Auf nach Lissabon! (6): Claire

Drei Jahre Unaufgeregtes und Radiotaugliches aus Deutschland beim ESC, das niemandem weh tat oder verschreckte, aber sogar im Radio weitestgehend nicht eingesetzt wurde – und nun soll tanzbarer Indie-Pop und Soundtüfteleien die Lösung sein? Kann das funktionieren und endlich wieder positive Aufmerksamkeit auf den deutschen Beitrag lenken? Ja, definitiv – meint zumindest Leser und Gastblogger manuel d.

Heute beschäftigen wir uns mit der Münchner Band Claire, die trotz ihres erst 5-jährigen Bestehens schon einige Höhenflüge, aber auch Tiefschläge zu verkraften hatten (hier hatten wir die damals noch recht junge Band bereits für Kopenhagen 2014 in die Diskussion gebracht).

 

Die Fakten

Mit 19 Jahren wagte sich Josie-Claire Bürkle in die 1. Staffel von The Voice of Germany – doch kein einziger Coach wollte sich umdrehen und sie zu sich holen. Dem ehrlichen Feedback eines Xavier Naidoo folgend, sich eine Band zu suchen, lernte Sie 2012 die drei Musiker und Produzenten Matthias Hauck, Nepomuk Heller und Florian Kiermaier kennen. Als fünftes Mitglied kam noch der Schlagzeuger Fridolin Achten hinzu und die Band Claire entstand.

Claire – Games

Schon die erste Bandproduktion, die EP „Games“, verhalf zu einem Plattenvertrag bei Universal, und nationale wie auch internationale Kritiker feierten das folgende erste Album „The Great Escape“, das es unter die Top 40 der deutschen Albumcharts schaffte. Es folgten zahlreiche Auftritte auf der ganzen Welt und auf diversen Festivals. Nachdem Claire auf ihrer Tour in London der Tourbus mit ihrem gesamten Equipment geklaut wurde, wurde es zwangsläufig still um die Band. Ausgebremst von dieser Erfahrung erschien 2015 die verspielte, düstere Konzept-EP „Raseiniai“ und in diesem Jahr das zweite Album „Tides“.

 

Die Emotionen

Mit international klingendem Indie-Elektro-Pop erschloss sich die Münchner Band Claire schnell eine Fangemeinde, ihre Singles liefen im Radio, wurden für TV-Produktionen verwendet und von namhaften Musikern geremixt. Interessant ist, dass Claire nie nach deutscher Popmusik klangen, vielmehr reiht sich ihre Musik irgendwo zwischen den großen Namen des Indie-Pop wie beispielsweise The XX, Woodkid (der sie auch schon als Vorgruppe engagierte) und Chvrches ein.

Josie-Claires klare, weiche, an manchen Stellen fast zerbrechlich warme Stimme scheint über die kühlen und bisweilen spielerischen Sounds der Bandkollegen zu schweben und macht dabei die Musik von Claire zu etwas Besonderem.

Claire – Drowning

Wenn man sich die letzten Jahre des ESC anschaut, so findet man dort immer wieder Songs, die beim herkömmlichen Fan anfangs keine große Aufmerksamkeit erhalten, aber im Wettbewerb mit guten Platzierungen überraschen. Mir fallen da spontan The Common Limits, Loic Nottet, Aminata, ByeAlex und Jowst ein. Margaret Berger, Jana Burčeska und Blanche, die in einer zumindest ähnlichen musikalischen Richtung wie Claire beheimatet sind, begeisterten viele Fans sogar von Beginn an (wobei gerade Jana Burčeska durch ihren Auftritt nicht das Potenzial des Songs ausschöpfen konnte).


