Auf nach Lissabon! (1): Feuerherz

Ann Sophie, Jamie-Lee, Levina – Deutschland hat in den letzten Jahren eurovisionstechnisch wenig gerissen. Wir Prinz-Blogger fragen uns darum: Wen sollte der NDR für 2018 berücksichtigen, um die Spur des Misserfolgs zu verlassen? In einer neuen Serie tragen wir unsere Ideen und Argumente für eine Reihe von potenziellen guten Kandidaten zusammen.

Los geht’s mit Popschlager, denn die sind gerade total angesagt – nicht nur in Deutschland. Und wenn solche Musik dann auch noch optisch so smart verpackt ist wie bei Feuerherz, dann könnte das doch was für den Eurovision Song Contest sein – oder?

 

Die Fakten

Feuerherz ist die Boyband unter den Popschlager-Lieferanten: Sebastian, Dominique, Matt und Karsten sehen gut aus, tanzen toll und singen auch noch prima. Sebastian Wurth dürfte von den vieren der bekannteste sein, er schaffte es 2011 bei der RTL-Castingshow DSDS auf den 5. Platz.

Feuerherz wurde 2014 gegründet. Seitdem entstanden zwei Alben, wobei das zweite („Genau wie du“) bis auf Platz 11 der deutschen Albumcharts stieg. Schon die erste Single „Verdammt guter Tag“ erreichte einen Achtungserfolg:

Verdammt guter Tag

Jüngst fielen die vier mit einer deutschen Version des Ohrwurms „Despacito“ auf:

Baby, langsam

 

Die Emotionen

Feuerherz gehören zu dem Erfolgreichsten, was der neue moderne Schlager in Deutschland zu bieten hat. Popschlager sind hierzulande derzeit in – allein das spricht schon mal dafür, es auch beim Eurovision Song Contest mal damit zu versuchen. Und immerhin zählt Michelles „Wer Liebe lebt“ nach wie vor mit zu den erfolgreichsten deutschen ESC-Teilnahmen seit der Jahrtausendwende.

Darum habe ich bei der Frage, wer für Deutschland 2018 beim ESC mit besserem Erfolg als in den letzten Jahren antreten könnte, spontan an Feuerherz gedacht. Popschlager sind ja auch in anderen Ländern um uns herum beliebt. So könnte ein fröhlicher Song im Stil von „Lange nicht genug“ Zuschauer in den Niederlanden und der Schweiz, in Belgien, Österreich, Slowenien, Dänemark, Schweden und Finnland ansprechen, aber auch im Baltikum, in Russland oder in Spanien könnte sowas Freunde finden.

Lange nicht genug

Zugleich sind Basti, Matt, Dominique und Karsten musikalische Vollprofis, deren Stimmen wunderbar harmonieren. Dass sie außerdem unglaublich charming und wahre Sympathieträger sind, hilft obendrein. Das merkt man auch bei Liveauftritten der vier Charmebolzen, wo sie quasi um die Wette strahlen:

Genau wie du (ZDF-Fernsehgarten)

Auch das ist wichtig für den Drei-Minuten-Auftritt beim ESC. Die allermeisten der 180 Millionen Zuschauer haben Feuerherz noch nie in ihrem Leben gesehen. Also muss jetzt binnen Kurzem Überzeugungsarbeit geleistet und ein Band zwischen Künstler und Zuschauern geknüpft werden, jetzt müssen schnell Emotionen geweckt und Sympathie und Empathie aufgebaut werden. Das ist den deutschen Acts in den letzten Jahren leider nicht gelungen – etwa weil das Gesamtpaket nicht stimmte (Mädel in buntem Kleid singt in trostloser Landschaft ein melancholisches Lied) oder weil vor lauter Monotonie („silber, nicht grau“) keine Emotionen geweckt wurden.

Feuerherz haben das Zeug, es erheblich besser zu machen. Ihnen gelingt es, durch ihre smarte Art Zuschauer sofort für sich einzunehmen. Wir wissen, wie wichtig gerade dieser Punkt beim ESC ist: Lenas frische Art sprach 2010 die Zuschauer ebenso an wie im Jahr zuvor Alexander Rybak.

Dass die vier optisch Krach machen und so auch die schwule ESC-Fangemeinde ansprechen werden, ist ein Plus, das vor Ort in Lissabon für gute Vibes sorgen würde, wenn die ARD es zulässt und die Jungs nicht allzu sehr abschirmt. Das ist zwar kein Erfolgsgarant (wir haben genug Fanfavoriten stürzen sehen), aber die Stimmung könnte Feuerherz zumindest so durch die Probewoche tragen, dass sie mit Zuversicht und unverkrampft ins ESC-Finale gehen.

Generell dürften Feuerherz eher Televoting- als Juryherzen höher schlagen lassen. Ein gut produzierter Song mit nicht allzu einfältiger Melodie (trotzdem einprägsam und mit hohem Wiedererkennungswert) könnte aber womöglich auch manchen Juror überzeugen. Klar ist, dass Feuerherz auch beim ESC deutsch singen würden – es wäre falsch, nur aufgrund einer internationalen Zuschauerschaft das Grundprinzip der Band für einen Abend über den Haufen zu werfen. Nicht auf Englisch zu singen ist bekanntlich auch kein Risiko. Denkbar wäre aber vom Sound her auch eine Nummer im Stil von „Gotta Thing About You“, das in diesem Jahr beim Melodifestivalen dabei war.

FO&O – Gotta Thing About You

 

Das Argument

Nach den eher „ernsten“ deutschen Beiträgen der letzten Jahre wird es wieder Zeit für erfrischenden Gute-Laune-Pop in einem großartigen Gesamtpaket: so smart wie Lena, so sympathisch wie Rybak, so fröhlich wie „My Number One“. Ob Feuerherz letztlich ebenso erfolgreich wären, lässt sich natürlich nicht sagen. Aber man muss ja nicht gleich an den nächsten deutschen Sieg denken, eine bessere Platzierung als die seit 2013 wäre ja schon mal etwas…