Contra NDR-Roadshow 2018/2019: Symbolpolitik ohne Mehrwert für Fans

Der NDR baut in diesem Jahr auf das Vorentscheid-Erfolgskonzept. So weit, so gut. Dennoch muss nicht alles, was bei der Premiere nützlich war, nun auch wiederholt werden – zum Beispiel die Roadshow. Transparenz und Teilhabe sind gut und im demokratischen Prozess auch wichtig. Für eine Unterhaltungsshow ist das jedoch überzogen, erst recht, wenn es keine wirklich Mehrwert gibt und die Reichweite arg begrenzt ist.

BennyBenny hat zu dieser Diskussion bereits einen Pro-Artikel verfasst, der hier zu lesen ist.

Ende 2017 herrschte in ESC-Deutschland große Aufregung: Der NDR wollte das Vorentscheidssystem revolutionieren. Dieses Mal – zumindest bei Künstler- und Songauswahl – wirklich. Das konnte man nach den ersten Ankündigungen tatsächlich spüren. Wie soll das gehen? Was erwartet Fans und Zuschauer? Die Roadshow des NDR war dabei ein großartiges Zeichen, die Interessierten mitzunehmen und zu begeistern. Ein bisschen schwang auch die Erwartung mit, dass der NDR womöglich sogar zuhören würde, welche Tipps und Hinweise die Fans geben könnten, um dem ESC hierzulande wieder Schwung und international ein besseres Ergebnis zu bringen.

Christoph Pellander (NDR), Michael Sonneck (EC Germany) und Thomas Schreiber (NDR) beim ECG-Fanclubtreffen im November 2017 in Köln (Nennungen v.l.n.r.)

Viel Zeit von vielen Verantwortlichen wurde aufgewandt, um die vier Termine der Roadshow wahrzunehmen. Viel mehr als bei den bisherigen, fast jährlichen Besuchen von Thomas Schreiber beim Fanclubtreffen des EC Germany im November in Köln. Auch das wurde immer als Zeichen interpretiert, dass der NDR die Fan-Basis als Multiplikatoren für den Wettbewerb zu schätzen weiß. Dabei gab es auch immer ein paar aktuelle Neuigkeiten zu vermelden, die jedoch meist in einer journalistischen Meldung schnell verarbeitet waren.

Vor der Saison 2018/2019 steht nun die Frage im Raum, ob es wieder eine Roadshow geben sollte.

Für meinen Teil würde in diesem Jahr ein Besuch des Fanclubtreffens durch die NDR-Verantwortlichen vollkommen ausreichen. Schließlich gibt es kein gänzlich neues Vorentscheidsystem zu vermelden. Vielmehr lautet die Devise: Same procedure as last year. Vielleicht mit ein paar Verbesserungen hier und da. Eine Roadshow – selbst wenn sie in andere Städte führen würde als beim letzten Mal – hätte nicht nur kaum Neues zu berichten, die Nachrichten wären auch nicht exklusiv. Denn natürlich würden die Neuigkeiten vom ersten Tourtermin umgehend u. a. hier auf dem Blog vermeldet.

Bleiben zwei weitere Gründe, die Tour dennoch durchzuführen: zum einen das persönliche Kennenlernen der Verantwortlichen und zum anderen die Chance, ihnen Meinungen, Tipps und Hinweise mit auf den Weg zu geben.

Thomas Schreiber bei NDR-Roadshow 2017 in Frankfurt 

Beginnen wir mit dem persönlichen Kontakt: Thomas Schreiber hat mittlerweile schon jeder Fan einmal irgendwo erleben können, so häufig wie er beim bereits erwähnten Fanclubtreffen war. Head of Delegation Christoph Pellender hat nach einem Jahr in der Funktion auch an Neuigkeitswert verloren. Und die Vertreter von Simon Kucher oder Digame stehen – mit Verlaub – selbst bei Hardcore-Fans nicht im Fokus des Interesses.

Dann bliebe also die Option, dem NDR mal die konstruktive Meinung zu sagen. Diesbezüglich war die letzte Roadshow – und das sage ich, obwohl ich nicht dabei war, aber entsprechende Äußerungen von mehreren Teilnehmern gehört habe – eine kommunikative Einbahnstraße … und war vom NDR zu den Fans. Vielleicht wurden sich Hinweise der Besucher angehört. Dass diese anschließend bewusst berücksichtigt worden wären, konnte keiner sagen. Eher machte sich Enttäuschung breit. Warum dann die Mühe?!

Wenn der NDR tatsächlich eher senden als empfangen will, den Fans aber nichts Neues zu sagen hat, wer hat dann etwas von der Roadshow? Letztlich nur die Verantwortlichen, die sich die oben besagten Werte Transparenz und Teilhabe auf die Fahnen schreiben können. Das mag zumindest für die Transparenz gelten. Teilhabe – nun ja. Damit hätten wir es mit klassischer Symbolpolitik zu tun. Übrigens auch dann, wenn die Fans aus Desinteresse der Veranstaltung fernblieben. Dann könnte der NDR immer noch argumentieren, dass die Leute sich ja gar nicht einbringen wollen würden.

Roadshow 2017 mit viel Personaleinsatz

Da BennyBenny in seiner Pro-Argumentation vermeintliche Totschlagargumente präsentierte, möchte ich das hier auch gern tun. Bei aller Liebe zum ESC, aber hätten andere TV-Sendungen in Zeiten von Lügenpresse-Diskussionen nicht viel eher Bedarf an solchen Roadshows und dem Kontakt zu den „Menschen da draußen“? Wird die Wirkkraft einer solchen Roadshow nicht ausgesprochen überhöht, wenn an vier Orten vielleicht 150 Personen erreicht werden, die nicht ESC-affine Öffentlichkeit (lies: Medien) den Aufwand und die Inhalte aber komplett ignoriert? Und zuletzt: Wie stehen eigentlich 150 Teilnehmer vor Ort und die über Fanmedien erreichten ESC-Anhänger im Verhältnis zu den knapp 4 Mio. Vorentscheid- oder gar den 7 Mio. ESC-Final-Zuschauern?!

Daher reicht mir für die bevorstehende Saison eine regelmäßige, zentrale Info vom NDR. Natürlich freue ich mich über einen Besuch der Verantwortlichen beim Fanclubtreffen in Köln. Das reicht dann aber auch. Damit würden sie einen Samstag opfern. Mehr will ich von ihnen auch gar nicht verlangen. Spart Euch die Zeit, kümmert Euch um Eure Lieben und schont den Senderetat. Das geht in in diesem Fall vor Transparenz und Teilhabe – und sowieso immer vor Symbolpolitik.