Betrug beim Skopjefest: kein Wechsel in Mazedonien in Sicht

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 00.32.47

Daniel Kajmakoski kann sich zurücklehnen – die Untersuchungen des Votingskandals in Skopje haben zwar Unregelmäßigkeiten zu Tage gefördert. Sie waren aber angeblich nicht entscheidend für den Ausgang des Festivals und die darin verwickelten Personen hatten nichts mit dem Sieger zu tun. Trotzdem wird sich etwas am Lied ändern…

Wie wir berichtet haben, hatte die mazedonische Polizei bereits kurz nach Ende des Skopjefests zugeschlagen, zwei Kneipen gestürmt und mehrere Personen verhört. Es gilt als erwiesen, dass mit bis zu 2.000 SIM-Karten versucht wurde, Einfluss auf das Televoting im Skopjefest zu nehmen. Von jedem Anschluss durfte während der 30-minütigen Televotingphase nur einmal abgestimmt werden.

TV-Bericht zum Betrug im Skopjefest

Das Motiv: Es ging nicht nur um Ruhm & Ehre und eine Reise nach Wien zum ESC, sondern in erster Linie um Geld. Als Preisgeld im Skopjefest waren nämlich erstmals 20.000 Euro für Rang 1, 15.000 Euro für Rang 2 und 10.000 Euro für Rang 3 ausgelobt. Damit kann man schon einiges anfangen…

Zur Erinnerung: Das Televoting im Skopjefest wurde überlegen von Daniel Kajmakoski mit „Lisja esenski“ (Herbstlaub) gewonnen. Der Sieger der Castingsshow X Factor Adria hat viele insbesondere jüngere Fans. Daher waren die 3.597 Stimmen für ihn keine Überraschung. Danach folgten Egi (2.688), Tamara Todevska (781), Viktoria Loba (735) und Dimitar Andonovski (674).

Skopjefest Ergebnis

Die internationale Jury (darunter Nadine Beiler) hatte hingegen Tamara vorn, vor Kajmakoski, Egi und zwei Titeln, die keine Punkte aus dem Televoting erhielten. Daher gewann Daniels Herbstlaub-Lied in der Kombination aus Televoting und Jury (12+10) vor Tamara (8+12) und Egi (10+8).

Offiziell hieß es später, ein Komponist, ein Produzent und zwei Angestellte des Unternehmens, das das Televoting organisiert hatte, seien in den Betrug verwickelt. Womöglich ohne dass Interpreten davon gewusst hätten. Die betreffenden Personen seien verhört worden. Namen wurden nicht genannt. Nun heißt es, es sei zwar betrogen worden, aber das Ausmaß im Televoting sei nicht groß genug gewesen, als das man das Ergebnis ändern müsste. Und offensichtlich haben der Sieger und sein Team nichts damit zu tun.

Daniel Kajmakoski selbst war zunächst geschockt von den ersten Berichten insbesondere der serbischen Presse, die ihn als Gewinner des Skopjefests nach der Polizeiaktion in ein schlechtes Licht rückten. Er versicherte: „Was mich anbelangt, ist unser Sieg klarer als eine Träne, unser Lied hat den Geschmack der Menschen getroffen. Wir haben viel Zeit und Einsatz in den Song gesteckt.“ Sein einziger Kontakt im Vorfeld des Festivals sei zum künstlerischen Direktor Valentino Skenderovski gewesen, der ihn zur Teilnahme eingeladen hatte.

Im Verdacht steht laut mazedonischen Bloggern indes Jovan Jovanovski. Dieser ist Autor von „Edna edinstvena“, dem Skopjefest-Titel von Viktoria Loba, einer ehemaligen JESC-Teilnehmerin. Viele der Teilnehmer gaben in den mazedonischen Medien ihre Einschätzung zum Skandal ab, die zwischen wissender Resignation (Alexandra Janeva: „Wundert mich gar nicht, das geht doch schon seit Jahren so“), alternativen Vorschlägen (Lazar Cvetkovski: „Televoting ist betrugsanfällig, wir sollten die Zuschauer im Saal abstimmen lassen“) und Humor lag (Nina Janeva: „Ich habe nichts damit zu tun, man sieht es ja daran, dass ich Dreizehnte wurde“). Überrascht von der Betrugsaktion zeigte sich niemand. Viktoria Loba verweigerte zunächst eine Stellungnahme, später bestritt sie nachdrücklich eine Beteiligung an dem Betrug.

