Break the taboo: Michelle veröffentlicht Album Nr. 13

Die deutsche Vertreterin beim ESC 2001 ist auch heute noch medial omnipräsent und landet mit ihren Alben in Deutschland und Österreich regelmäßig in den Top 20. Nachdem Michelle nun zwei Staffeln lang in der Jury bei DSDS saß, kam vor wenigen Tagen ihr neuester musikalischer Streich „ Tabu“ auf den Markt. Gastblogger Florian hat für Euch reingehört.

Was haben Lena, Max Mutzke, Roger Cicero und Michelle neben ihrer ESC-Teilnahme gemeinsam? Sie sind die einzigen deutschen Vertreter im neuen Jahrtausend, die ihre Karriere nach dem Song Contest nachhaltig in Schwung bringen konnten.

Die Power-Ballade „Wer Liebe lebt“ gehört bis heute zum festen Live-Repertoire von Michelle. 17 Jahre sind seit ihrem Auftritt in Kopenhagen, bei dem sie den achten Platz erreichte, vergangen. Mehrfach gab sie seitdem das Ende ihrer Karriere bekannt, geriet durch Schwächeanfälle, Selbstmordversuche und Trennungen in die Schlagzeilen, eröffnete einen Frisiersalon für Hunde, saß neben Dieter Bohlen in der DSDS-Jury und kehrte doch immer wieder vors Mikro zurück. Sieben Studioalben sind seit 2001 erschienen. Ihr bisher letztes, „Ich würd‘ es wieder tun“ (2016), hielt sich länger in den Charts als jedes andere zuvor. Am Freitag wurde mit „Tabu“ Album Nummer 13 veröffentlicht.

Für die 24 neuen Titel (die Bonustracks der „Deluxe“-Edition miteingerechnet) zeichnen sich allerhand Produzenten, Songschreiber und Texter verantwortlich, die im deutschen Pop- und Schlagerbereich schon einige erfolgreiche Arbeitsnachweise erbringen konnten: Peter Plate & Ulf Leo Sommer (Rosenstolz, Sarah Connor), Thorsten Brötzmann (Christina Stürmer, Unheilig), Joe Walter (Wincent Weiss, Glasperlenspiel) oder Sera Finale (Culcha Candela, Udo Lindenberg) schrieben oder produzierten jeweils eine Handvoll Tracks auf der neuen CD.

Foto: Universal Music – Anelia Janeva

Bereits im März stellte die 46-jährige den ersten Vorboten des neuen Albums in der Samstagabendshow von Florian Silbereisen vor: „In 80 Küssen um die Welt“ ist ein Discofox der alten Schule mit starken Anleihen an vergangene Genre-Erfolge wie „Mein Herz“ (Beatrice Egli) oder „Du kannst noch nicht mal richtig lügen“ (Andrea Berg). Dass im Schlager das musikalische Rad immer wieder neu erfinden wird, erwartet natürlich niemand. Doch im Vergleich zu „So schön ist die Zeit“ (2016) oder „Paris“ (2014) von den beiden Vorgängeralben wirkt die biedere Vorab-Single zu „Tabu“ wie ein musikalischer Rückschritt und will nicht so recht zu dem mutigen, sinnlichen Albumcover passen.

Die gute Nachricht: Es gibt weitaus stärkere Titel auf „Tabu“. Zum Beispiel die treibende Dancefloor-Hymne „Ich tanz‘ dich einfach weg“, die nur so vor Kampfgeist strotzt. Oder auch der Ohrwurm „Nicht verdient“, bei dem Michelle mit Ex-Mann Matthias Reim vor dem Mikro steht. Unüberhörbar war hier der Riesenhit „Warum hast du nicht nein gesagt“ von Roland Kaiser und Maite Kelly die Steilvorlage. Sei’s drum: Nach „Idiot“ hat auch das neue Duett der beiden Schlagerstars das Zeug zum Evergreen.

Textlich ragen vor allem „Lass sie doch reden“, „Gegen den Rest der Welt“ sowie „Wenn ich was gelernt hab‘“ positiv hervor. Hier geht es mal nicht um verflossene oder aktuelle Liebschaften, Herzschmerz und Sehnsucht. Von der „Kleinen, die immer auf die Fresse fällt“ singt Michelle stattdessen, und meint damit natürlich sich selbst. Im Gegensatz zu Kolleginnen wie Helene Fischer oder Vanessa Mai, die ein lupenreines, perfektes Image pflegen, setzt sich Michelle in ihren Songs auch mit den Fehlentscheidungen und Tiefschlägen ihres Lebens auseinander. Und stellt ihrem nächsten Lover in Spe (Gerüchten zufolge „Feuerherz“-Sänger Karsten Walter) angesichts ihrer bewegten Biografie gleich die alles entscheidende Frage: „Bist du stark genug, dass du Michelle aushalten kannst?“.

Foto: RTL – Stefan Gregorowius

Textlich entdeckt man also durchaus einige Ecken und Kanten, die für den Schlager eher untypisch sind. Musikalisch hingegen wartet „Tabu“ kaum mit musikalischen Experimenten oder Überraschungen auf. Ohne Zweifel hätten viele Nummern genauso gut auf die jüngsten Alben von Helene Fischer, Vanessa Mai und Co. gepasst.

Auf „Tabu“ dominieren, auch das ist wenig überraschend, üppig arrangierte Uptempo-Nummern auf der einen und klavierlastige Balladen auf der anderen Seite. Doch gerade bei den ruhigen Titeln wird die 1,56 Meter große Sängerin ihrem Ruf als „Balladenkönigin“ einmal mehr gerecht. Besonders das sehr zurückhaltend arrangierte „Die Liebe kommt niemals aus der Mode“, unter anderem von Elaiza-Frontfrau Elżbieta Steinmetz geschrieben, überzeugt mit zuckersüßer Melodie und einer gefühlvollen, glaubhaften Gesangsleistung.

Fazit: Michelle unterstreicht mit „Tabu“, dass sie weiterhin zur ersten Garde der deutschen Schlagersängerinnen zählt. Fans von hochwertig produziertem Schlagerpop kommen auf ihre Kosten – und der Rest hat auf einen Schlag gleich 24 neue Gründe, sich über ihre eigenwillige Stimme auszulassen. Also eine glasklare Win-Win-Situation.

Anspieltipps: „Ich tanz‘ dich einfach weg“, „Nicht verdient“, „Dieses andere Gefühl“, „Nicht umsonst geweint“, „Die Liebe kommt niemals aus der Mode“, „Lass sie doch reden“

 

Florian Sawatzki (32) ist seit 1999 ESC-Anhänger, auch wenn damals sein Lieblingssong aus Zypern als vorletzter durchs Ziel ging. Bis heute landen seine Favoriten, von „Follow my heart“ über „Beautiful Song“ bis „Verona“, in schöner Regelmäßigkeit ganz hinten. Als Fan des VfL Bochum ist seine Frustrationstoleranz aber glücklicherweise besonders hoch.