Bianca Shomburg im PRINZ Blog Interview: „Jedes Jahr bin ich aufgeregt, als müsste ich wieder für Deutschland antreten“

Bianca Shomburg kam im Juli zum Eurovision Weekend nach Berlin (dort trat auch Cindy Berger auf, hier beide im Bild). Am Rande der Proben nahm sie sich Zeit für ein sehr nettes Gespräch: über ihre ESC-Teilnahme 1997, über authentische Auftritte, Carolin Reiber auf der Treppe und über die Musik, mit der sie heute ihr Geld verdient. Und über Guildo Horn, der just ein Jahr nach ihrem Flop als „ESC-Retter“ gefeiert wurde.

PRINZ Blog: Hallo, Bianca. Danke, dass du dir etwas Zeit für uns nimmst. Wie kam es denn 1997 zu der Zusammenarbeit mit Ralph Siegel? Du hattest zuvor ja die europäische Soundmix-Show gewonnen …

Bianca Shomburg: Genau, mit einem Lied von Céline Dion, „Think Twice“. Damit verbunden war ein Plattenvertrag mit BMG Ariola und mit Harold Faltermeyer als Produzent, der auch in der Jury der Soundmix-Show saß. Wir haben eine Single produziert, „I Believe in Love“, die sich auch ganz gut verkauft hat. Da wurde Ralph Siegel auf mich aufmerksam, rief bei Harold Faltermeyer an und fragte ihn: „Kann ich mir die Bianca mal ausleihen?“ (lacht) Harold wusste zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht so recht, wie es mit unserer Zusammenarbeit weitergehen sollte, und sagte zu Ralph Siegel: „Klar, frag sie.“

War zu dem Zeitpunkt schon klar, dass es um den ESC gehen würde, oder war das eine generelle Anfrage von Siegel, mit dir Musik zu produzieren?

Nein, Ralph Siegel sprach direkt den ESC an. Er sagte, dass er ein Lied geschrieben hätte, eigentlich für eine andere Künstlerin, da hätte es aber irgendwie Probleme gegeben. Und jetzt würde er gern diesen Song mal von mir hören. Daraufhin bin ich nach München geflogen und habe den Song für ihn eingesungen. Und er sagte: „Ja, das passt, das machen wir!“

Und du wusstest damals auch nicht, dass das eigentlich ein Lied für Esther Ofarim war?

Doch, das hat Ralph Siegel mir gesagt. Ich fand es auch gut, dass er da mit offenen Karten gespielt hat.

Hattest du das Gefühl, dass du nur zweite Wahl bist?

Ach nee, gar nicht. Mit 22 ist das eine große Ehre, wenn ein Ralph Siegel anruft und fragt, ob ich den Song singen darf. Das fand ich toll.

Wie fandest du das Lied, „Zeit“?

Ich musste es mir tatsächlich zwei, drei mal anhören, weil die Sparte nicht so meine Musikrichtung war.

Das war vermutlich etwas ganz anderes als das, was du mit Harold Faltermeyer gemacht hattest…

Richtig, das war englischsprachig und ging in die Pop-Soul-Richtung. Der Song von Ralph Siegel war dagegen schon sehr balladesk, eben Schlager. Damit musste ich mich erst ein bisschen anfreunden. Aber das Lied war und ist eine großartige Ballade. Und ich bin nach wie vor stolz, dass ich diesen Song für Deutschland singen durfte.

Welche Erinnerungen hast du an den deutschen ESC-Vorentscheid? Der war damals ja groß mit vielen verschiedenen Künstlern…

Ja, Michelle war da ja dabei…

… und Ralph Siegel hatte noch einen weiteren Titel im Rennen und machte sich selbst Konkurrenz…

Ja, das macht er ja immer. Er will immer Plan B haben. Wenn der eine es nicht schafft, dann vielleicht der andere.

Du warst Plan A?

Das weiß ich gar nicht. (lacht) Wer weiß das schon? Ja, das war schon aufregend. Ich kannte natürlich dieses Wettbewerbsgefühl von der Soundmix-Show. Das Kribbeln war also nicht neu für mich.

Wie war dann der ESC in Dublin?

Das war natürlich toll. Man wurde mit einer Polizeieskorte durch die Stadt gefahren, es gab einen roten Teppich… als wäre man der größte Star der Welt. Ganz aufregend. Leider war der Kontakt zwischen den Künstlern nicht sehr eng. Damals blieben die Contestants eigentlich unter sich. Das fand ich sehr schade. Es gab nur ein offizielles Welcome Dinner. So wie es heute läuft, ist es viel spannender. Es gibt viele Pressetermine, mehr Öffentlichkeitsarbeit. Das fehlte damals.

