Das ESC-Ticket-Trauma 2015: Frust und Fehler

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Eine Woche voller Frust und Fassungslosigkeit liegt hinter den ESC-Fans, die eines der begehrten Tickets für den Eurovision Song Contest 2015 in Wien ergattern wollten. Frustriert sind alle Fraktionen, denn die in der OGAE (Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision) organisierten Fans sind europaweit erstmals häufig genauso leer ausgegangen wie die meisten, die über den offiziellen Vertriebspartner Oeticket ihr Kartenglück versuchten und mit zahlreichen Enttäuschungen klarzukommen hatten.

Eine Bestandsaufnahme von den PRINZ-Bloggern Jan, OLiver und Peter.

Wieso sind eigentlich nur 25.000 Tickets für insgesamt neun verschiedene Shows in den Verkauf gegangen, wo doch aus den Vorjahren bekannt war, dass bei Vorverkaufsstart die Nachfrage am größten ist? So war der europaweite Frust doch quasi vorprogrammiert. Wer hat denn diese (diskussionswürdige) Verknappungs-Marketingentscheidung getroffen? Diesen konzeptimmanenten Shitstorm hätte sich der ORF ersparen können. Wenn die Tickets sowieso noch nicht ausgestellt sind (Platzangaben gibt es nicht, nur Preiskategorien), man also eigentlich nur Ticketberechtigungs-Bestätigungen erhält, dann ist dieses niedrige Kontingent zum Vorverkaufs-Kick-Off nicht notwendig.

Zumal von den 25.000 Tickets nur gut die Hälfte in den freien Verkauf gingen. Denn 2.000 Ticketpakete waren zuvor für die im OGAE International organisierten Fanclubs reserviert worden. Ein Fan-Ticketpaket umfasst sechs Tickets – für die beiden Halbfinal-Shows, das Finale und die jeweils zugehörigen Jurydurchlauf-Abendshows am Vortag. Damit verbleiben 13.000 Tickets für Oeticket und die Kassen der Wiener Stadthalle – für neun Shows, denn zu den sechs schon genannten Abendshows kommen im freien Verkauf noch die Tickets für die drei (Family-Shows genannten) Generalproben am Nachmittag hinzu. Gleichverteilung unterstellt wurden am Montag also hochgerechnet nur etwa 1.400 Finalkarten verkauft.

Stadthalle WienStadthalle Wien – Austragungsort des ESC 2015

Der ORF ließ vor dem Verkaufsstart verlauten,  dass man durch die verzögerte Ausgabestrategie dem Graumarkt für ESC-Tickets den Boden entziehen wolle. Das Gegenteil wird durch die Scheibchenweise-Politik erreicht. Das sieht man beispielsweise bei Viagogo. Dort (und auch bei einigen Auktionsportalen) werden – unappetitlich aber formal schwer anfechtbar – reguläre Stehplatztickets für um die 500 Euro gehandelt. In einer Presseinfo vom ORF heißt es dementsprechend butterweich: „Die AGB unterbinden den Weiterverkauf mit Gewinnabsicht und der ORF berhält sich rechtliche Schritte (…) vor.“

Und das Ende des Ticketpreis-Hypes ist sicher noch nicht erreicht. Man könnte also auch sagen, dass durch die Ticketverknappungs-Strategie dieser Parallelmarkt erst so richtig angeheizt wird, da viele Fans sich angesichts der empfundenen technischen Unzulänglichkeiten zu Beginn der Erstverkaufswoche (trotz der Beteuerungen, dass erst 25% aller verfügbaren Tickets verkauft sind) kein Vertrauen mehr haben in eine reelle Chance, ein Ticket auf den vom ORF vorgesehenen Wegen zu ergattern und lieber ihre letzten Kröten für die Scalper zusammenkratzen, um sicher in Wien dabei sein zu können.

Bei dieser künstlichen Verknappung können sich die OGAE-Fanclubmitglieder, die Zugriff auf die oben skizzierten Ticketpakete haben, glücklich schätzen – könnte man meinen. Das ist aber leider ein Trugschluss, speziell bei diesen (oft „Hardcore-Fans“ oder „Anoraks“ genannten) organisierten ESC-Euphorischen könnte der Frust nicht größer sein.

