Baku 2012: Wo bleibt die Liste der Teilnehmerländer?

Der Jahreswechsel ist verklungen, am 26. Januar sollen die Semifinals ausgelost werden und noch immer hat die EBU keine offizielle Liste der Teilnehmerländer für den Eurovision Song Contest 2012 in Baku veröffentlicht. Das scheint auf letzten Abstimmungsbedarf und Überzeugungsarbeit hinter den Kulissen hinzudeuten…

Noch unfertig so wie das neue Wahrzeichen der aserbaidschanischen Hauptstadt (im Bild die Flammentürme) ist anscheinend auch die Liste der Teilnehmer des Eurovision Song Contest. Fakt ist: In den letzten Jahren stand die Liste immer kurz nach Weihnachten fest. In diesem Jahr müssen wir anscheinend etwas länger warten. Einen neuen Teilnahmerekord – dazu wären 44 Nationen nötig – wird es aber in 2012 voraussichtlich nicht geben.

Ihre Teilnahme in Baku bestätigt und bereits in unterschiedlichen Phasen der Liedauswahl stecken 40 TV-Sender: Alle Vorjahresteilnehmer (mit drei Ausnahmen) plus Montenegro als Rückkehrer minus Aussteiger Polen. Der von äußerst mageren ESC-Ergebnissen gebeutelte Sender TVP (Mit Magdalena Tul Letzter im ersten Semi in Düsseldorf) will sich offenbar 2012 auf die im eigenen Land stattfindende Fußball-Europameisterschaft konzentrieren. Nicht wenige ESC-Fans halten das für eine billige Ausrede.

Im letzten Jahr akzeptierte die EBU etwa auch einen slowakischen Rückzug nicht – trotz mehrfacher Ausstiegs-Ankündigung stand das slowakische Fernsehen auf der Liste und musste einen Titel auswählen – andernfalls wäre eine empfindliche Konventionalstrafe fällig geworden. Polen ist ein ungleich größerer und wichtiger Musikmarkt in Europa, daher wäre dieser Rückzug ein fatales Zeichen und kann von der EBU nicht so einfach hingenommen werden.

Italien, San Marino und wenig verwunderlich Armenien haben sich ebenfalls bislang nicht öffentlich erklärt. Im Falle Italiens, das erst im vergangenen Jahr nach 14-Jähriger Abwesenheit nach erheblichen Bemühungen seitens der EBU wieder in den Schoß des Eurovision Song Contest zurückgekehrt war, muss das nicht viel heißen. Das Sanremo-Festival (auch hier sind die Teilnehmer noch nicht veröffentlicht), ein Quotenknüller der staatlichen RAI, findet von 14. bis 18. Februar statt und bietet ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an etablierten Interpreten und talentierten Newcomern. Im Falle einer Zusage Italiens, wird auch Zwergstaat San Marino in Baku erwartet, gehört doch der nationale TV-Sender zur Hälfte der RAI.

Anders liegt der Fall bei Armenien, wo die ESC-Teilnahme im benachbarten Aserbaidschan aufgrund der extrem angespannten politischen Lage eine Frage nationaler Bedeutung ist (die Grenzen sind geschlossen und vermint, defacto befindet man sich seit 1994 in einem brüchigen Waffenstillstand über die umstrittene Region Bergkarabach)

Der armenische Delegationschef Gohar Gasparyan hatte um Weihnachten herum erklärt, spätestens bis Neujahr werde man die Teilnahme bestätigen und bald einen Interpreten – Gerüchten nach eine Sängerin, die in den USA leben soll präsentieren – hat man etwa unsere geniale Idee mit Ms. Sarkisian umgesetzt?

Das ist aber bislang nicht geschehen. Armenien verlangt von der EBU erhebliche Sicherheitsgarantien für seine Künstler und den bis zu 40-köpfigen Begleittroß. Der ausrichtende Sender Ictimai und aserbaidschanische Politiker hatte jedoch bereits erklärt, man heiße alle Teilnehmer herzlich willkommen und werde beste Arbeitsbedingungen und die freie Bewegung aller Beteiligten garantieren. Im September hatte Alexan Arutyunyan, Vorsitzender des armenischen TV die aserbaidschanischen Garantien als unzureichend zurückgewiesen.