Das Interesse am ESC war in Deutschland damals gering. Wie hast du die Stimmung wahrgenommen?

1997 war der absolute Tiefpunkt, und das hat man schon gemerkt. Das wurde mir ja auch gesagt. 1997 war, glaube ich, die schlechteste Einschaltquote, die sie beim deutschen Vorentscheid je hatten. Aber international war der ESC immer noch sehr, sehr groß. Letztlich haben über 300 Millionen eingeschaltet. Und so steht man dann auch auf der Bühne: Man weiß, in diesem Moment schauen einem 300 Millionen Menschen zu! Das war großartig!

Wie hast du die drei Minuten wahrgenommen? Ist das wie ein Film, der an einem vorbei zieht, und nachher sitzt man im Green Room und kann sich an den Auftritt fast schon nicht mehr erinnern, weil das so surreal ist?

Nein, ich habe die drei Minuten sogar ganz intensiv wahrgenommen. 30 Sekunden vor Start wird man da ja schnell hingestellt. Ich weiß noch, dass ich einen Frosch im Hals hatte – Nervosität, natürlich. Dann ging das Rotlicht an. Da weißt du: Jetzt musst du drei Minuten alles geben, du darfst dir keinen Fehler erlauben! Ich habe jeden Moment  genossen. Ich weiß noch, dass mein Monitor extrem laut war, das hat mich gestört. Das weiß ich alles noch.

 

Hast du auch die anderen Songs im Wettbewerb mitbekommen, oder konzentriert man sich in den Tagen davor und auch in der Sendung nur auf sich selbst?

Bei mir war es so, dass ich die anderen tatsächlich nicht so mitbekommen habe. Klar, Katrina and the Waves, die habe ich natürlich mitbekommen, weil ich selbst den Song auch grandios fand.

„Love shine a light“ galt vermutlich schon im Vorfeld als potenzieller Sieger.

Ja, klar, das stand bombenfest. Das ist ja auch bis heute eine großartige Nummer. Aber die anderen Songs… Man ist halt doch sehr auf sich fokussiert. Ich saß danach im Green Room und war froh, dass ich fertig war. Dann fällt das alles erst mal von einem ab. Erst mal Ruhe.

… bis dann das Voting startet.

Das war besonders spannend. Noch kurz vor Beginn der Sendung stand Deutschland bei den Wettbüros auf Platz 3, und Ralph Siegel sagte mir kurz vor der Show: „Platz 3, das ist super, dann wird es sich irgendwie da auch einpendeln. Unter den ersten Fünf wirst du landen. Das war die letzten 20 Jahre immer so.“ Dann ging also das Voting los, und die ersten Punkten kamen nicht. Da sagte ein Background-Sänger von mir: „Okay, ist gelaufen.“ Ich darauf: „Wieso?? Das waren doch erst die ersten fünf Länder… das kann doch noch…“ Er sagt: „Nö, wenn du von ersten fünf Ländern keine Punkte kriegst, ist es vorbei.“ Und ich: „Bitte?!? Das kann doch nicht wahr sein.“

Naja, für den Sieg reichte es zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht mehr, aber für eine vordere Platzierung….

Ach, irgendwie wussten die es – ich wusste es nicht. Auf jeden Fall wurden wir alle immer ruhiger und ruhiger. Irgendwann flossen auch die Tränen, weil keiner damit gerechnet hatte, dass wir am Ende so weit hinten landen würden. Platz 18! Das war schon niederschmetternd. Damit konnte ich, ganz ehrlich, nicht umgehen, weil ich vorher die deutsche Soundmix-Show gewonnen hatte und danach das europäische Finale. Und dann den deutschen Vorentscheid. Man war so auf der Gewinnerstraße. Und dann plötzlich Platz 18, das war für mich unverständlich. Ich dachte: „Ich hab doch alles gegeben! Ich hab doch gut gesungen, ich hatte keinen Patzer! Es war alles okay.“ Man fragt sich dann, warum.

Zumal man ja darauf hoffen konnte, dass viele Zuschauer in Europa dich durch die Soundmix-Show und den Sieg dort kennen.

