Sensation im Jubiläumsjahr: Australien ist 40.Teilnehmer beim ESC in Wien

Australia ESC 2015 Logo

„Down Under“ steht Kopf: Das eurovisonsverrückte Land wurde nun offiziell von der EBU als 40.Teilnehmer beim ESC in Wien bestätigt, meldet Eurovision.tv. In den fünfziger Jahren wurde der Grand Prix d’Eurovision einst mit der Intention ins Leben gerufen, die europäischen Länder nach dem zweiten Weltkrieg wieder zusammen zu führen. 60 Jahre später werden beim ESC in Wien mit dem Motto „Building Bridges“ nun Brücken zu neuen Kontinenten geschlagen. Fluch oder Segen? Auf jeden Fall ein Meilenstein der ESC Geschichte!

Zweiter Überraschungs-Coup der EBU (European Broadcasting Union) innerhalb weniger Tage: zuerst wird mit dem Partner BBC One für den 31.3.2015 ein großes 60 Jahre-ESC-Geburtstags-Event in London angekündigt (mit fantastischer Starbesetzung) und dann folgt kurz darauf der nächste Paukenschlag:

Australien nimmt 2015 offiziell am ESC Wettbewerb teil und ist direkt für das Grand Final am Samstag 23. Mai 2015 gesetzt. Im Finale nehmen somit erstmals 27 Länder teil. Je 10 Qualifikaten aus den beiden Semifinals sowie die Big 5 plus Gastgeber Österreich und Australien.

Die EBU betont, dass es sich um eine einmalige Teilnahme im Rahmen des 60-jährigen ESC Jubiläums handelt. Durch diese Ausnahmeregelung treten jedoch allerhand Besonderheiten beim ESC in Wien auf:
Australien darf in beiden Semifinals voten
– sollte Australien den ESC gewinnen, darf das es erneut 2016 am Wettbewerb teilnehmen (ansonsten bleibt es bei der einmaligen Teilnahme!)

2014 Kopenhagen Semi 2 Australien
Interval Act Australien beim ESC 2014

Australien beim ESC – eine Welle der Begeisterung?

Der Eurovision Song Contest in Sydney? Kylie Minogue als ESC Teilnehmerin? Bei diesen überwänglichen Gedanken dürften die Herzen einiger ESC Fans höher schlagen. Ganz so wird es nicht kommen, aber so ganz überraschend ist die Bestätigung Australiens als Teilnehmer nicht.

Bereits seit Jahren führt die EBU das ESC Publikum behutsam an die Thematik heran: schon 2013 in Malmö gab es während der Show eine Live-Schaltung nach Australien und 2014 in Kopenhagen durfte Australien den Interval-Act im Halbfinale stellen und schickte den nationalen Star Jessica Mauboy.

Auftritt von Jessica Mauboy (Australien) beim ESC 2014 in Kopenhagen

Erfüllt Australien denn nun die strengen EBU Regeln, die eine Teilnahme am Wettbewerb ermöglichen? Offiziell müsste Australien aktives Mitglied der europäischen Rundfunkunion sein und einen nationalen Rundfunkdienst innerhalb Europäischen Rundfunkzone betreiben oder in einem Land, das Mitglied im Europarat ist. Da Australien assoziiertes Mitglied der EBU ist, drückt man aber ein Auge zu. Der Trend die EBU Regeln „lockerer“ zu interpretieren  (z.B. bei Anmeldefristen, bei Song-Veröffentlichungen etc) erleben wir schon seit geraumen Zeit und ist nicht neu.

Der ESC mutiert dadurch zu Eurovision Open über die europäischen Grenzen hinaus: Australien hat jedoch einen besonders engen Bezug zu Europa, da viele Australier entweder europäische Vorfahren haben oder selbst aus Europa ausgewandert sind. Daher ist der Wettbewerb für sie etwas ganz Besonderes. Es zeigt ihnen ihre alte Heimat und führt sie zu ihren Wurzlen zurück.

Die ESC Begeisterung in Australien ist immens und kennt keine Altersgrenzen und kann mit dem Hype in einigen nord-und osteuropäischen Ländern problemlos mithalten. Die ESC verrückten „Aussie-Fans“ feiern wilde und legendäre Eurovision-Parties und haben sich die kreativsten Party-Trink-Spiele ausgedacht (PrinzBlog berichtete bereits). Das ESC Wochenende wird in Australien „Happiest Weekend of the Year“ genannt.

ABBA alle sechs

Bereits seit dem Sieg von ABBA 1974 überträgt das australische Fernsehen den Eurovision Song Contest (zeitversetzt) und seither lieben die Aussies den Contest. ABBA und Australien, das ist wie eine schöne Love Story. Mittlerweile gibt es für den seit 1983 für den ESC verantwortlichen staatlichen Sender SBS fast jedes Jahr neue Quotenrekorde zu vermelden und es wurde sogar ein eigenes australisches Online-Voting eingeführt. Die australischen Kommentatoren Sam Pang und Julia Zemiro genießen Down Under absoluten Kultstatus. 

