Conchitas Sieg: Heldentat für die Community. Bärendienst für den ESC?

Conchita PK 2tes Semi

Der Sieg der Österreicherin Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest ist weiter in aller Munde. Von den einen wird sie als Zeichen der Toleranz gefeiert, von den anderen für ihre crossgender Kunstfigur gehasst und bedroht. So gut das eine und so schlimm das andere ist, was bedeutet Conchitas Sieg eigentlich für den Wettbewerb und seine Zukunft?

Seit Samstagabend hat die queere Community in Europa eine neue Ikone. Conchita Wurst hat mit ihren klaren Statements für Toleranz und mit ihrem rundum gelungenen Auftritt einen Platz in den Herzen vieler Schwuler, Lesben, Bi- und Transsexueller sicher. Sie werden sich noch Jahre an den Moment ihres Triumphes über Hass und Diskriminierung erinnern, an die Freude, die Rührung, die Gänsehaut. Ein bisschen so wie die Erinnerung an den Sieg der Transsexuellen Dana International beim Eurovision Song Contest 1998.

Das alles ist wunderbar. Und unabhängig davon, wie viele Personen nun tatsächlich für die Österreicherin am Samstag angerufen haben und wie breit ihre Unterstutzung in der Bevölkerung wirklich ist, das Zeichen ist da und kann von niemandem mehr rückgängig gemacht werden.

Mit großen Begriffen wie Heldentat sind Deutsche (aus nachvollziehbaren Gründen) zurückhaltender als andere Völker Europas. Tom Neuwirth, der hinter der Kunstfigur Wurst steckt, hat gewusst, welche Anfeindungen auf ihn zukommen. Er hat all das in Kauf genommen und ist mit viel Anerkennung und Zuneigung belohnt worden. Man darf das wohl Heldentat nennen.

Allerdings hat der Erfolg der „Transe mit Bart“ z. B. in Russland und Weißrussland Politiker auf den Plan gerufen, die den Ausstieg ihrer Länder aus dem Wettbewerb fordern. Ist das Auseinanderbrechen der ESC-Ländergemeinschaft die Schattenseite des Erfolgs der Toleranz? Und welche anderen Auswirkungen kann Conchitas Sieg haben?

 

1. Auswirkungen auf die Zuschauer (mit Fokus auf Deutschland)

Der Begriff Eurovision Song Contest mit der Abkürzung ESC kommt nur langsam in der Bevölkerung an. Grand Prix ist noch geläufig. Und als Schlagerwettbewerb wird er in den Medien auch immer wieder bezeichnet. Wenn es so lange dauert, bis sich die Zuschauer an einen neuen Namen gewöhnen, dann ist auch davon auszugehen, dass sie selbst im Jahr 2014 beim ESC weniger an eine der aufwändigsten und innovativsten TV-Shows der Welt mit nationalen Stars und großen Hits denken, sondern an eine angestaubte Sendung mit einem eben solchen Voting.

Wenn man mit Nicht-Fans der Veranstaltung spricht, fallen ihnen als ESC-Künstler als erstes Lordi ein. Und die süßen russischen Omis. In Deutschland dann noch Lena – und Stefan Raab und Guildo Horn. Man muss schon etwas länger bohren, bis Loreen, die Olsen Brothers oder Nicole genannt werden. Ob man’s will oder nicht: Für viele ist der Eurovision Song Contest eine Freak-Show. Und wenn die Künstler nicht Monstermasken tragen, dann turnen sie auf dem Trampolin, am Trapez oder im Hamsterrad.

Irgendwie fällt Conchita Wurst auch in die Gruppe Freak-Show. Sie wird womöglich nicht Lordi vom Thron stoßen, könnte aber eine der wenigen ESC-Teilnehmerinnen sein, an die sich viele Leute noch in ein paar Jahren erinnern. Bei allem Respekt und aller Freunde über Conchitas Erfolg, sie dürfte das Image des Trashigen des ESC bei vielen bestätigt haben.

Mehr noch: Nicht zuletzt weil es von den Moderatoren bei den letzten beiden ESC immer wieder thematisiert wurde, sondern auch wegen Conchita dürfte nun auch dem letzten Zuschauer klar sein, dass der Grand Prix eine Art „Schwulen-Party“ ist. Das mag man lustig finden, und es entspricht irgendwie ja auch der Wahrheit. Aber es hilft dem Wettbewerb nicht unbedingt.

Denn soll man viele Millionen Gebührengelder und Steuern in ein Event investieren, das vor allem gleichgeschlechtliche Zuschauer anspricht? Das mag derzeit nicht zur Debatte stehen. Sollte der ESC aber mal wieder auf ein Akzeptanztief wie Anfang der 1990er zurückfallen, könnte der Wutbürger erwachen und diese Diskussion geführt werden.

