Conchita beim Hamburg Pride: Muss ich den Thron jetzt schon abgeben?

Als Botschafterin für den EuroPride 2019 ist Conchita Wurst, die ESC-Siegerin von 2014, aktuell auf einigen CSDs zu sehen. Nach ihrem Auftritt am letzten Wochenende beim Hamburg Pride erzählte sie dem Prinz ESC-Blog unter anderem, wie sie sich fühlte, als Cesár Sampson das diesjährige ESC-Jury-Voting gewonnen hatte, und was sie mit Celine Dion und Björk verbindet.

Prinz ESC-Blog: Conchita, Du bist gerade auf dem Hamburg Pride aufgetreten. Was verbindet Dich mit der Stadt?

Conchita: Hamburg ist die einzige Stadt, in der ich es immer wieder schaffe, keine Zeit zu haben, um die Stadt zu erkunden. Entweder muss ich immer wieder gleich weg oder habe irgendwelche Termine. Und dabei habe ich unzählige Angebote für Stadtführungen – seriös wie unseriös. Aber ich werde sie alle abarbeiten. (lacht)

Auch diesmal geht’s gleich weiter… 

Ja, nach Stockholm zum EuroPride. Ich bin EuroPride Ambassador für Wien. Dort wird nächstes Jahr der EuroPride stattfinden. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich überzeugt bin, dass wir mit so einer besonderen Großveranstaltung viele Menschen in unserem Land überzeugen können, was für einen Mehrwert dieser Teil der Bevölkerung hat.

Conchita nach ihrem Auftritt beim EuroPride in Stockholm am Tag nach dem Interview 

Du bist jetzt EuroPride Ambassador, bist aber von der Community schon beim österreichischen ESC-Vorentscheid 2012 als Botschafter für die LGBT-Sache wahrgenommen worden. Wird dir das manchmal auch zu viel Pride?

Nein, ich bin ein Teil dieser Community. Meine Überzeugung ist, dass es wichtig ist, dass wir Prides haben, denn wir müssen sichtbar sein für viele Menschen – auch in Nachbarländern. In unserem Fall etwa in Ungarn, wo Gesetze einfach inakzeptabel sind. Und um zu zeigen, dass wir genauso viel wert sind wie alle anderen. Aber ich wünsche mir, dass wir irgendwann einen Tag erreichen, wo die Sexualität, die Hautfarbe, das Geschlecht vollkommen nebensächlich ist.

Wie hast du dich als Person in den letzten vier Jahren und drei Monaten, also seit deinem Sieg in Kopenhagen, verändert?

Zum Glück habe ich mich weiterentwickelt. Konkret habe ich aufgehört, mich dafür zu entschuldigen, dass ich manche Dinge gut kann. Ich habe akzeptiert, dass ich viele Dinge nicht kann. Mir war die Meinung der anderen schon immer eher egal. Ich bin jetzt aber wirklich auf dem Weg dahin, ein Optimum an Freiheit zu erreichen. Das ist dann der Fall, wenn du dir selber reichst und du keine Meinung von außen brauchst, um dich darin zu bestätigen, wer du bist.

Welche Dinge kannst du denn besonders gut?

Ich kann Menschen gut unterhalten. Ich bin ein guter Freund. Und ich arbeite schwer daran, die beste Version von mir zu erreichen, um damit in der Gesellschaft – mit der Aufmerksamkeit, die ich habe – etwas zu erreichen.

Und welche Dinge kannst du nicht so gut?

Ich kann kaum kochen, vermutlich auch aus Desinteresse. Ich bin nicht gut im Fußball. Und ich kann wahnsinnig böse und launisch sein, wenn ich hungrig bin.

Als guter Unterhalter hast du 2015 beim ESC in Wien den Greenroom moderiert. Wie war der Moment für dich, als du die Russin Polina Gagarina interviewt hast und die Stimmung in der Halle deutlich anti-russisch war? Warst du da als Person zerrissen oder rein in einer professionellen Situation?

Für mich war das vollkommen irrelevant, wo sie her war. Man buht keine Künstler aus, das macht man nicht. Wenn wir uns auf die Bühne stellen und alles geben, was wir haben, gerade Singen ist so etwas Persönliches, da ist das so eine Unart, jemanden auszubuhen. Die hat ihr Herz rausgesungen, und wie gut! Deshalb hab ich mich da vollkommen selbstbewusst hingesetzt und allen gesagt, sie sollen mal die Klappe halten.

Conchita Wurst beim ESC 2015 mit Polina Gagarina im Greenroom (ab 1:00 min)

Gehen wir noch einmal zurück zum Vorentscheid 2013, als du mit „That’s What I Am“ knapp den Trackshittaz unterlegen warst. Bist du im Nachhinein traurig oder froh, dass es damals mit dem Sieg nicht geklappt hat?

Ich habe dazu keine Emotionen. In der Situation habe ich mir natürlich gewünscht, dass ich gewonnen hätte. Ich bin aber so ein Typ Mensch, der denkt: wenn es so ist, ist es so. Ich danke da sehr meiner Großmutter für diese Erziehung. Wenn man jammert, dann sagt sie immer: „Ja, bringt aber nichts“. Damit ist alles Drama und künstliche Aufmerksamkeit auch schon im Keim erstickt.

