Buchkritik: „Anders ermittelt: Mord beim ESC“ von Thomas Mohr

Mord und Totschlag beim ESC? Ja, das gibt es – und zwar im neuen Krimi von Thomas Mohr. Dem ESC-Experten gelingt darin die Verknüpfung des größten Showevents der Welt mit einem packenden Krimi-Plot, humorvollen Fan-Fantasien und häufig allzu wahren Fan-Realitäten. Für Insider gibt’s viele Reminiszenzen an ESC-Künstler und tatsächliche Begebenheiten, für ESC-Novizen einen unterhaltsamen Einstieg in die Fan-Kultur und für alle eine spannende Handlung mit einem dramatischen Finale – so wie es sich für den Eurovision Song Contest gehört. Die optimale Lektüre gegen die PED (Post Eurovision Depression).

Ja, Thomas Mohr ist eigentlich Radiojournalist. Aber er ist ein Radiojournalist, dem das flüssige Schreiben hervorragend liegt. Das hat er bereits mit seinem ersten Buch „Die Schützen“ unter Beweis gestellt. Flüssig, leicht verständlich und kurzweilig ist der Schreibstil in „Anders ermittelt: Mord beim ESC“ – genau richtig, für einen Roman, der spannend ist, sich dabei aber nicht zu ernst nimmt. Dass die Krimihandlung im Rahmen eines fiktiven Eurovision Song Contest angesiedelt ist, der ausgerechnet in Hamburg stattfindet, dürfte dem dort wohnenden Autor das Schreiben sehr viel einfacher gemacht haben.

Und Spaß hat er dabei ganz sicher auch gehabt. Das zeigt etwa die Detailverliebtheit bei den teilnehmenden Acts: Gleich 40 Songtitel, Künstler und dazugehörige Genres hat sich Mohr für das fiktive Event ausgedacht. Und alle erkennt man als eingefleischter Fan irgendwie wieder – Aha-Momente und Schmunzler garantiert. Einer der Acts ist die Schwedin Lissi Sander, die so sehr an Carola angelehnt ist, dass es mitunter schon wehtut. Mit einem bombastischen Schweden-Schlager und choreografiert fliegenden Discokugel-Drohnen will sie den ESC zum dritten Mal gewinnen und damit Johnny Logan Danny O’Brian mit seinen zwei Siegen für immer aufs Altenteil schicken.

Zu dumm, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet und auch nicht davor zurückschreckt, sie im ersten Semi vor laufenden Kameras mit einer Bombe auf dem Bühnensatelliten zu richten. Allerdings erwischt es nicht sie, sondern die ESC-Moderatorin Kaja Gonzales. Doch wer will die Schwedin umbringen? Salafisten? Jemand aus der schwedischen oder einer anderen Delegation? Ein düsterer ukrainischer Musikmanager? Thomas Mohr legt viele Spuren aus.

Gelöst wird der Fall von einem ungewöhnlichen Duo. Dieses besteht aus dem attraktiven, teilweise bollerhetigen Kommissar Anders mit weichem Herz und einem etwas zu ausgeprägten Gespür für gute Bekleidung und dem nerdigen Grand-Prix-Fan Gunnar mit sprechender Vogel-Handpuppe, vielseitigem statistischem Fachwissen und zu wenig ausgeprägtem Gespür für gute Bekleidung. Zusammen finden sie den Täter und überführen ihn in einem gleichermaßen dramatischen wie emotionalen Finale.

Der große Vorteil von „Anders ermittelt: Mord beim ESC“ für Fans der Veranstaltung: die Polizeiarbeit wird nicht unnötig bis ins Detail beschrieben. Es gibt keinen einzigen Durchgang des Tathergangs, wie er ja gern in skandinavischen Krimis seitenweise immer wieder gemacht wird, bis man es nicht mehr hören kann. Der Nachteil für ESC-Fans: Da der Autor versucht, auch Neulingen das Phänomen ESC und Fan-Bubble nahezubringen, sind manche Erklärungen der Verfahrensweisen beim Grand Prix womöglich zu ausführlich. Allerdings sind diese Erläuterungen oft mit einer kleinen Spitze für Insider versehen, so dass dem Autor der Spagat zwischen den Ansprüchen dieser beiden Lesergruppen gut gelingt.

Obwohl das Buch mit 262 Seiten alles andere als eine Kurzgeschichte ist, orientiert sich Mohr mit seiner Erzählung an der fokussierten Abwicklung des Eurovision Song Contest, wo abgesehen von der Eröffnungsnummer, dem Intervallact und der Punktevergabe nichts länger als drei Minuten dauert. So hat jede Szene im Buch einen konkreten Anlass und dient dem zügigen Vorantreiben der Handlung. Die Folge: Es mangelt stellenweise an Atmosphäre und einigen Figuren fehlt der persönliche Charakter, um mit ihnen zu leiden oder sie abgrundtief zu hassen.

Am besten glückt die Profilgebung dem Autoren bei den Hauptfiguren, dem ermittelnden Kommissar Anders, dem ESC-Fan Gunnar und der schwedischen Teilnehmerin Lissi Sander. Und trotzdem hätte man sich bei den männlichen Protagonisten noch etwas mehr Hintergrund, mehr Interaktion gewünscht, um sie intensiver zu begleiten. Andererseits hat Mohr bereits angekündigt, dass er sich ein weiteres Buch mit diesem ungewöhnlichen Duo vorstellen kann. Da wäre für diese feinere Skizzierung dann ja Raum.

„Anders ermittelt: Mord beim ESC“ ist, wie es Jan Feddersen bei der Buch-Premiere in Hamburg sagte, „eine journalistische Liebeserklärung in Krimiform an den ESC.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Und eine solche Liebeserklärung hört (und liest) man doch immer gern – vor, während und natürlich auch nach dem Eurovision Song Contest. Dann als perfektes Mittel gegen die PED.

 

„Anders ermittelt: Mord beim ESC“ ist erschienen im Querverlag und kostet 14,90 Euro.