Auf nach Lissabon! (13): Maite Kelly

Schon wieder Schlager? Jawohl! Sängerin, Synchronstimme, Autorin, Model – Maite Kelly ist ein wahres Multi-Taltent. Seit den 1990er Jahren ist sie als Teil der gleichnamigen Family in ganz Europa ein Begriff. Mit dem Start ihrer Solo-Karriere setzte die 37-jährige, dreifache Mutter auf Schlager-Pop – und hat sich damit eine treue Anhängerschaft ersungen. Ob sie mit diesem Musikstil auch international ein Comeback starten könnte, steht in den Sternen. Einen Versuch wäre es aber wert.

 

Die Fakten

Der Kelly Family konnte niemand entgehen, der in der zweiten Hälfte der 90er Jahre älter als drei Jahre und einigermaßen bei klarem Verstand war. Mit hippiesken Klamotten und langer Mähne sangen sich die irisch-amerikanisch-stämmigen, ehemaligen Straßenkünstler in die Herzen ihrer Fans. Unzählige Goldene Schallplatten waren die Folge und mit „An Angel“ auch ein richtiger Single-Hit. Immer vorn mit dabei: Maite Kelly.

Schon etwas über ihrem Zenit trat die singende Familie 2002 beim deutschen ESC-Vorentscheid in Kiel an. Als Vierte von 15 Beiträgen verpassten sie damals mit dem von Maite Kelly geschriebenen „I wanna be loved“ den Einzug ins Superfinale.

Kelly Family – „I wanna be loved“ beim deutschen ESC-Vorentscheid 2002

Ab Mitte der Nuller Jahre entwickelten sich die Familienmitglieder auseinander. Die sicher erfolgreichste Einzelkarriere landete dabei Maite. 2007 erschien ihr erstes Solo-Album. Diverse musikalische Projekte folgten. Als Sängerin erfolgreich wurde sie anschließend mit Schlagerpop. „Warum hast Du nicht nein gesagt“, eine Kooperation mit Roland Kaiser, entwickelte sich dabei für beide als Glücksgriff. Ihr 2016 veröffentlichtes Album „Sieben Leben für dich“ ist bisher ihr erfolgreichstes Soloprojekt und erreichte in Deutschland und Österreich jeweils die Top 10. Die gleichnamige Single-Auskopplung stellt einen weiteren – allerdings aus Maite Kellys Sicht – passiven ESC-Bezug dar: es ist der deutschen Beitrag beim aktuellen OGAE Song Contest.

Maite Kelly – „Sieben Leben für Dich“

Nicht nur mit ihrer Stimme ist Maite Kelly aktiv. Sie schreibt auch gern Texte und hat jetzt mit zwei weiteren Autorinnen ein Kinderbuch veröffentlicht: Die kleine Hummel Bommel. Eigentlich ist der Name Bommel bei der jetzigen Elterngeneration natürlich unzertrennlich mit dem Meerschwein der Familie Schumann aus Ich heirate eine Familie verbunden. Aber das sehen wir Maite einmal nach.

Außerdem hat sie seit einiger Zeit eine eigene Bon-Prix-Kollektion, bei der sie auch selbst als Model in Erscheinung tritt (Aufmacherfoto). Das ist sicher monetär nicht uninteressant; sie zeigt damit aber auch einen selbstbewusst-gesunden Umgang mit ihrem Körper. Daumen hoch!

 

Die Emotionen

Maite Kelly ist eine einzige Emotion. Ich habe die Musik der Kelly Family in den 1990er Jahren mit Inbrunst verabscheut, aber dem Charme der einzelnen (!) Mitglieder konnte ich mich nicht ganz entziehen. Gerade Maite hat dieses offene und einnehmende Wesen, mit dem sie jeden um den Finger wickeln kann. Sie ist nicht verstellt, sondern überzeugt mit ihrer Authentizität und ihrer Natürlichkeit. Sie nimmt sich nicht zu ernst und steht auch zu ihren vermeintlichen Schwachstellen wie ihren mal mehr, mal weniger ausgeprägten Rundungen.

Dies gilt nicht zuletzt, wenn Maite auf der Bühne steht. Sie ist in Sachen Show mit allen Wassern gewaschen und kennt sämtliche Tricks. Dabei nutzt sie auch die, die eigentlich gazellenhaften Dürrmodels vorgehalten sind, ohne dabei lächerlich zu wirken. Ein Augenzwinkern dazu und schon hat sie die Zuschauer auf ihrer Seite. Die einschlägig vorbelasteten ESC-Fans sowieso. Hat jemand Hera Björk oder Bojana Stamenov gesagt? Genau: Beauty never lies!

Dass Maite Kelly singen kann, bedarf keiner Diskussion. Sie liefert jedes Lied auf den Punkt, egal wie groß die Bühne ist. Ihre Selbstironie und ihre Bereitschaft, Menschen zu unterhalten, schafft Raum für einen originellen und unterhaltsamen Bühnenauftritt, zu dem andere deutsche Künstler getragen werden müssten. Dass Maite jenseits des gängigen ESC-Teilnehmeralters ist, ist dabei völlig irrelevant. Sie ist, was und wie sie ist und zieht so die Blicke auf sich.

Daran ändert auch der Musikstil nichts, bei dem eine Ballade oder ein Uptempo Popschlager auf der Hand lägen. Meine Tendenz wäre in dem Fall eindeutig der Schlager-Pop. Im jährlichen Balladen-Klumpen würde Maite womöglich nicht genügend auffallen – gut singen können viele. Mit einer Schlagerpop-Nummer wäre die Sache jedoch rund. Wenn schon von den deutschen ESC-Misserfolgen der letzten drei Jahre abweichen, dann richtig. Mit dem Künstler und mit dem Song. Letzterer hätte im Zweifel sogar das Potenzial, zu einem Hit zu werden – zumindest in den deutschsprachigen Ländern. Was will man als Deutscher in Sachen ESC aktuell mehr?!

 

Das Argument

Maite Kelly ist international bekannt, extrem talentiert, aufgeschlossen und ein Energiebündel. Sie hat als Künstlerin nichts zu verlieren, sondern kann auf der Bühne authentisch agieren – und das origineller und sympathischer als manch obercooler Act, der sich noch beweisen will/muss. Gerade mit einem (deutschsprachigen) Schlagerpop-Titel wäre der Erfolgsdruck gering und die Chance zu überraschen durchaus gegeben. Keiner von Maites Fans würde sich von ihr abwenden.

Letztlich würde der NDR damit auch einem Genre eine internationale Bühne geben, das in den letzten Jahren hierzulande einen erstaunlichen Aufschwung erlebt hat. Das wäre in jeder Hinsicht authentisch, wenn auch ein ESC-Sieg in weiter Ferne läge. Aber warum nicht mal einen wirklichen nationalen Trend ausprobieren, anstatt zu versuchen, irgendwelchen internationalen Trends hinterherzuhecheln und damit krachend zu scheitern?!

 

Bisher in der Serie „Auf nach Lissabon!“ erschienen:

(1) Feuerherz (Matthias)
(2) Alvaro Soler (Marc)
(3) Wincent Weiss (Douze Points)
(4) Sarah Connor (OLiver)
(5) Franziska Wiese (DJ Ohrmeister)
(6) Claire (manuel d.)
(7) Maria Voskania (Ansgar)
(8) Laing (BennyBenny)
(9) Alle Farben (Marc)
(10) Toksï (Jorge)
(11) Michelle (Salman)
(12) DSDS-Talente (Tjabe)