Das Lied „That’s What I Am“ würde ja auch gut zu jedem Pride passen. Heute hast du es nicht gesungen. Singst du es noch?

Ich singe es tatsächlich noch, und zwar in einer sehr reduzierten Version bei meinen Konzerten. Ich bin sehr dankbar für dieses Lied, aber die ursprüngliche Produktion ist sehr schlageresk. Mein Musikgeschmack hat sich dann doch etwas anders entwickelt. Und da ich das Lied nicht missen möchte, singe ich es dann mit meinem Gitarristen Severin Trogbacher a cappella.

Conchita auf der Bühne beim Hamburg Pride 2018

Wie hat sich denn sonst dein Musikgeschmack verändert?

Vermutlich hat er sich gar nicht so sehr verändert. Ich habe mich nur daran zurückerinnert, was in meinem Feld der Aufmerksamkeit ist. Ich glaube, ich wurde musikalisch großgezogen von Celine Dion und Björk. Diese Mischung ist doch sehr spannend. Ich habe über die Jahre wahnsinnig viel Trip-Hop und elektronische Musik gehört. Das habe ich früher einfach nicht so klar für mich gehabt. Und ich merke natürlich auch an Abenden wie heute, wenn ich Lieder von meinem ersten Album singe: oh, da saß meine Stimme aber schon noch etwas höher. Es ist anstrengender geworden, aber ich schaff’s schon noch immer.

Noch einmal zum diesjährigen ESC. Als Cesár Sampson nach der Jury-Wertung auf Platz 1 lag, was hast Du da gedacht?

Also, ich hatte an dem Tag eine Eurovision-Party bei mir zu Hause. Das ist mittlerweile Tradition. Es kam zweimal die Polizei, darauf bin ich wahnsinnig stolz. Also eine richtige Fete. Wir sitzen also alle bei mir und die Punkte kommen rein und … Ich habe ihn gesehen, er hat gesungen, er hat abgeliefert wie nur was. Er singt göttlich. Ich würde mir wünschen, so gut zu singen. Er war zu recht auf Platz 1 und ich habe mich natürlich gefreut. Aber zugleich dachte ich mir: Wirklich jetzt schon? Muss ich jetzt schon den Thron abgeben? Ich habe in mir einen Monolog abgehalten und gedacht: alles gut, dann ist die Show nächstes Jahr wieder in Wien und ich moderiere das Ding. Das ist toll für Österreich; Stockholm war lang genug die Pop-Hauptstadt. Und trotzdem war da diese Frage: Wirklich jetzt schon?! Am Ende war es dann der dritte Platz, und das war wirklich super. Was für ein Zeichen nach draußen!

 

Würden wir dich denn in irgendeinem Zusammenhang beim ESC wiedersehen?

Also singender Weise wohl nicht. Aber moderieren würde ich das Ding schon mal gern. Ich habe die Moderation des Greenrooms sehr genossen. Ich will aber auch mal die ganze Show moderieren. Es tut mir leid für jeden, der dafür in den sauren Apfel beißen muss. Aber ich werde am Bühnenrand stehen und sagen: So, jetzt geht’s los!

Vorher gehst du aber erstmal auf Tour. Ein neues Album steht an. Was erwartet die Fans?

Diese Tour nennt sich „So weit, so gut“. Das ist das Resümee aus meinen mittlerweile zehn Jahren im Show-Business. Ich habe ja bereits mit 17 Jahren begonnen. Natürlich hat sich nach dem ESC-Sieg wahnsinnig viel getan und da habe ich jetzt ein Resümee gezogen. Ich wollte immer berühmt sein und ein Star werden. Wenn man das dann wird, merkt man, dass es nicht nur lustig ist. Ich habe viel dazugelernt. Es ist also der bisherige Querschnitt, bevor mein zweites Album kommt. Denn das ist erheblich anders als viele meinen würden.

Wann erscheint das Album?

Wenn alles gut geht, im Januar oder Februar 2019. Ich habe schon fast alles eingesungen.

Wird es denn als Conchita veröffentlicht werden?

Ich trage eine Perücke. (lacht)

Und was wird mit Conchita in fünf Jahren sein?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht habe ich noch kürzeres Haar und noch weniger Make-Up. Ich würde mich jetzt schon nicht mehr als Dragqueen bezeichnen. Viele meiner Freunde, die Dragqueens sind, fragen immer, ob ich überhaupt noch Wimpern aufklebe. Und ich habe heute Wimpern geklebt! Aber ich habe keine hohen Schuhe mehr an.

Conchita geht im Herbst mit ihrer Band auf Tour. Mit „so weit so gut. Best of live 2014-2018“ macht sie u. a. am 23. Oktober um 20 Uhr im Docks in Hamburg Station. Eintrittskarten gibt’s im VVK ab 42,90 Euro zzgl. Service & Versandkosten.

Alle Tour-Termine im Überblick

22.10. Hannover
23.10. Hamburg
24.10. Berlin
11.11. Oberhausen
12.11. Köln
13.11. Köln
18.11. Dresden
29.11. Stuttgart
2.12. Graz
3.12. Linz
4.12. Salzburg
5.12. Innsbruck
8.12. Wien mit Geburtstags-Special #Conchita30
10.12. Mannheim
11.12. Frankfurt
12.12. Kempten