Da hinter Lobas Song die gleiche Produktionsfirma steht wie diejenige der Drittplatzierten in der Gesamtwertung Egi (Evgenija Cancalova), spekulieren viele mazedonische Fans, dass auch die hohe Anrufzahl für Egis Lied zum Teil auf den Betrug zurückzuführen sein könnte. Anders als Lobas Resultat wäre dies entscheidend: Denn wäre Egi nicht Zweite im Televoting geworden, hätte es – vorausgesetzt die anderen Stimmzahlen sind korrekt – einen Gleichstand zwischen Tamara und Daniel gegeben. Nach den Regeln früherer Jahre wäre im Skopjefest die höhere Jurywertung entscheidend für den Sieg gewesen. Dies hätte Tamara statt Daniel nach Wien gebracht.

Bildschirmfoto 2014-11-24 um 01.30.30

Tamara Todevska trat recht aufgeräumt in den TV-Nachrichten auf. Sie sagte: „Ich will wissen, ob ich betrogen wurde. Und ich will, dass die Schuldigen bestraft werden. Das passiert nicht zum ersten Mal. So oft war ich lediglich die moralische Gewinnerin.“ Damit spielt sie auf kontroverse Resultate im anderen großen Festival des Landes an, dem ebenfalls gut dotierten Makfest an. Dieses findet im Juni statt und hat nichts mit der ESC-Auswahl zu tun. Schon werden die Ergebnisse vergangener Festivals hinterfragt. Auf der anderen Seite wünschte Tamara Daniel ausdrücklich alles Gute und meinte, sie wäre schon beim ESC gewesen und müsse da nicht unbedingt nochmals hin.

Man darf annehmen, dass das mazedonische Fernsehen heilfroh über diese letzte Aussage ist und recht schnell wieder den Deckel auf das riesige Fass voller Würmer geschraubt hat, das durch die Polizeiaktion und die großflächige Berichterstattung in den mazedonischen Medien geöffnet wurde. Man kann nun davon ausgehen, dass selbst wenn es noch zu ein paar Enthüllungen, Geständnissen, Verhaftungen in Bezug auf andere Songresultate kommen sollte, für den ESC alles beim alten bleibt solange Daniels Televoting-Ergebnis nicht ins Wanken kommt.

Nun ja, fast. Der mazedonische ESC-Beitrag wird in jedem Fall einem umfangreichen Revampment unterzogen – und zwar in Schweden. Schließlich ist neben Kajmakoski und Aleksandar Mitevski mit Joakim Persson auch ein Schwede im Komponistenteam.

Autumn leaves – Daniel singt auf Englisch

Daniel hat bereits erklärt, er möchte für Mazedonien beim Eurovision Song Contest auf Englisch singen. Den Refrain hat er offensichtlich schon im Kopf. Der Sänger will sich Ende des Monats in Wien mit einem schwedischen Produktionsteam treffen und sich um die englische Fassung kümmern. Sie wird aber nicht mehr in diesem Jahr veröffentlicht.

Bildschirmfoto 2014-11-24 um 02.13.34

In Wien ist der Mazedonier gewissermaßen auch zu Hause. Daniel Kajmakoski ist in zwar vor 31 Jahren in Struga am Ohridsee in Mazedonien geboren, kam aber mit seinen Eltern und zwei Brüdern mit sieben Jahren nach Österreich und wuchs in Wien auf. Er spricht daher fließend Deutsch und hat auch bei Österreichs Castingsshow „Starmania“ vor zehn Jahren einige Spuren hinterlassen. Als flotter Twen (Bild: last.fm) reichte damals aber nur zu Rang 8.

Die Starmania-Auftritte beim ORF aus den Jahren 2003/2004 sind leider im Internet nicht mehr vorhanden, aber von Daniel gibt es anderweitige Funde – auch auf Deutsch:

Daniel Kajmakoski ft. Emirez – Ich bleib nicht hier

Womöglich kommt nach all dem Chaos noch ein gutes Ende heraus? Eine neue Version mit guten Chancen auf eine Finalqualifikation in Wien – nach fünf Pleiten in den letzten sechs Jahren? Oder wartet ein ähnliches ESC-Fiasko wie nach dem Austausch von „Imperija“ in 2013? Wir sind in jedem Fall gespannt auf die revampte Version des Herbstlaubs auf Englisch.

Mazedonien 2015: Daniel Kajmakoski – Lisja esenski (Skopjefest Siegesperformance)

[poll id=“235″]