Auf nach Lissabon! (5): Franziska Wiese


Auch der fünfte Teil unserer Vorschlagsserie für Lissabon ist ein Plädoyer für die deutsche Sprache. Und für ein Genre, das schnell leichtfertig als international ungeeignet und chancenlos abgetan wird. Doch trifft das auch auf Newcomerin Franziska Wiese zu, die mit ihrer Violine schon in so ziemlich allen großen TV-Shows des Fachs aufgetreten ist, und die sich brandaktuell mit ihrem neusten Coup noch ganz nebenbei direkt ins ESC-Gespräch bringt?

 

Die Fakten

Franziska Wiese (30) stammt aus dem brandenburgischen Spremberg und spielt seit dem sechsten Lebensjahr die Violine. Zehn Jahre Ausbildung am Konservatorium in Cottbus und Mitgliedschaft in verschiedenen Orchestern und Chören zeugen von einer Leidenschaft für die Musik von Kindesbeinen an. Und während sie sich nach der Schule zur Verwaltungsfachangestellten ausbilden ließ, blieb sie immer der Musik treu und hängte den Job beim Amt 2013 ganz an den Nagel.

Die Noch-Newcomerin schreibt auch Musik und Texte selbst. Interessant ist, dass sie sich so in Zusammenarbeit mit André Stade auch in Projekten alter Hasen des Schlagergeschäfts ausprobieren konnte, ob als Studiosängerin, Komponistin oder Autorin. Wichtigstes Ergebnis ihres bisherigen Werdegangs ist ihr eigenes im Juli 2016 erschienenes Debütalbum „Sinfonie der Träume“ (hier kann man in alle Songs reinhören).


Mit den Songs des Albums wurde sie im letzten Sommer massiv durch alle großen schlageraffinen Fernsehshows der Republik geschleust – etwa den ZDF-Fernsehgarten, die Carmen-Nebel-Show, Immer wieder sonntags oder die Starnacht am Wörthersee. Denn das Projekt Franziska Wiese ist Schlager durch und durch, und will auch nichts anderes sein. Mit der Besonderheit: Sie wird als Sängerin und Violinistin in Szene gesetzt.

Franziska Wiese – Sinfonie der Träume (Schlager & Meer)

Und so hatte ich mir den offensichtlichen ESC-Bezug schlechthin bei der Auswahl von Franziska für diese Serie schon gedanklich ausgemalt, als mir nun Universal Music mit der Idee um fünf Tage zuvorgekommen ist: Da kündigte man nun tatsächlich ein Duett von Fräulein Wiese mit Alexander Rybak an. Im Oktober kommt dazu eine EP mit 4 Tracks heraus. Produziert wird das Ganze von Madizin, dem gold- und platinüberhäuften Team, das u.a. auch Levinas „Perfect life“ geremixt hatte.



Die Emotionen

Eigentlich bin ich gar nicht der Deutscher-Schlager-Typ und schaue mir die genrespezifischen Sendungen auch nicht an. Aber als mir einer unserer engagiertesten Blogleser im Winter Franziska Wiese zum Anspielen empfahl (danke Ansgar!), surfte ich dann doch eine ganze Weile und wühlte mich durch Videos diverser Auftritte. Und kann mir sie durchaus beim ESC vorstellen.


Reflexartiges Schlagerbashing haben wir auf dem Blog grade in den letzten Tagen immer wieder erlebt. Das würde beim ESC doch sowieso nicht funktionieren. Warum eigentlich? Schlagerhaftes – ähnlich dem in Deutschland so erfolgreichen Repertoire – ist populär in Benelux und den nordischen Staaten, und auch in Osteuropa füllen nationale Acts und internationale Größen der sehr leichten Muse ganze Stadien (wie etwa Modern Talking, so lange es sie noch gab). Wir haben es in den letzten Jahren damit einfach nicht versucht beim ESC.