Besondere Sicherheitsgarantien für die Armenier sind keine ganz abwegige Forderung, wenn man bedenkt, dass kürzlich armenische Boxer bei der Weltmeisterschaft in Baku offensichtlich aus Reihen des Publikums beschimpft und mit Steinen beworfen wurden. Die Box-Equipe war während der Wettkämpfe hermetisch im Hotel abgeschirmt worden. Schon vor wenigen Jahren konnten Länderspiele zwischen den Fußballteams beider Kaukasusstaaten nicht abgehalten werden, weil die Sicherheitgarantien nicht ausreichten. Seitdem hat der europäische Fußballverband Uefa Vorkehrungen getroffen, dass beide verfeindeten Staaten nicht mehr zufällig in eine Qualifikationsgruppe gelost werden.

Die mit Abstand spannendste Frage, die dem ESC durchaus eine gewichtige politische Bedeutung verleiht, ist: Wie hat sich Armenien nach 7 Monaten des Abwägens schlußendlich entschieden? Dem „Feind“ das mediale Spielfeld ESC gänzlich überlassen und von der anderen Seite der Schützengräben schmollend zusehen, wie Aserbaidschan sich als modernes muslimisches Land mit – dem Ölreichtum sei dank – beeindruckendem Wirtschaftswachstum, reichhaltiger Kultur und voller landschaftlicher Schönheit präsentiert?

Oder einen mutigen und engagierten, international bekannten Interpreten (eventuell gar mit einer versteckten politischen Botschaft) nach Baku entsenden, damit dieser austestet, wie ernst die Gastfreundschaft wirklich gemeint ist und gegebenenfalls die zu erwartende Inszenierung des ESC kritisch hinterfragt. Der armenische Vertreter muss angesichts der aufgeheizten nationalistischen Stimmung in Bezug auf das Nachbarland allerdings damit rechnen, vom einheimischen Publikum gnadenlos ausgebuht zu werden.

Zumindest einen Vorteil hat der ESC bereits erbracht: Das Säbelrasseln um Karabach dürfte zumindest bis Mai 2012 leiser werden. Baku, das immer wieder mit einer Rückeroberung der abtrünnigen Region droht,  kann sich gerade im Vorfeld des ESC eine Eskalation des seit mehr als 20 Jahren ungelösten Konflikts – etwa durch den Abschuss armenischer Flugzeuge, die den vor der Eröffnung stehenden Flughafen in Stepanakert (Xankandi), der Hauptstadt Karabachs anfliegen, keinesfalls leisten.

Debüts von neuen Teilnehmerländern in Eurovision Song Contest wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Liechtenstein ist noch nicht Mitglied in der EBU, Andorra hat aus Finanzmangel die Mitgliedschaft gekündigt – ein Schritt, den Luxemburg bereits vor 18 Jahren vollzogen hat. Tschechien bleibt nach drei niederschmetternden Ergebnissen (Letzter-Vorletzter-Letzter) in den Jahren 2007 bis 2009 weiterhin ignorant. Auch die Staaten des Maghreb haben ebenso wie die der Levante-Region auch nach den jüngsten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen kein Interesse an einem europäisch geprägten Musikfestival. Gerüchte um eine Rückkehr Marokkos haben sich ebenso als haltlos erwiesen. Immerhin findet durch Rona Nishliu, Albaniens frisch gekürter Kandidatin, gewissermaßen ein verdecktes Debüt des Kosovo statt.


Foto: Illustration der im Bau befindlichen Chrystal Hall, des geplanten Austragungsortes des ES 2012

Wir werden in Baku also voraussichtlich mit 41 bis 43 Ländern nahe an die Teilnehmerzahl von Düsseldorf (43) herankommen und zwei Semifinals mit 18 bis 19 Ländern genießen dürfen, aus denen sich je 10 Titel mit einem Mix aus Televoting und Jurywertung qualifizieren. Das Finale wird – da Gastgeber Aserbaidschan und die „Big 5“ Italien, Großbritannien, Spanien , Frankreich und Deutschland direkt qualifiziert sind – 26 Titel umfassen.