Australien-Kommentar: Das ist nicht mehr mein ESC!

Australien ESC Logo

Vielleicht bin ich da old-school, aber ich halte die Entscheidung, Australien als regulären Teilnehmer des Eurovision Song Contests aufzunehmen, für falsch. Und das hat nur in zweiter Linie geographische Gründe. Gerade uns Fans sollte etwas anderes wichtig sein, was die EBU mit der Entscheidung schwächt.

Es ist schwer, mit dem Geographie-Argument zu kommen, schließlich nimmt Israel seit vier Jahrzehnten am Eurovision Song Contest teil. Am „European Song Contest“, wie Freunde von mir gern mal sagen – weil sie eben fest davon ausgehen, dass es sich um einen europäischen Liederwettbewerb handelt. Und als solcher war er auch konzipiert und hatte über all die Jahre seine Existenzberechtigung. Die Idee war von Anfang an, die europäischen Länder zusammenzubringen (1956, elf Jahre nach Kriegsende, waren das auch vor Kurzem noch verfeindete Länder – elf Jahre sind keine lange Zeit, wenn man nur an die 25 Jahre seit dem Mauerfall zurückdenkt).

Dass man die Eurovision größer gezogen und Länder unmittelbar außerhalb Europas in den ESC integriert hat (Israel 1974, Marokko 1980, Kaukasus ab 2006) – okay. Doch schon die länger laufende Diskussion über eine mögliche Teilnahme Kasachstans finde ich befremdend. Für mich gehört Kasachstan einfach nicht mehr zu Europa. Doch nun sprechen wir sogar von einem Land, ja einem ganzen Kontinent, der am anderen Ende der Welt liegt.

Ich verstehe ja, dass es in Australien viele ESC-Fans gibt. Und dass der Sender SBS seit Jahren den Wettbewerb in Down Under ausstrahlt. Aber am Super Bowl nimmt auch nicht plötzlich ein deutsches Team teil, nur weil Sat.1 seit Langem das American-Football-Finale überträgt. Die Lösung im vorigen Jahr war eine nette Geste an die Aussis, als Jessica Mauboy als Interval Act im 2. Halbfinale auftrat. Dass die EBU jetzt noch einen Schritt weitergeht und Australien einen Finalplatz zugesteht – quasi als Big 6 – geht aber zu weit.

2014 Kopenhagen Semi 2 Jessica Mauboy
Jessica Mauboy auf der Bühne in Kopenhagen

Der Wettbewerbsgedanke wird geschwächt

Und dabei ist das Geographie-Argument noch das am wenigsten starke. Klar kann man stundenlang auf der Vorsilbe „Euro-“ in Eurovision herumreiten – doch der eigentlich entscheidende Punkt ist ein anderer. Einer, der gerade uns ESC-Fans wichtig sein müsste.

Denn so sehr der Eurovision Song Contest auch eine große TV-Show ist, die Millionen von Zuschauern unterhalten soll: Es ist immer noch ein „Contest“, wie sich klar aus dem Namen ergibt. Und dadurch, dass die EBU Australien einen Platz direkt im Finale gesichert hat und dies als „one-time event“ präsentiert, verzerrt sie den Wettbewerb.

Vor allem Letzteres dürfte dafür sorgen, dass Australien in Wien sehr gut abschneiden wird, womöglich gar gewinnt. Denn der Durchschnitts-Zuschauer wird vermutlich erst am Finalabend selbst zu Beginn der Show mitbekommen, dass zum ersten und einzigen Mal – extra für das Jubiläum – Australien mitmachen darf. Es würde mich nicht wundern, wenn viele darum für Down Under anrufen werden: „Toll, Australien ist dabei, und nur dieses eine Mal – na, dann belohnen wir den ‚effort‘!“

Damit hat aber ein Wettbewerbsteilnehmer einen leichten Vorteil gegenüber den anderen. Die außerplanmäßige Teilnahme vermindert tendenziell die Chancen der anderen, einen guten Platz zu erreichen. Sollte Australien z.B. in Wien auf Platz 3 landen und, sagen wir mal, Belgien auf Platz 4, dann werden vielleicht viele belgische Fans sagen: „Ohne Australien wären wir Dritte geworden.“

Dem normalen Nicht-Fan-Zuschauer mag das egal sein; er erinnert sich ja auch im Hinblick auf den ESC 2014 gerade noch an Conchitas Sieg und hört vielleicht noch gern „Calm after the storm“. Doch die meisten ESC-Fans sind Anhänger des Events nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen des Wettbewerbsgedankens. Fans, die auch heute noch wissen, welchen Platz Nino de Angelo 1989 in Lausanne belegt hat oder wie oft Großbritannien auf Rang 2 landete – während der normale Zuschauer schon nach ein paar Wochen vergessen hat, auf welchem Platz Elaiza landeten (geschweige denn, wie die denn nochmal hießen, die für Deutschland gesungen haben).

Wer also das Wort „Contest“ in Eurovision Song Contest ernst nimmt – und ich finde, das muss man, wenn man den ESC nicht einfach nur als nette Unterhaltungsshow mit viel Gesang betrachtet – dann muss man die Aussie-Entscheidung kritisch bewerten. Ohnehin hat die EBU den Wettbewerbsaspekt geschwächt, indem seit 2013 die Startreihenfolge nicht mehr ausgelost, sondern intern bestimmt wird (also auch wer im Finale auf dem Todesstartplatz 2 antreten muss). Mit der jetzigen Entscheidung holt man sich vielleicht Kylie Minogue nach Wien. Der ursprünglichen Idee des ESC hat man aber einen Bärendienst erwiesen.

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