Das hat zwei Gründe. Erstens ist der ORF nachfragebedingt der erste Veranstalter seit vielen Jahren, der die Ticketnachfrage von OGAE International (bei weitem) nicht vollständig bedient. Und zweitens besteht das (gekürzte) Ticketkontingent zu 80 Prozent aus Stehplätzen, angefragt wurden aber genau umgekehrt weitaus mehr Sitz- als Stehplätze.

Die BBC war 1998 die erste Sendeanstalt, die die Plätze direkt vor der Bühne und auf den Rängen, die für die Fernsehbilder relevant sind, nicht mehr (nur) an (distanzierte) Honoratioren verteilt sondern gezielt auch an die Fans verkauft hat. Diese Maßnahme war Teil der Strategie, den ESC zu entstauben und die europaweite Leidenschaft für die größte Musikshow der Welt auch glaubwürdig über den TV-Schirm rüberzubringen.

Nachfrage bei organisierten Fans enorm gestiegen

Hilfreich ist dabei, dass die Fans in 40 europäischen Ländern über Fanclubs organisiert sind, die mit der OGAE International auch eine länderübergreifende Strukturinstanz gefunden haben. Dort sammelt man jedes Jahr die Bestellungen der Länderclubs ein und gibt dem Veranstalter das Wunschkontigent weiter. Für Düsseldorf hatten die beiden deutschen Fanclubs OGAE Germany und der Eurovision Club Germany (ECG) beispielsweise 2.600 Ticketpackages angemeldet und auch erhalten. Der NDR war sogar dann noch sehr kooperativ, als dieses Kontingent nicht einmal vollständig in Anspruch genommen wurde.

Wien ist anscheinend attraktiver als Düsseldorf, denn für den ESC 2015 bestellten via OGAE 3.517 Fans aus 37 Ländern. OGAE International hat dieses Volumen (nach eigenen Angaben) an den ORF durchgereicht. Der ORF bedient diesen Bedarf jedoch nicht, sondern stellt der OGAE 2.000 Tickets zur Verfügung. So viele waren es auch 2013 bei SVT in Malmö und 2014 bei DR in Kopenhagen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass damit damals der Fanticketbedarf gedeckt werden konnte und OGAE International damit das bekommen hat, was angefragt wurde.

Wieso deckelt der ORF die Fanclub-Nachfrage? Gilt die oben skizzierte BBC-Philosophie nicht mehr? Und muss es nicht Ziel eines Veranstalters sein, die sechs wichtigsten, für die TV-Bilder relevanten Shows mit einem „Grundrauschen“ euphorischer, feiernder und fahnenschwenkender Fans mit maximaler Empathie für den Contest gleichmäßig auszulasten? Wenn es jetzt aber so ist, wie es ist: Wie verteilt man 2.000 Ticketpakete gerecht auf fast doppelt so viele Besteller? In der Haut der Verantwortlichen möchte man nicht stecken.

Und die haben aufgrund der OGAE-Obergrenze-Entscheidung nicht nur ein großes, sondern auch ein neues Problem, denn in der Vergangenheit konnte OGAE die Ticketwünsche seiner Mitglieder immer bedienen. Logo, dass sich bei Einzelnen im Netzwerk über die Jahre ein gewisses unreflektiertes Besitzstandsdenken entwickelt hat.

ESC_Umfrage_Pressezentrum010 Maiken Maemets OGAEGleich auf zwei Ebenen sind diesmal (automatisch diskriminierende) Entscheidungen zu treffen. OGAE International weist den 37 Länderclubs, die bestellt haben, (in der Regel unzureichende) Kontigente zu, nimmt aber keinen Einfluss darauf, was dann passiert. „Each club is in charge of awarding the tickets to their members. OGAE International does not intervene with the process and we do not influence the clubs who should get a package and who should not. The members on board of OGAE International also apply for their ticket via local clubs, just like everybody else“ sagt uns Maiken Mäemets (F0t0), Präsidentin des „Dachverbandes“ OGAE International.

