Das Büffet ist eröffnet – wo findet der ESC 2015 statt?

Österreich Flagge

Am vergangenen Freitag endete die Bewerbungsfrist für die Städte in Österreich, die gern im Mai 2015 den 60. Eurovision Song Contest austragen möchten. Und dem Aufruf des ORF wurde zahlreich gefolgt. Ganze 12 Locations in 8 Städten haben ihren Hut in den Ring geworfen und können jetzt nicht viel mehr tun, als abzuwarten, ob demnächst das Telefon klingelt und der ORF aus Wien anruft.

In der Zwischenzeit erklären sämtliche Bürgermeister, Sprecher von Landeshauptmännern (in Deutschland sind das die Ministerpräsidenten) und Location-Manager, dass sie natürlich gar keinen Zweifel daran haben, dass sie den Zuschlag erhalten werden. Man bekommt bei der Lektüre österreichischer Nachrichtenportale geradezu den Eindruck, dass die Alpenrepublik voll ist von wunderbaren Möglichkeiten, gigantische Mega-Events am laufenden Band abzuhalten. Aber klar, das Klappern gehört zum Handwerk!

Respekt gebührt den Österreichern aber dafür, dass sie so begeistert und zahlreich auf den ESC-Zug aufspringen wollen. Dass können wir von uns nämlich nicht gerade behaupten, wenn wir mal vier Jahre zurückblicken. 2010 wollten bei uns gerade einmal vier Städte den ESC ausrichten – und damals haben dabei insbesondere die größten deutschen Kommunen keine sonderlich gute Figur gemacht.

Wie sieht das aber in Österreich aus? Verschaffen wir uns mal einen Überblick von West nach Ost:

1. Innsbruck

Die Hauptstadt Tirols ist mit etwa 120.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Österreichs. Zwei „Mega-Events“ fanden dort schon statt, und zwar die Olympischen Winterspiele 1964 und 1976. Darüber hinaus finden und fanden in den vergangenen Jahren diverse andere sportliche Großereignisse mit vielen Tausend Besuchern statt. Logistisch scheint es da in Innsbruck keine Probleme zu geben, auch verfügt man über einen international gut vernetzten Flughafen. Ins Rennen um den ESC geht man mit der „Olympia World“.

Olympiahalle_Innsbruck
12.000 Zuschauer sollen nach dem Bühnenaufbau Platz haben in der vor einigen Jahren umgebauten ehemaligen Olympia-Halle. Es handelt sich also um historisches Gebiet – hier gelang es 1964 nämlich den russischen Protopopovs zum ersten Mal, die deutschen Eislauflegenden Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler vom Thron zu stoßen! Nur mal so am Rande…

Auf einer benachbarten Freifläche kann – wie in Kopenhagen – eine kleine Zeltstadt für Presse, Catering etc. errichtet werden. Das ist ein gewisser Minuspunkt, der andererseits aber auch kein K.O.-Kriterium darstellt. In der Halle selbst fanden in den letzten Jahren eine Vielzahl Konzerte internationaler Rock- und Popgrößen statt – damit hat man hier also auch eine gewisse Erfahrung.

Gefühlte Zuschlagschance: 70 %

 

2. Wels

Was? Wels? Wo?

So ging es mir jedenfalls, zumal ich in österreichischer Geographie nicht wirklich bewandert bin. Nun, Wels ist mit 58.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes Oberösterreich und muss für die Landeshauptstadt Linz in die Bresche springen, die zum eigenen großen Bedauern keine halbwegs geeignete Location auftreiben konnte. Wels kann hingegen auf eine langjährige Tradition als Messestadt zurückblicken und verfügt daher auch über eine entsprechende Infrastruktur inkl. einer größeren existierenden und einer derzeit noch im Bau befindlichen weiteren Halle, die für den ESC genutzt werden könnten.

Messe Wels ESC 2015
Verkehrstechnisch kommt man am besten mit dem Auto oder der Bahn nach Wels – immerhin drei Autobahnen kreuzen sich dort. Fliegen wird schwierig, außer man hat ein privates Kleinflugzeug oder man möchte mit dem Hubschrauber kommen. Nur solche kleineren privaten Fortbewegungsmittel dürfen nämlich auf dem Welser Zivilflughafen landen. Vielleicht wäre der noch eine Alternative – 2010 gaben AC/DC dort ein Konzert vor 100.000 Zuschauern! Insgesamt scheint das Angebot doch eher betulich-beschaulich zu sein. Und deshalb:

Gefühlte Zuschlagschance: 10 %

 

3. Klagenfurt

In der Hauptstadt Kärntens, ganz im Süden der Republik, plant man die Ausrichtung des ESC im Wörthersee-Stadion. Klagenfurt, mit knapp 100.000 Einwohnern, ist die sechstgrößte Stadt im Lande und müsste zunächst wohl erst einmal einen Sponsor finden, der das städtische Fußballstadion überdacht, denn eines ist ganz klar: Der ESC 2015 wird keine Open-Air-Veranstaltung werden!

Das Wörthersee-Stadion kam beispielsweise bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 zum Einsatz, als dort auch die deutsche Nationalmannschaft ein Vorrundenspiel bestritt.