Natürlich. Darauf spekulierte Ralph Siegel ja auch. Es lief leider nicht so. Kann man nicht ändern. (lacht)

Im Jahr darauf kam Guildo Horn. Er wurde vor allem als „Retter des Grand Prix in Deutschland“ gefeiert, der all die schrecklichen Jahre davor wettmacht. Trifft einen das dann zwölf Monate später nochmal, wenn man weiß, man ist genau die Person, die im Jahr davor zu dem Untergang geführt hat, für den es jetzt einen Retter brauchte?

Ja, klar trifft das einen. Ganz oft siehst du auch Sendungen, in denen ESC-Zusammenschnitte gezeigt werden – und die gehen dann 1998 los. Wenn mich jemand fragt, sag ich immer: „Ich war das Jahr vor Guildo Horn.“ Dann wissen sie: „Ach so, 97.“ Aber so isses halt. Der ESC musste in Deutschland irgendwie wachgerüttelt werden. Der war verstaubt, eingeschlafen. Und Guildo Horn hat ihn entstaubt, er hat wieder Farbe reingebracht. Ob man den Song und die Performance nun mochte oder nicht. Trotzdem hat er – beziehungsweise Stefan Raab – den ESC in Deutschland wieder ins Bewusstsein gebracht: Hallo, da ist ein europäischer Wettbewerb, schaut ihn euch an!

Wie ging es nach dem 18. Platz in Dublin dann für dich weiter? Ann-Sophie beklagte sich ja, dass sie 2015 nach ihrem letzten Platz direkt fallen gelassen worden sei… War das bei dir damals auch so?

Ja, so läuft das halt. Direkt nach der Niederlage sitzt man mit den Promotern, mit der Plattenfirma zusammen, und da heißt es dann: „Wir machen weiter, wir glauben an dich.“ Aber letztlich ist es – man muss das so hart sagen – nur Gerede. Man weiß genau: Natürlich kümmern sie sich nicht mehr. Warum auch? Es ist ein ganzes Stück Arbeit, den Künstler wieder in eine Bahn zu lenken, wo sie wieder Geld verdienen können. Es geht ja nicht um mich in dem Moment.

Aber Ralph Siegel hat an mich geglaubt. Das hat mir Halt gegeben, muss ich sagen. Ich habe noch zwei Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Er hat nur gesagt: „Entscheide dich jetzt, ob du in Englisch oder in Deutsch weitermachen willst. Ich möchte dich gern in Deutsch weiter produzieren.“ Dann habe ich mich für Deutsch entschieden. Aber nach zwei Jahren habe ich gemerkt, dass der deutsche Schlager nicht meins ist. Ich werde das nie vergessen: Ich war in Chemnitz, „Frühlingsfest der Volksmusik“ mit Carolin Reiber. Ich sollte mit Carolin Reiber eine Treppe runtergehen und singen „Ich bin immer da, wo die Musi spielt“.

Auch noch „die Musi“…

Ja, genau. Ich sang also dieses Lied, und während ich es so sang, spürte ich: „Das kannst du nicht machen, das ist nicht deins.“ Ich bin nach der Show ins Hotelzimmer und habe die ganze Nacht durchgeheult. Am nächsten Tag habe ich Ralph Siegel angerufen und ihm gesagt: „Ralph, es tut mir unendlich leid, aber das ist nicht meins.“ Das hat er auch verstanden. Natürlich war er enttäuscht, aber wir verstehen uns nach wie vor hervorragend. Ab und zu telefonieren wir miteinander, das Verhältnis ist noch sehr, sehr gut.

 

Bianca Shomburg: Ich glaub‘ noch immer an Wunder (1999)

 

Was kam danach?

Erst mal eine Zeit des Sichwiederfindens. Ich habe vor dem ESC, vor der Schlagerphase, ja immer englischsprachige Musik gemacht. Ich habe in Soulbands und auch in Top-40-Bands gesungen. Ich bin seit 1996 hauptberuflich Sängerin, ich verdiene damit mein Geld. Da gab es also diese Phase, wo ich den Veranstaltern klar machen musste, dass ich nach wie vor englischsprachig unterwegs bin. Das hat ein bisschen gedauert, aber hat funktioniert.

Ich habe gelesen, dass du dann Gesangstrainerin bei „Deutschland sucht den Superstar“ warst…

Ja, aber das war Jahre später, für Anna-Maria Zimmermann. Ich habe sie so ein bisschen durch die Sendungen gecoacht.

Heute fährst du dreigleisig: Top 40, Jazz und New Countryrock.

