Ann Sophie – Schicksalswochen einer ESC-Prinzessin

USFÖ Hannover Ann Sophie Final Performance

Ann Sophie wird in Wien „Black Smoke“ singen. Für Deutschland. Zurzeit hat sie aber noch mit einem großen Gespenst zu kämpfen und das heißt Andreas Kümmert, der mit seinem deutschlandweiten Sieg und seiner persönlichen Niederlage die Diskussion zuletzt dominiert hat. Und da steht die Newcomerin, die im Mai nach Österreich fährt, deutlich im Schatten. Der König geht, es bleibt die Prinzessin. Aber was ist zu tun, damit aus Deutschlands Lied für Europa auch noch ein Lied für die Deutschen wird?

Black SmokeWir hatten uns schon sehr daran gewöhnt: die Deutschen mögen ihre ESC-Beiträge. Seit Guildo Horns bahnbrechendem Auftritt im Jahre 1998 erfreuten sich viele der Lieder ordentlicher bis großer Beliebtheit und katapultierten sich nach absolviertem Vorentscheidungserfolg in die höheren Regionen der Charts. Seit 2004 schafften es alle Songs in die Top-20 der Media-Control-Charts, drei Nummer-1-Hits durch Max, Texas Lightning und natürlich Lena wurden ergänzt durch etliche Top-5 und Top-10-Platzierungen und nur Gracia (2005) und Alex Swings, Oscar Sings (2009) mussten sich mit Rängen am Ende der Top-20 begnügen. War man erstmal als deutscher ESC-Beitrag auserkoren, hatte man in der letzten Dekade einen guten bis sehr guten Charteinstieg so gut wie sicher.

Und „Black Smoke“?  Ann Sophies Beitrag schaffte es in dieser Woche gerade mal mit Ach und Krach in die Top 30. Nach den Ersteinstiegen 1, 2, 3, 7 und 4 in den letzten fünf Jahren gab es diesmal die 29, eine Zahl mit der sich die letztjährigen Teilnehmer erst nach Wochen oder gar Monaten befassen mussten. Und Herr Kümmert? Der stahl ihr nach all den Diskussionen und Kommentaren in der Presse im Anschluss an den Vorentscheid auch hier die Schau, schaffte er immerhin den 12. Rang mit „Heart of stone“.

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Betrachtet man die aktuellen Charts in den angesagten Download-Portalen, ist nicht damit zu rechnen, dass es in der nächsten Woche weiter bergauf geht. Beim Apfelladen liegt „Black Smoke“ derzeit auf der 133, knapp 40 Plätze hinter Kümmert. Hoffen können wir noch auf Rundfunkeinsätze. In den deutschen Radiocharts stieg Ann Sophie auf Rang 65 ein. Insbesondere Roman und Elaiza profitierten von umfänglichen Radiogeplänkel und setzten ihr Lied damit dauerhaft  in den bundesdeutschen Ohrmuscheln fest. Und radiotauglich ist „Black Smoke“.  Auch wenn dieses Kriterium für manchen ESC-Fan eher ein Negativattribut ist, kann es doch dazu beitragen, den Beitrag in Deutschland populärer zu machen.

Und die innerdeutsche Promo? Nun, da hat Ann Sophie schon einige zentrale Organe hinter sich. Zwei Tage vor der Vorentscheidung saß sie bereits bei Stefan Raabs Late-Night-Dingens „TV Total“. Der Max– und Lena-Macher bewies in der Sendung, dass er dem Event ESC immer noch etwas abgewinnen kann und promotete die etwas unsicher wirkende Sängerin mit einem Auftritt mit den Heavytones, bei dem sie „Jump the gun“ in einem tollen Arrangement zum Besten gab.

Ann Sophie Bei TV Total

Vier Tage nach Niederlage und Sieg beim Vorentscheid saß sie dann frühmorgens auf dem „Morgenmagazin“-Sofa und einen Tag später beim Haussender auf dem Roten ebensolchen. In beiden Sendungen wurde in epischer Breite das Kümmert-Debakel aufgearbeitet, bei „DAS!“ erfuhr man zudem Interessantes aus dem bisherigen Leben der Chanteuse, leider nur sehr Fragmentarisches zu dem, was bis und in Wien zu erwarten ist. Die Kümmert-Geschichte war für die verantwortlichen Redakteure vermutlich eine zu große Versuchung, um sie nicht unmittelbar in den Sendungen zu platzieren.

Ann Sophie Bei DAS

Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn man Ann Sophie ein paar Wochen Zeit gelassen hätte, um sich weniger als ESC-Nutznießerin und mehr als eigenständige Vertreterin zu präsentieren – und uns vielleicht auch schon mit ein paar News zum Wiener Auftritt zu überraschen. Na, es gibt ja noch ein paar Formate, vielleicht darf sie ja an einem Freitagabend noch mal zu Barbara Schöneberger in die Talkrunde?

Den nächsten TV-Einsatz gibt es am kommenden Donnerstag beim inzwischen schon traditionellen Auftritt des deutschen ESC-Vertreters bei der ECHO-Verleihung. Mit dem ECHO ist es ja so eine Sache. Das dortige Saalpublikum, bestehend aus Fans der angekündigten internationalen Topstars (vorderer Bereich), den Nominierten und Branchenvertretern (bestuhlter Bereich), war in den letzten Jahren nicht unbedingt komplett aus dem Häuschen, wenn ein Teilnehmer am „Schlager-Grand-Prix“ die Bühne enterte.