THEMENBILD / WAHLEN IN KÄRNTEN / LÄNDERPORTRÄT: STADION KLAGENFURT
Die Bewerbung muss insgesamt allerdings als halbherzig bezeichnet werden, denn der Landeshauptmann hat bereits zu Protokoll gegeben, dass aus der Landeskasse kein Cent fließen wird – wahrscheinlich der „Vorab-Kuss des Todes“ für Klagenfurt, denn der ORF wird bei der Evaluierung der Bewerbungsunterlagen auch berücksichtigen müssen, was die jeweiligen Kommunen und Länder zu den Gesamtkosten beizutragen bereit sind.

Gefühlte Zuschlagschance: 0%

 

4. Unterpremstätten

Good Evening Anderprämmsdettn, Bonsoir Ündrepromstaittong! So oder ähnlich würde das wohl klingen, wenn sich an einem Samstag Abend im kommenden Mai die europäischen Jurysprecher zu Wort melden. Geht also eigentlich gar nicht. Aber einen Blick werfen wir trotzdem drauf!

Das Schwarzl-Freizeitzentrum hat sich rund um eine Schottergrube einer Betonbaufirma vor den Stadttoren von Graz entwickelt. Die Grube wurde geflutet, und schwupps hatte man einen schönen See, um den herum man die unterschiedlichsten Freizeitaktivitäten herumgruppiert hat.

Schwarzlsee Unterpremstätten ESC 2015
Hinzu kam dann auch noch ein Event-Halle, die insbesondere für Tennis-Davis-Cup-Matches der österreichischen Nationalmannschaft genutzt wird, so z.B. auch bei der legendären Erstrundenbegegnung 1994, als Horst Skoff und Thomas Muster die deutschen Titelverteidiger um Michael Stich an den Rand einer Niederlage brachten. 11.000 Zuschauer sahen das damals live vor Ort – die Hallengröße passt also!

Davis Cup Halle Unterpremstätten
Dennoch hätte das Ganze ein wenig von Millstreet 1993. Flughafen- und hoteltechnisch kann man hier sicher in Graz andocken. Irgendwie hat die Idee, den ESC hier abzuhalten, Charme, finde ich. Allerdings rechnet man sich wohl selbst nicht all zu große Chancen aus. Der Geschäftsführer weist nämlich darauf hin, dass man zumindest über kein K.O.-Kriterium verfüge. Das klingt ein wenig nach: „Hauptsache, nicht Letzter werden“…

Gefühlte Zuschlagschance: 20 %

 

5. Graz

Kommen wir zum großen Nachbarn von Unterpremstätten und der Landeshauptstadt der Steiermark. Graz ist nach der Bundeshauptstadt Wien die zweitgrößte Stadt Österreichs (ca. 270.000 Einwohner) und darf natürlich nicht fehlen im Bewerberpotpourri. Sehr selbstbewusst wirft man seine markante Stadthalle in den Ring. Interessante Architektur übrigens – das Vordach erstreckt sich bis über die Straße vorm Gebäude! Platz wäre in der erst 12 Jahre alten Halle für bis zu 11.000 Menschen abzüglich des Platzes, der für Bühne und Technik „drauf“ geht. Zusätzlich könnte eine benachbarte Messehalle gleich für die übrige benötigte Infrastruktur mitbenutzt werden.

Stadthalle Graz
Wetten, dass…?? und der Musikantenstadl waren schon hier, kommt jetzt der ESC? Erreichbar ist Graz jedenfalls problemlos, ob mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug.

Echte Großevents hat Graz bisher offenbar noch nicht organisiert, aber vielleicht brennt man gerade deshalb darauf, das „Ding“ an die Mur zu holen. Man könnte das Ganze dann unter das Motto „Life is live“ stellen, getreu dem Motto der Grazer Band Opus, die in den Achtziger-Jahren einen unsäglichen Welthit mit diesem Machwerk hatte…

Gefühlte Zuschlagschance: 60%

 

6. Oberwart

Ganz ehrlich gesagt, habe ich auch von diesem Fleckchen Erde bisher noch nie gehört. Aber nun weiß ich, dass es sich um eine kleine Stadt bzw. ein größeres Dorf im Burgenland handelt. Nach der Wiener Hofburg 1967 etwa schon wieder ESC in einer Burg? Nein, nein – Oberwart verfügt über ein Messezentrum, das offenbar im Burgenland die einzige Möglichkeit wäre, ein internationales Großevent durchzuführen. allerdings ist die dortige Messehalle auch die kleinste Österreichs und die infrastrukturellen Bedingungen sind – sagen wir mal – optimierungsbedürftig.

Messehalle Oberwart
Ist diese Wellblechoptik passend zum größten weltweiten Musikspektakel? Eigentlich nicht, würde ich sagen, aber nach der Werfthalle in Kopenhagen scheint ja inzwischen alles möglich zu sein… Immerhin hat der ORF hier schon TV-Sendungen veranstaltet, die hatten aber eher regionale Bezüge.