Alle diese Acts eint meiner Meinung nach etwas: Sie gehen nicht den bequemen Weg des netten Radio-Popsongs ohne Ecken und Kanten, der einen beim ersten Hören oft schon altbekannt vorkommt. In früheren Jahrgängen schien die Erfolgsformel zu sein, dass ESC-Lieder beim ersten Hören zünden müssen, diese Formel scheint die letzten Jahre aufzuweichen und wirklich in Erinnerung bleiben Songs, die sich von dieser Formel einen Schritt entfernen. Modern klingen, etwas wagen und nicht auf Krampf versuchen allen zu gefallen.

Claire – Collider

Ein weiterer Grund, wieso ich glaube, dass Claire eine fantastische Wahl für einen deutschen Beitrag bei Eurovision wären: Claire haben Gespür für Design und Optik.

Jeder, der mal das Vergnügen hatte sie live erleben zu dürfen, wird bemerkt haben, dass die fünf ihr Publikum nicht nur mitreißen, sondern aus kleinsten Möglichkeiten größtmögliche optische Wirkung entfalten.

Claire – Friendly Fire

Wenn Claire in diesem Jahr bei der Vorentscheidung teilgenommen hätten, dann sicher mit dem Song „Friendly Fire“. Auch ich gehe nicht davon aus, dass Sie damit den Contest gewonnen hätten (an Salvador wäre in diesem Jahr wohl niemand vorbeigekommen), aber ich gehe stark davon aus, dass „Friendly Fire“ mit der richtigen Performance das Zeug gehabt hätte, einen richtig guten Platz zu machen und international für viel positives Aufsehen gesorgt hätte.

 

Das Argument

Claire sind echt in dem was Sie tun, klingen modern und international – ohne sich dabei am Radio-Reißbrett-Pop anzubiedern. Sie besitzen durch ihren Sound und Frontfrau Josie-Claires Gesang und ihrem Aussehen (niemand wedelt einen Zopf so gut wie Josie-Claire) extrem hohen Wiedererkennungswert.

Deutschland genießt im Ausland gutes Ansehen für seine elektronische Musikvielfalt, erstaunlich eigentlich, dass wir gerade in einem internationalem Wettbewerb so selten darauf zurückgreifen. Meiner Meinung nach sollten wir das ändern und mit einer so spannenden und mittlerweile gereiften Band wie Claire auch zeigen.

Mit einem Song wie beispielsweise „Say It“ oder „The Crash“ (meiner Meinung nach zwei bisher unentdeckte Hits des aktuellen Albums „Tides“) würde ich auf eine Top-Platzierung wetten.

Claire – Say It

 

Mehr von Claire gibt’s auf ihrer Website, bei facebook, bei Instagram oder bei twitter sowie auf ihrem offiziellen youtube-Kanal.

 

Leser und Gastblogger manuel d. ist gebürtiger Oldenburger, arbeitet und lebt in Hannover als Mediengestalter und DJ und ist Mitorganisator der „12 – Die ESC-Party“-Reihe (die übrigens nächsten Montag in Hannover mit tatkräftiger Unterstützung durch Blog-DJ Douze Points wieder stattfindet). Seit frühester Kindheit ist manuel d. sehr visuell-, musik- und statistikinteressiert, da ist es natürlich klar, dass Eurovision zum absoluten Highlight eines jeden Jahres gehört. 2015 und 2016 konnte er dann endlich auch mal live dabei sein und es gelang ihm 2017 zum dritten Mal hintereinander, auf den richtigen Sieger zu setzen (2014 lag er mit den Common Linnets nur knapp daneben). Der PRINZ ESC Blog gehört seit den Anfängen zu seiner wöchentlichen, zeitweise täglichen Lektüre, er liebt nach eigener Aussage die kleinen Wettbewerbe und die meist gut recherchierten Informationen und ist immer wieder froh, neue Musik kennenzulernen.

 

Bisher in der Serie „Auf nach Lissabon!“ erschienen:
(1) Feuerherz (Matthias)
(2) Alvaro Soler (Marc)
(3) Wincent Weiss (Douze Points)
(4) Sarah Connor (OLiver)
(5) Franziska Wiese (DJ Ohrmeister)