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Cascada, Elaiza, Roman Lob und sogar Lena 2011, aber insbesondere ASOS im Jahre 2009 schienen neutralen bis negativen Vibes ausgesetzt zu sein und wurden nur kurz und wenig enthusiastisch beklatscht. Ann Sophie sollte einfach drüber hinwegsingen – in jedem Fall hat sie durch die Sendung die Chance, ihren Song mal wieder an die TV-Zuschauer heranzutragen (und dann vielleicht auch noch ein paar Downloads abzusetzen).

Für das Selbstbewusstsein und vor allem als Vorbereitung auf Wien ist sicher ein weiterer großer Auftritt hilfreicher: am 18. April lernt sie bereits große Teile der ESC-2015-Familie kennen. Sie will, wie sie selbst in „DAS!“ gesagt hat, bei „Eurovision in Concert“ in Amsterdam teilnehmen. Dort ist das Publikum ein ganz anderes: treue ESC-Fans werden sie als einen von vielen Acts für Wien bejubeln und ihr so schon mal einen Vorgeschmack auf das Publikum am Finalabend geben. Auch wenn sie nach diesem Abend noch keinen einzigen Punkt auf dem großen ESC-Scoreboard in der Tasche hat, bringt sie sich in der ESC-Szenerie ins Gespräch – ein guter Schritt und schön, wenn zum ersten Mal seit 2009 wieder ein deutscher Teilnehmer in Amsterdam dabei wäre. Der Auftritt ist allerdings noch nicht von den EiC-Organisatoren bestätigt worden.

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Was könnte noch getan werden, um Ann Sophie für ihren ESC-Auftritt zu stärken?  Nun, schön wäre es natürlich, wenn sich noch der ein oder andere interessante TV-Auftritt ergäbe, insbesondere die Sendungen aus dem Raab-Universum bieten sich da an, denn musikalisch passt sie, wie sie bereits bei „TV Total“ bewiesen hat, gut dort hinein. Vielleicht zeigt der Zampano ja nochmal Herz.

If I Go - Ella Eyre„Black Smoke“ ist ein Titel, dem man seine Zeitgemäßheit nicht absprechen kann. Geschrieben von einem britisch-australischen Team unter Beteiligung der Sängerin Ella Eyre, die sich gerade anschickt, in Großbritannien ihre Karriere abheben zu lassen, spielt das Lied mit Retroelementen und einer coolen Gesangslinie, die an Paloma Faith oder Amy Winehouse erinnert, aber insgesamt gut verdaulich daher kommt. Sicher nicht die Neuerfindung des Rades, aber auf jeden Fall nah dran an dem, was die Menschen (oder eine ganze Reihe von ihnen) im Moment gerne hören.

Das Lied verfügt zudem über genügend Dynamik, um es in eine interessante Bühnenshow zu packen. Rauch und Licht sowie eine interessante Stage-Positionierung der Sängerin und ihrer Begleitmusiker sind ebenso Atmosphäregeber wie Ann Sophies Styling oder die Kameraeinstellungen. Es wäre toll, wenn ein Team mit Ann Sophie gemeinsam die Chancen nutzt, die das Lied bietet, und eine außergewöhnliche Performance entwickelt. Ihr „Rückwärtsbeginn“ bei „Jump the gun“ ist doch schon mal eine gute Idee, vielleicht reicht für „Black smoke“ ja auch schon eine Einstellung im Profil. Eine Ästhetik, wie sie sie in ihrem Video zu „Get over yourself“ präsentiert, bietet ebenfalls eine verfolgenswerte Grundlage.

Ann-Sophie

Und wenn es gut läuft, entwickelt sich Ann Sophie auf diese Weise zu einer deutschen Teilnehmerin, die mit Power an ihre Aufgabe in Wien herangeht und ihre Chancen auf einen ansprechenden Auftritt nutzt.

Ireen Sheer Feuer37 Jahre ist es her, da hatten wir schon mal einen ähnlichen Fall. Eine Jury lehnte alle Songs der deutschen Vorentscheidung 1978 ab, so dass am Ende eine Radioabstimmung, die nur zum Teil das Endergebnis bestimmen sollte, den Ausschlag gab. Ireen Sheer gewann 1978 mit „Feuer“ die Teil-VE – und wurde von den Journalisten niedergeschrieben und vom Publikum nicht wahrgenommen. Auf der Bühne in Paris machte sie selbstbewusst das Beste aus ihrem eigentlich recht modernen Popschlager und kam, überraschend für viele, mit Platz 6 nach Hause. Das Volk freute sich und machte „Feuer“ im Anschluss an das Festival noch zu einem netten kleinen Hit. Vielleicht ist es das Schicksal deutscher ESC-Beiträge, die sich mit Feuer und Rauch beschäftigen, erst auf den zweiten Blick zu zünden.

Wünschen wir Ann Sophie trotz der etwas ungünstigen Ausgangslage eine tolle Zeit bis Wien und vor allem eine punktgenaue Landung bei ihrem Auftritt in der österreichischen Hauptstadt. Das Potenzial dazu ist da.