Wenn wir auf Betriebsfeiern oder Hochzeiten spielen, dann spielen wir meistens Top 40. Für die schickeren Sachen – edle Betriebsfeste, Messen – steht die Jazzformation bereit, B-flat heißt sie. Da sind wir zu viert, mit Klavier, Kontrabass, alles live. Eine tolle Sache. Und dann spielen wir in der Band Nashfield eben New Countryrock. Ich brauche diese Abwechslung. Ich kann nicht nur Top 40, ich kann nicht nur Jazz. Ich brauche von allem ein bisschen. Auch eigene Songs, die mein Mann Björn schreibt. Das brauchen wir zum musikalischen Ausgleich.

Schaust du den ESC heute noch jedes Jahr?

Der Witz ist: Jedes Jahr, wenn der ESC läuft, bin ich aufgeregt. Als wäre ich selbst wieder da und müsste für Deutschland antreten. Ich glaube, das Gefühl bleibt, bis man stirbt. Wir versuchen immer, den ESC zu schauen. Leider ist er immer an einem Wochenende, an dem wir Auftritte haben. Seit 13 Jahren haben wir an diesem Samstag einen Auftritt in einem Hotel. Da gibt es eine Hotelbar, und die wissen dort schon, wenn ich komme: „Ah, Bianca Shomburg ist da, die will jetzt den ESC kucken.“ Die Leute dort sind sehr nett und schalten den ESC immer extra für uns an.

Wie bewertest du den ESC heute, so groß wie er geworden ist, mit den vielen Special Effects und so?

Das fing bei uns damals an, dass es bunter wurde. Deswegen war mein Song 1997 schon etwas altbacken. Ich finde es eine tolle Möglichkeit, den Auftritt so bunt zu gestalten. Das macht den ESC aus. Er ist abwechslungsreich. Über manche Songs schmunzelt man, über manche ärgert man sich vielleicht auch. Aber genau so muss der ESC sein! Man soll darüber diskutieren, man soll sich drüber aufregen. Der ESC soll alle diese Emotionen auslösen.

Du sagtest gerade, dein Lied war damals schon altbacken. Deine Kleidung wirkte mit der Rüschenbluse auch sehr betulich.

Ja. Katastrophe. (lacht)

Du warst damals 22. 1997 trugen 22-Jährige doch keine Rüschenbluse!

Ja, heute fragt man sich: Warum haben die mich wie eine 44-Jährige aussehen lassen? Warum?!? Ich war 22, man hätte mich auch in ein anderes Outfit stecken können. Aber gut, das war Ralph Siegel. Mit 22 denkt man sich nichts dabei, „der wird wissen, was er tut“. Man macht, was einem gesagt wird: Lächele genau in diesem Augenblick in die Kamera, mache dann die Handbewegung und so weiter.

Das wirkt dann halt sehr einstudiert.

Genau. Das würde ich heute anders machen. Man merkt einer Performance an, wenn sie durchgestylt ist, finde ich. Da fehlt ein wenig der Zauber. Dass man sagt: Ach super, die stellt sich hin, singt einfach und gut. Mehr braucht es nicht. Das kommt dann viel authentischer rüber.

So wie beim ESC 2017 der Portugiese …

Genau! Der hat es authentisch rübergebracht, so wie er ist und wie er das Lied fühlt. Und das kam bei den Leuten an. Damit trifft man das Herz.

Wenn man im Vorfeld des ESC mit Teilnehmern spricht, fällt oft der Satz: „Ich sehe das eher wie ein Konzert, nicht als Wettbewerb – wir sind eine große Familie und machen alle da gemeinsam Musik.“ Und Lieder könne man sowieso nicht nach Punkten bewerten…

Musik ist immer sehr schwierig zu bewerten. Da spielt Geschmack eine große Rolle. Und, ob du den Zahn der Zeit triffst. Aber: Der ESC ist und bleibt ein Wettbewerb, und man will diesen Wettbewerb gewinnen, mal will ihn nach Hause holen. Entschuldigung, dafür ist man doch dort!

Könntest du dir vorstellen, nochmal beim ESC mitzumachen?

Sicher könnte ich mir das vorstellen. Mit einer eigenen Nummer, ganz authentisch: Das ist jetzt Bianca Shomburg, ohne Rüschenärmel und ohne einstudierte Choreographie. Sondern so wie sie eben ist. Klar, da wäre ich sofort dabei.

Liebe Bianca, vielen Dank für das Gespräch.

Bianca Shomburg mit Matthias
Matthias mit Bianca Shomburg beim Eurovision Weekend 2018 in Berlin

 

Bianca mit ihrem Mann Björn Diewald beim Eurovision Weekend, „Zeit“

 

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