Franziska Wiese erfüllt zunächst mal alle Ansprüche an einen handwerklich gut gemachten Schlager-Act. Eingängige Melodien in leichter musikalischer Verpackung, verständliche Texte, simple Inszenierungen für ein großes Publikum quer durch alle Bevölkerungsschichten. Insofern bedient sie alle emotionalen Erwartungen, die an einen Interpreten in diesem Genre unterbewusst gestellt werden.


Was sie allerdings noch zusätzlich kennzeichnet, sind zwei Dinge: Die bildliche Inszenierung als die geigenspielende Sängerin respektive die singende Violinistin. Das hebt sie ab von anderen in dem Genre. Zudem schreibt sie selbst, was die Interpretation noch eine Spur authentischer macht. Das verstärkt die wohligen Gefühle, die die zugeneigte Zuhörer- und Zuschauerschaft für sie hegt (und vielleicht auch die schaudernde Ablehnung der Schlagerbasher).

Der Wiese-Schlager folgt zwar dem üblichen einfachen Strickmuster, klingt aber durch die Violine leichter und luftiger als die Backing-Tracks anderer Acts, die sich im Schlagerkarussell unermüdlich im Kreise drehen. Die Plattenfirma beschreibt ihre Musik als „tanzbar, modern und romantisch zugleich“. Und das Ganze inszeniert in satt-grünen Landschaften in den Videoclips und garniert mit Naturmetaphern in den Texten. Wohlfühlen in urwüchsigen Wäldern und auf wasserumspülten Felsformationen. Mal was andres.

Franziska Wiese – Ich bin frei (Offizielles Video)

Das könnte den Alvedansen-verträumten, Kuunkuiskaajat-begeisterten und Origo-süchtigen Fraktionen im Norden und Osten des Kontinents vielleicht auch gefallen. Nehmen wir nun mal an, dass sie für den ESC 2018 einen besonders eingängigen, hymnischen Song aus ihrem nächsten Kreativ-Wurf in den Ring wirft, und den dann noch durch die neuen Schaffenspartner von Madizin akustisch pimpen lässt, so spricht das sicher auch die chartsaffine, jüngere Hälfte des TV-Publikums an. Und dass Franziska Emotionen wecken kann, zeigte ihr Auftritt bei Florian Silbereisen. Da konnte sich zumindest ihre Managerin Veronika Jarzombek vor Rührung kaum noch halten…

Ab ca. 03:00 Minuten kullern die Freudentränen…

 

Das Argument

Ein erfolgreicher ESC-Act braucht ein eigenständiges Bild gegen die Beliebigkeit: In diesem Falle wäre das die Frau mit der Violine. Geigende Jungs hatten wir mit Rybak und Sebalter schon. Ok, gegen den Norweger traten 2009 auch fidelnde Estinnen an, die waren aber auch eher ein Streichorchester, und sind längst verblichen im kollektiven Gedächtnis der ESC Community. Hier hätte man eine Stand-Alone-Frontfrau. Zudem eine mit mehr Routine im Umgang mit großen TV-Shows als unsere letzten vier deutschen Acts zusammen. Mit einem Popschlager, den ein aktuell erfolgreiches Produzententeam für die Jetzt-Zeit fitmachen könnte.

Schickt Franziska nach Lissabon und lasst sie vor Videos dynamisch geschnittener Kamerafahrten durch Felsschluchten und über endlose Klippenlandschaften die Teufelsgeigerin im Engelskostüm geben. Und leiht Euch Carolas Windmaschine, an den Klippen ist es zugig.

Franziska kann auch Felsschluchten und ausgetrocknete Flussläufe…

Im Netz ist Franziska unterwegs auf ihrer eigenen Website oder auch bei facebook.

 

Bisher in der Serie „Auf nach Lissabon!“ erschienen:
(1) Feuerherz (Matthias)
(2) Alvaro Soler (Marc)
(3) Wincent Weiss (Douze Points)
(4) Sarah Connor (OLiver)