 

2. Auswirkungen auf die nationalen TV-Sender

Beide Aspekte – die (vermeintliche) Freak-Show und die starke queere Komponente – haben auch Auswirkungen auf die Veranstalter, sowohl in den einzelnen Ländern als auch in der EBU.

Gerade vom NDR und damit für Deutschland wissen wir, dass die Daseinsberechtigung des Vorentscheids neben der Einschaltquote auch von der popkulturellen Relevanz abhängt. Schafft der deutsche Vertreter, schafft sein Beitrag den Sprung in die Charts und in die Playlists der Radiosender? Das ist wichtig, denn wenn das der Fall und der deutsche Beitrag ein Hit ist, darf davon ausgegangen werden, dass sich im nächsten Jahr wieder die Zuschauer (vielleicht sogar noch mehr) die Show anschauen werden.

Es gehört nicht viel dazu, das auf die europäische Ebene zu übertragen. Noch ist nicht abzusehen, ob sich „Rise Like a Phoenix“ zu einem Hit in Deutschland und in anderen Ländern entwickelt. Die Anzeichen sind leicht positiv, aber bei Weitem nicht so überragend wie bei „Euphoria“. Ein Leben des Liedes in den deutschen Mainstream-Radios erscheint mir höchst unwahrscheinlich. Während Conchita also auf das ungewünschte Freak-Show-Vorurteil einzahlt, wird die popkulturelle Relevanz von ihrem Beitrag nicht erreicht.

Wie gut, dass möglicherweise mit Ilse DeLange und Waylon aus den Niederlanden die Zweitplatzierten diesen Mangel zumindest zum Teil kompensieren können. Es wäre dem Wettbewerb zu wünschen.

 

3. Internationale Auswirkungen

Die EBU möchte mit dem ESC in erster Linie eine TV-Show auf die Beine stellen, die Europa verbindet und möglichst viele Zuschauer erreicht. Dieses Ansinnen wird aber konterkariert, wenn einzelne Länder mit der Entwicklung der Veranstaltung nicht mehr übereinstimmen und deshalb mit einem Rückzug aus dem Wettbewerb drohen – oder diesen sogar vollziehen.

Das Poltern im Osten Europas nach dem Sieg von Conchita Wurst nimmt kein Ende. Türkische Politiker sehen sich in ihrem Fernbleiben vom ESC bestätigt. In Russland und Weißrussland fordern sie, dass ihre Länder nicht mehr an einem so moralisch verdorbenen Wettbewerb teilnehmen sollen.

Noch sind dabei nicht alle Messen gesungen. Aber was ist, wenn der ORF den deutlichen Wunsch von Conchita umsetzt und sie im nächsten Jahr die Sendung(en) moderieren lässt? Wenn sich Russland, Weißrussland & Co. dann einigermaßen treu bleiben wollen, müssten sie wohl vom ESC fernbleiben.

 

4. Auswirkungen auf den einzelnen Grand-Prix-Fan

Eigentlich müsste ich darüber jubeln, schließlich habe ich noch vor guten neun Monaten gefordert, Diktaturen und Staaten, die die europäische Menschenrechtscharta nicht achten, vom Wettbewerb auszuschließen. Jetzt, wo die Länder plötzlich freiwillig nicht mehr am ESC teilnehmen wollen, macht sich bei mir Skepsis breit. Wäre es nicht doch besser, sie durch Integration in eine Unterhaltungsshow peu à peu an westliche Werte heranzuführen, nur halt nicht gleich mit einem Vorschlaghammer à la Conchita Wurst als Moderatorin?

So hat der Sieg von Österreichs auch auf mich persönlich seine Auswirkungen. Ich bin zerrissen: Stolz über Conchitas Erfolg und das Zeichen der Toleranz auf der einen Seite. Auf der anderen: Unzufriedenheit über das bestätigte Freak-Show-Image und die womöglich ausbleibende musikalische Nachhaltigkeit des ESC 2014. Vor allem aber ist da auch die Befürchtung, dass der ESC nicht mehr das pan-europäische Event von Island bis zum Ural (und weit darüber hinaus) ist, wenn sich wirklich einige Länder dauerhaft davon lösen sollten.

Einen Bärendienst hat Conchita dem ESC ganz sicher nicht erwiesen. Sie hat seine gradlinige Entwicklung in den nächsten Jahren aber auch nicht sicherer gemacht. Das wird der Grand Prix überleben. Und vielleicht wartet ja schon 2014 der nächste ESC-Sieger mit einem Welthit auf. Ein Grand-Prix-Fan gibt halt die Hoffnung nie auf.