Gefühlte Zuschlagschance: 5%

 

7. Wien

Kommen wir zur vorletzten Stadt – der Hauptstadt Österreichs. Dort will man offenbar auf total Nummer Sicher gehen, den ESC-Zuschlag vom ORF zu erhalten. Deshalb hat man gleich 5 (in Worten: fünf!!!) verschiedene Locations ins Rennen geschickt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Favorit dürfte dabei sicher die Stadthalle sein, die überhaupt größte Indoor-Arena des gesamten Landes.

Stadthalle Wien
Was Rang und Namen hat in der internationalen Musikszene, tritt bei Österreich-Konzerten genau hier auf. Der benötigte Zuschauerplatz kann hier spielend bereitgestellt werden, zudem verfügt die Location über eine große interne Infrastruktur, die auch die Unterbringung von Presse etc. im Handumdrehen bewältigt. Nachteil könnte sein, dass die Halle wohl etwas renovierungsbedürftig zu sein scheint, aber auch solche Überlegungen können seit diesem Jahr keine Rolle mehr spielen. Hauptsache, es gibt hübsche TV-Bilder!

Sollte sich der ORF für Wien entscheiden, aber ums Verrecken nicht in die Stadthalle wollen (weshalb auch immer…), hat sich die Hauptstadt gleich noch vier Ersatzmöglichkeiten einfallen lassen. Dort müsste man aber jeweils Leichtbauhallen oder -zelte auf Zeit aufstellen. Und die könnten entweder hier stehen:

Bundeskanzleramt, Wien, Österreich Foto: Clemens FabryHeldenplatz in Wien

oder hier:

Krieau WienKrieau – eine Trabrennbahn!

oder auch hier:

THEMENBILD: M…GLICHER ORF STANDORT IN ST. MARXSt. Marx – Freifläche neben einer alten Rindermarkthalle

oder womöglich tatsächlich hier:

Schloss Schönbrunn Wien„Franzl, wir bekommen den ESC!!!!!“

Nun, die vier genannten Beispiele für temporäre Locations zeigen, dass Wien unbedingt will! Aber ehrlich gesagt, glaube ich fest daran, dass der ESC in die Stadthalle einzieht, wenn sich der ORF denn letztlich für die einzige Metropole entscheidet, die Österreich zu bieten hat. In der Millionenstadt gibt es Geschichte, Kultur und Unterhaltung satt – wahrscheinlich um ein vielfaches Mehr als in allen anderen Bewerberstädten zusammen. Wenn es also nicht Wien werden sollte, muss ein anderer Bewerber schon durch richtig gute Argumente überzeugen. Da reicht eine geeignete Location wahrscheinlich nicht einmal aus. Da müssten die Schatullen wahrscheinlich schon weit geöffnet werden, um dem ORF finanziell unter die Arme zu greifen.

Ich bin überzeugt und sicher:

Gefühlte Zuschlagschance: 100%

 

8. Schwechat

Und nun last, aber wahrscheinlich auch least, die Stadt mit dem Flughafen. Die Niederösterreicher wollten unbedingt mitmischen und haben bis kurz vor Einsendeschluss fieberhaft ihr Bundesland nach Möglichkeiten durchforstnert durchforstet. Herausgekommen ist am Ende der Flughafen selbst!

Na klar, irgendwo auf dem Gelände wird man sicher irgendeinen alten Hangar ausfindig machen können, den man für ein paar Wochen umrüsten kann. Und wer dann im ESC-Halbfinale rausfliegt, wird sofort mit seinen hinter der Bühne platzierten Koffern zum nächsten Flieger in Richtung Heimat bugsiert. Könnte man showtechnisch sicher hübsch inszenieren…

Flughafen Wien Schwechat
Aber im Ernst: Diese Bewerbung dürfte wohln vollkommen aussichtslos sein. Das Ganze hat so gar keinen Charme und sieht wirklich ein wenig an den Haaren herbeigezogen aus. Manche Bewerbungen werden eben auch nur abgegeben, um sich beworben zu haben…

Gefühlte Zuschlagschance: 0%

 

Der ORF wird die einzelnen Bewerbungen in den kommenden Wochen auf Herz und Nieren überprüfen und sicher eine Vielzahl von Gesprächen führen. Und irgendwann wird die Öffentlichkeit sicher erfahren, wer in der engeren Wahl ist oder sogar gleich den Sieger präsentiert bekommen. Der ORF scheint in dieser Sache ja ziemlich transparent zu arbeiten.

Dazu passt auch eine Stellenausschreibung auf der ORF-Homepage. Gesucht wird – für ein Jahr befristet – ein Eventmanager für den ESC, der sich um das gesamte operative Geschäft bei der Organisation kümmert. Geboten wird ein Monatsgehalt von mindestens 7.000 Euro brutto – nicht gerade viel für einen solch verantwortungsvollen Posten. Besonders hübsch: Die Arbeitszeit wird mit 40 Wochenstunden angegeben. Spätestens im nächsten März wird der zukünftige Stelleninhaber sich wahrscheinlich über diese Zahl nur noch totlachen können. Also los: Wenn es unter den Lesern einen Interessenten gibt – HIER ist der Link. Viel Erfolg!