps, die er heute vorstellt.

Die Arena für den Eurovision Song Contest hat einen kleinen Nachteil: Sie liegt etwas abgelegen, näher am Flughafen als an der Innenstadt. Zwar gibt es mit dem Parque das Nações auch um die Arena herum Einkaufszentren und Büros, aber vom Charme Lissabons ist in der erst zur Jahrtausendwende renovierten Gegend leider wenig zu spüren.

Abseits der Proben, Generalproben und Shows kann man sich jedoch an meinen Lieblingsorten in Lissabon die Zeit gut vertreiben.

 

Das Amália-Rodrigues-Mosaik von Vhils

Wer in Portugal von Amália Rodrigues spricht, der sagt lediglich „Amália“ – und jeder weiß Bescheid. Amália brachte den Fado in die Welt, und dafür sind die Portugiesen ihr, trotz aller etwaigen Verflechtungen mit dem Salazar-Regime, bis heute sehr dankbar. Auch junge Künstler gedenken der Grande Dame der portugiesischen Musik, und man kann ihr Antlitz gleich an mehreren Mauern in Wandgemälden bewundern. Ein dauerndes Andenken wurde ihr von Vhils (Alexandre Farto) und Ruben Alves geschaffen, die in einer kleinen Kreuzung in der Alfama (Rua de São Tomé) ein Mosaik installierten, das sich wie eine Tejo-Welle an eine Wand schmiegt. Von hier ist es nicht weit bis zum Miradouro de Santa Luzia, der einen Blick auf das östliche Lissabon und den Tejo freigibt.

 

Fado erleben

Man muss es ehrlich sagen: Viele Fado-Restaurants in der Stadt sind Touristenfallen. Die Musik ist durchschnittlich, ebenso das Essen; einzig die Preise sind erstklassig. Es gibt wenige Lokale, in der die „Musik des Volkes“ noch gespielt wird. Besonders spannend ist die „Fado vadio“-Kneipe A Baiuca (Rua de Sao Miguel 20 – Mo, Do & Fr ab 20 Uhr), in der Amateure ihr Können zum besten geben. Das ist nicht immer stimmsicher, doch nirgends erlebt man den Fado echter. Wer hier singt, tut es aus Liebe zur Musik und Tradition. Wer nur quasi „im Vorbeigehen“ lauschen möchte, der kann sich bei gutem Wetter abends ins Medrosa d’Alfama setzen und dem Gesang in der nahegelegenen Bar lauschen, die über den kleinen Platz bis nach draußen dringt.

Wer mehr über den Fado, seine Geschichte und Bedeutung für die Portugiesen erfahren möchte, sollte sich das Fado-Museum anschauen, in dem der Werdegang vom verrufenen Gesang offenherziger Hafenprostituierten zum UNESCO-Weltkulturerbe nachgezeichnet wird.

 

Moderne Architektur & große Kunst

Wie ein Rochen wellt sich Lissabons neueste Attraktion am Ufer des Tejo: das MAAT (Museum für Kunst, Architektur und Technologie). Mit seiner Aussichtsplattform ist es ein perfekter Ort für Fotos von der eindrucksvollen Ponte 25 de Abril. Für die multimedialen Ausstellungen im MAAT muss man allerdings etwas Zeit mitbringen und sich auch auf die Einstellungsstücke einlassen. Es gibt viele Filme und Installationen, denen man ein paar Minuten widmen muss, um sie zu begreifen. Die Ausstellungen finden sich übrigens nicht nur im ‚Rochen‘ selbst, sondern auch im ebenso sehenswerten stillgelegten Kraftwerk nebenan. Auch die Organisatoren des ESC haben die Attraktivität des Gebäudes erkannt und werden hier den Begrüßungsempfang veranstalten.