Hier zum Vergleich die Zuschauerzahlen des Finales der letzten 5 Jahre:
♦ Kopenhagen 2014 – 618.000
♦ Malmö 2013 – 595.000
♦ Baku 2012 – 531.000
♦ Düsseldorf 2011 – 503.000
♦ Oslo 2010 – 366.000

Sam Pang und Julia Zemiro für SBS beim ESC in Wien 2015

Weiterer Pluspunkt: der australische Sender SBS (Special Broadcasting Service) verfügt derzeit über geeignete finanzielle Mittel. Neben 2 TV Sendern (SBS und World News Channel) gehören diverse Radiostationen zur Senderfamilie. Die Programme werden in bis zu 68 Sprachen (auch deutsch) gesendet. SBS überträgt die Fußball-WM, die UEFA Champions League sowie den Eurovision Song Contest.

Nicht zu vergessen ist die australische Musikszene, die den ESC durchaus bereichern könnte und noch bunter macht. Australien, das ist eben nicht nur Kylie, sondern auch Bee Gees, INXS, AC/DC, Midnight Oil, Men at Work, John Farnham, Delta Goodrem, Nick Cave bis hin zu Savage Garden, Guy Sebastian und aktuell Sia. Und es gibt tolle Musiker mit Aborigine Wurzeln wie eben Jessica Mauboy oder Yothu Yindi. Australien hat nun, wie alle anderen Länder Zeit bis 16. März 2015 um seinen Teilnehmer für Wien zu bestimmen. Die Gerüchteküche brodelt nun…

Mit das Beste, was Australien derzeit zu bieten hat: Sia mit „Chandelier“
.

Australien beim ESC – begeht die EBU etwa einen riesigen Fehler?

Wenn große Veränderungen anstehen, sollte man natürlich nicht nur alles durch die rosa-rote ESC-Brille betrachten, sondern auch den möglichen Gefahren und Konsequenzen ins Auge blicken. Und einige Kritik-Punkte sind sicher nicht von der Hand zu weisen und berechtigt:

malmö_ebupk10 Sietse Bakker Jon Ola Sand

♦ Ging bei der Zulassung von Australien durch die EBU alles mit rechten Dingen zu? Wurden die bestehenden Regeln eingehalten?

♦ Warum darf Australien direkt im Grand Final antreten? Die EBU begründet diesen Schritt damit, dass man die Qualifikationschancen der schon ausgelosten Semifinalisten nicht nachträglich schmälern wollte.

♦ Sollte das Unmögliche passieren und Australien den ESC gewinnen – wo findet der ESC dann statt? Muss der ganze ESC Tross dann tatsächlich nach Down Under reisen, so zieht das immense Kosten nach sich. Als Lösung hat sich die EBU hier folgendes Szenario einfallen lassen:
der australische Sender SBS muss den Contest dann als Co-Host in einer europäischen Stadt gemeinen mit einem Vollmitglied der European Broadcasting Union ausrichten.

♦ Das Problem Zeitverschiebung (etwa plus 10 Stunden): der Sender SBS inszeniert daher immer erst zeitversetzt ein großes Eurovision-Party-Wochenende im australischen TV: Semifinal 1 wird Freitag abends um 8:30 pm, das Semifinal 2 dann Samstag abends um 8:30 pm und das Grand Final am Sonntag Abend um 7:30 pm übertragen. Hier muss es eine Änderung geben, denn wie soll sich Australien da in der Live-Sendung am Televoting beteiligen? Der EBU Televoting Partner Digame sucht hier gerade nach Lösungen um Australien am Televoting zu beteiligen.

♦ Wie weit soll die Öffnung des Eurovision Song Contests dann noch weiter gehen? Die EBU betont zwar die Einmaligkeit der Initiative, hält sich aber gleichzeitig eine Hintertür offen: „Who knows what the future brings“ heisst es in der Erklärung. Auch in Mexiko, Neuseeland, in Teilen Südamerikas und insbesondere in Südafrika besteht ein großes Interesse am ESC.

♦ Nicht auszudenken, welche amüsante Verwirrung bei nuscheligen Punkteansagern zwischen „Austria“ und „Australia“ entstehen könnte.

♦ Ist das dann überhaupt noch ein „EURO„-vision Song Contest und fair gegenüber den traditionellen europäischen Teilnehmerländern?

1996 für UK am Start: die Australierin Gina G mit dem ESC Evergreen „Oooh aaah just a little bit“

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Auf jeden Fall könnte die Öffnung der ESC-Grenzen für Australien ein Meilenstein in der Eurovisionsgeschichte werden mit heute noch nicht absehbaren Auswirkungen. Solche Phasen in der ESC Geschichte gab es immer mal wieder, z.B. als der Contest seine Grenzen nach Osten öffnete, das Orchester abschaffte oder Halbfinals einführte. Eins ist jedoch sicher: wir dürften uns bereits in Wien auf noch mehr bunte und verrückte Aussie ESC Fans freuen.

Das Schlusswort gebührt Jan Ola Sand von der EBU: „Australiens Teilnahme ist gleichzeitig ein sehr gewagter und sehr bewegender Schritt. Es ist unsere Art zu sagen: Lasst uns diese Party gemeinsam feiern.“

Australia Fans Foto von Marc
Australische ESC Fans 2014 in Kopenhagen

 

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