Armenisch-Azerische Presseschau: Ein Überblick über kaukasische Reaktionen

Arams Heimkehr 2014

Letztens habe ich Euch zusammengestellt, was die deutsche Presse über den ESC berichtet hat: Kritisches, Lobendes und natürlich Politik. Interessant fand ich aber auch herauszufinden, was denn die armenische und die aserbaidschanische Presse so schreibeb. Immerhin hat Aram MP3 es verpasstm den Siegesprophezeiungen gerecht zu werden und Dilara fuhr für Aserbaidschan das bislang mit Abstand schlechteste Ergebnis ein. Werden die beiden Künstler nun also zuhause gepeinigt? Wird Aram gedemütigt und muss Dilara auswandern?

Schauen wir uns an, was in den jeweils heimischen Veröffentlichungen steht und fangen wir mit Armenien an:

Noch einige Tage vor dem großen Auftritt in Kopenhagen kam der Ritterschlag aus Frankreich. Charles Aznavour wünschte Aram MP3 viel Glück und sagte, er und seine Familie würden ihm die Daumen drücken (fingers crucified) – genau sagte er:

„Dear Aram, you have to go through Eurovision adventure. It was a right choice that you will introduce Armenia. I am confident that besides the entire population of Armenia, the Diaspora around the whole world will encourage you in front of TV and will transfer warmth … We are proud to have a young person like you who will introduce Armenia in this event. I wish you the best. My family and I will wait our fingers crucified. We hope that you will show that after what happened to us 100 years ago, we are able to have participation in international arena like in the past.“

Also auch Monsieur Aznavour wurde ein wenig politisch – aber wer als Armenier an 2015 denkt – denkt halt immer auch gleich an die Ereignisse von 1915. Ich könnte mir vorstellen, dass die Armenier auch genau wegen dieses Datums besonders gern von einem Sieg in Kopenhagen geträumt haben. Sicher werden sie auch nächstes Jahr viel Mühe in die Teilnahme stecken.

Mal abgesehen davon, ist das wirklich ein ganz großes Lob aus Frankreich und mag Aram beflügelt haben – offensichtlich nicht zur Höchstleistung! Schade – denn in den Anfängen des Songs war die Stimme wacklig. Dennoch gab es aus Frankreich die vollen 12 Punkte.

Trotz allem – Aram wurde zuhause sehr herzlich empfangen:

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Das Interesse und die Unterstützung war demnach sehr groß. Scheinbar hielt sich auch die Enttäuschung in Grenzen – obwohl man als haushoher Favorit gestartet war.

Ein wenig Enttäuschung hört man vom Sänger persönlich – vor allem aufgrund des neuen Voting-Verfahrens. Aram sagte kurz nach dem Finale folgendes:

„Ich bin mit meiner Performance sehr zufrieden… Ich danke allen, die für mich gestimmt haben. Viele glaubten, ihre sms seien nicht gezählt worden. Das wurden sie – aber die Jurys haben mich abgewertet.“

Ich kenne den armenischen O-Ton nicht. Die Aussage hab ich aus zwei verschiedenen englischsprachigen Quellen. Es handelt sich hierbei um armenianow.com und armenpress.am. Jede von denen übersetzte den gleichen Text unterschiedlich.

Armenianow übersetzte es folgendermaßen:

“My dear Armenians living in Europe, I’m very, very, very thankful to you for voting for me… If the overall voting results do not match [with your vote], it is not your fault… In reality it is the jury who gave us low scores.” 

Insgesamt scheint man in Armenien aber nicht sehr unglücklich zu sein. Immerhin ist es die beste Platzierung seit 2008. Allerdings sieht man das Jury-Voting als Problem an. Irgendwie scheint der Quell dieses Problems weniger die Gerechtigkeit an sich zu sein, als die verlorenen Diaspora-Stimmen, denn armenianow schrieb unter anderem:

„Armenia would have placed higher or even won the Eurovision 2014 song contest had the jury vote not dragged it down badly, it appears based on the results of the popular vote (by viewers across Europe) published by the organizers.“

Da hätten sie wohl mal bessere Recherche betreiben müssen – denn selbst ohne Jurys wäre Aram nur auf Platz 3 gelandet. HIER könnt ihr noch mal das reine Televoting-Ergebnis sehen und HIER das Jury-Voting. Das Nachbar/Diaspora-Voting sehe ich zwar auch ein wenig skeptisch, aber das gibt’s einfach überall. Die Deutschen rufen auch aus Mallorca, Österreich und der Schweiz an, so wie die Skandinavier füreinander anrufen und die Russen eben auch aus ganz Europa – diese Liste ließe sich ewig erweitern.