Das MAAT (links) am Tejo in Lissabon, Foto: Christian Welisch
Das MAAT (links) am Tejo in Lissabon, Foto: Christian Welisch

 

Die Stadt als Leinwand

Kaum eine Stadt bietet so viele großflächige Street Art wie Portugals Hauptstadt, die Straßenkünstler sogar fördert. Großflächige Wandgemälde zur Nelkenrevolution, Kollaborationen der kreativsten Künstler oder Wandgemälde, die ein komplettes Hochhaus verzieren? All das gibt es in Lissabon. Die meisten Kunstwerke sind schwierig zu finden. Aber in der Galeria Underdogs kann man nicht nur Touren buchen, sondern sich auch zu selbstgeführten Spaziergängen beraten lassen. In der Galerie stellen die bekanntesten Street Artists ihre Werke aus, die man auch erwerben kann. Sicherlich ein interessantes Mitbringsel, aber in der Tat oft auch etwas teurer.

Die Mauern Lissabons sind übersät mit Kunstwerken, doch mein liebstes, neben dem Mosaik von Amália Rodrigues, ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Portugiesen Vhils und Shepard Fairey oder Obey Giant, der durch sein „Hope“-Poster von Barack Obama weltweit bekannt wurde. Ihr gemeinsames, unbenanntes Werk in Graça (hier zu sehen) erstreckt sich über eine vierstöckige Häuserwand und vermischt Faireys farbenprächtigen Stil mit Vhils’ nüchternen Meißel- und Reliefarbeiten (Kreuzung Rua da Sol a Graça/Rua da Senhora da Glória).

 

Azulejos – Kunst an (fast) jeder Hauswand

Eine ältere Kunstform, die Lissabon aber noch mehr geprägt hat, sind die oftmals blauen Fliesen, die die alten Häuserwände verzieren. In den letzten Jahrzehnten wurden die Fliesen bei Touristen als Souvenir immer beliebter und die historischen Mauern der Stadt immer kahler. Darum taten sich die Stadtverwaltung und engagierte Freunde der Keramik zusammen und riefen ein Museum ins Leben, in dem man die reiche Geschichte der Fliesen erklärt, um ein Bewusstsein für diese alte Kunst zu schaffen. Ein angenehmes, ruhiges Museum, das zwischen der ESC-Arena und dem Zentrum liegt und über ein kleines Café im Hof verfügt.

 

Immer frisch, immer gut

Auch wenn es mittlerweile in fast jeder größeren Stadt Märkte wie den Time Out Market gibt, war der Food Court hier in Lissabon trotzdem einer der ersten seiner Zunft – und bleibt auch einer der weltweit besten. Untergebracht im altehrwürdigen Mercado da Ribeira gegenüber dem Fähranleger Cais do Sodré, teilt sich dieses kulinarische Zentrum ein Gebäude mit einem tatsächlichen Markt, auf dem die Köche von nebenan frischen Fisch und andere Zutaten bekommen können.

Das Konzept ist einfach: Die besten Restaurants und Bäckereien der Stadt mieten sich in kleinen Nischen an den vier Seiten des Marktes ein und servieren ihre Spezialitäten zum kleinen bzw. kleineren Preis. Gegessen wird an langen kommunalen Tischen in der Mitte, an denen sich Lissabonner und Touristen mischen. Hier ist für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas dabei und die Qualität stimmt immer. Dafür sorgen die Betreiber: Einmal im Jahr wird vorgekocht, und wer den hohen Ansprüchen nicht genügt, muss seinen Laden abgeben. Hart, aber gerecht. Und sehr, sehr lecker. Demnächst eröffnet ein erster Ableger der Idee in Miami.

Lissabon, Mercado da Ribeira; Quelle: https://www.flickr.com/photos/slapers; CC BY-ND 2.0
Lissabon, Mercado da Ribeira; Quelle: https://www.flickr.com/photos/slapers; CC BY-ND 2.0

 

Im letzten Teil der Serie gibt es Tipps für lohnenswerte Restaurants, Cafés und Geschäfte in Portugals Hauptstadt.

Teil 1: Lisboa, meu amor