Überraschenderweise habe ich gestern gehört, dass es in Armenien vermehrt ESC-kritische Stimmen gibt. Viele Künstler wollen daran nicht mehr teilnehmen mit der Begründung beim Contest ginge es nur noch um Politik. Wird Armenien aussteigen? Wir werden sehen…

Die Presse in Aserbaidschan scheint ihre schlechte Platzierung (Platz 22 im Finale, 9. im Semi) relativ gelassen hinzunehmen.

Vielmehr hadern die Azeris ebenfalls über das neue Voting-Verfahren. News.az stellte fest, man sei bei den Jurys 8ter und beim Televoting 21ster – wie könne man dann insgesamt auf dem 22sten Platz landen?!

Zumindest nach präziser Zählung (siehe in den obigen Links) stimmt das so nicht ganz: nach der Jury wäre Dilara 9te geworden und das Televoting setzte sie lediglich auf den 24sten Platz. Man wäre nun als Laie tatsächlich geneigt erstmal davon auszugehen, dass man dann irgendwo auf Platz 15 landet oder so – aber im Endergebnis sprang dann doch nur der 22ste Platz dabei raus. Da spielt eben die neue Art der Jury-Wertung (Juroren erstellen ein Gesamtranking aller Plätze) eine Rolle.

Red Capet ESC Kopenhagen Dilara Kazimova

News.az sieht auch einen Grund für die schlechte Bewertung der Zuschauer:

„What actually happened in Eurovision 2014 song contest? Dilara’s song „Start a Fire“ was welcomed by journalists, fans and bookmakers before the contest. Dilara’s song has been included in TOP-12 songs of bookmakers and TOP-5 songs on Eurovision websites till the final of the contest. Dilara performed at number 3 in the final that seems to have a negative impact on the voting. Performing numbers have been determined by the local organizers of the contest since 2013, while allocation draw was held among representatives in Eurovision 2012 song contest that took place in Baku.“

Lese ich hier eine subtile Kritik an der Startplatz-Vergabe?! Die wird auch von Fans nicht durchweg akzeptiert und viele fordern die Vergabe per Verlosung – wie es bis 2012 der Fall war.

Aserbaidschan Dilara Kazimova 2014 Probe 2

Ansonsten ist die Presse recht zurückhaltend über den ESC:

Ich habe einen Freund aus der Türkei gebeten mir einige aserbaidschanische Seiten zu übersetzen. Der ausstrahlende Sender Ictimai berichtete ganz allgemein über das Event und den Opening-Act. Außerdem wurden die Top 10 Länder aufgezählt und die Platzierung des eigenen Beitrags. Wer aserbaidschanisch oder türkisch versteht, kann sich das ja mal auf der Homepage anschauen.

Aserbaidschan Dilara Kazimova 2014 Probe 2

Azadliq berichtet, dass Europa den azerischen Beitrag wohl nicht mochte und dass eine „bärtige Dame“ gewonnen habe. Außerdem erzählen sie, dass Conchita für Russland eine Nachricht hatte: „We are unstoppable“. Bei der Gelegenheit wird erwähnt, dass Russland ausgebuht wurde, insbesondere als Aserbaidschan seine 12 Punkte an die Tolmachevy Sisters vergab.

Aserbaidschan Dilara Kazimova 2014 Probe 2

Im Großen und Ganzen erschöpft es sich damit schon. Auch auf den englischsprachigen Seiten berichten die aserbaidschanischen Medien lediglich darüber, dass Österreich mit Conchita Wurst gewonnen hat. Natürlich wird Dilaras Platzierung erwähnt, aber das geschieht ohne Bewertung. An Dilaras Performance hat die magere Punkteanzahl ganz sicher nicht gelegen. Sie hat meiner Meinung nach einen grandiosen und emotionalen Auftritt hingelegt.

Aserbaidschan: Dilara – Start a fire

Anscheinend hält sich also auch hier die Enttäuschung in Grenzen.

Über Facebook erfuhr ich übrigens, dass sich Dilara in Nord-Zypern von den Strapazen beim ESC erholt (hat).