Der Verteilschlüssel von OGAE International ist so gerecht oder ungerecht wie jeder andere. Bei einer derartigen Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot ist Unzufriedenheit vorprogrammiert. OGAE International hat für die länderindividuelle Kontingentierung hälftig zwei Zuteilungsschlüssel angewandt, und zwar zu 50 Prozent die Anzahl der Mitglieder des lokalen Clubs insgesamt und zu 50 Prozent die Anzahl der Mitglieder-Ticketbestellungen aus dem jeweiligen Land. (zum Verständnis: Jedes Mitglied kann maximal ein Ticket bestellen.)

Uns ist bei unseren Recherchen bislang kein Land bekannt geworden, das das bekommen hat, was es wollte, überall in Europa regnet es Absagen für die (unterschätzten) ESC- Fan-Multiplikatoren. Im Melodifestivalen-verrückten Schweden beispielsweise gab es 146 Bestellungen, zur Verfügung stehen aber nur 96 Fanticketpakete. Noch krasser wird der „shortfall“, wenn man nach Sitz- und Stehplätzen differenziert. 43 schwedische OGAE Fans bestellten ein Stehplatz-Package, 103 bestellten Sitzplätze. Im zugeteilten Kontingent sind aber nur 11 Sitzplätze enthalten.

Nach welchen Kriterien verteilen die Clubs die knappen ESC-Karten?

In jedem einzelnen Land hat das lokale Präsidium die identische A****karte. Wie verteilt man ein (zu) knappes Kontingent fair, transparent und nachvollziehbar? Unlösbar. Markus Tritremmel, Präsident des Gastgeberclubs OGAE Austria, musste etwa 200 von seinen Mitgliedern eine Ticketabfuhr erteilen und verzichtet in seiner Verzweiflung sogar selbst auf ein eigenes Ticketpaket, genauso wie Klaus Woryna, Präsident vom OGAE Germany. Dieser hat Kriterien wie die Dauer der Vereinszugehörigkeit und der Mitarbeit im Verein bei dem Verteilerschlüssel zugrunde gelegt und konnte am Ende lediglich gut die Hälfte der verbindlichen Ticketwünsche berücksichtigen. Seine Counterparts in Belgien oder Spanien mussten sogar 60 Prozent ihrer Besteller absagen.

Der zweite deutsche Fanclub, der ECG, hat – dank hoher absoluter Mitgliederzahlen – immerhin 208 Ticketpakete für 338 Bewerber erhalten. Präsident Michael Sonneck: „Wir haben ausgelost, wobei die ganz neuen Mitglieder, die erst nach dem ESC 2014 eingetreten sind, erst in den Lostopf kamen, als die letzten 25 Prozent Ticketpakete gelost wurden. Das hat den Grund, dass regelmäßig Neumitglieder nur wegen der Ticketchance eintreten und dann auch rasch wieder austreten. Derzeit haben wir mit 1.020 Mitgliedern die meisten aller europäischen Clubs.“

OGAE hat an keiner Stelle in Aussicht gestellt, dass eine Clubmitgliedschaft mit einer ESC-Finalticketgarantie verbunden ist. Aber bislang war das faktisch so. Maiken Mäemets sagt uns dazu: „Our aim is to find solutions that serve all clubs, but being a member does not and never has meant, that you automatically get a ticket package. OGAE’s aim is to bring people together to share their love for Eurovision, and that sometimes gets forgotten.“

Wer ist verantwortlich?

Am Ende dieser Diskussion sind wir beim ORF und der Frage, warum dem zentralen Verband, der den ESC maßgeblich zu dem großartigen Ereignis gemacht hat, das er heute ist, nicht Zugriff auf mehr Ticketpakete erlaubt wird? OGAE Fans sind die zentralen Botschafter und Multiplikatoren für die größte Musikshow der Welt. Zumal beim OGAE- Kontingent eine (dem Spirit des Contests entsprechende) internationale Streuung der Tickets erreicht wird (werden würde) wie sie (aufgrund länderspezifischer technischer Barrieren) beim Online-Verkauf keinesfalls erzielt wird, und schon gar nicht beim Schlangestehen an der Kasse der Wiener Stadthalle. Building Bridges? Not for everybody.

Der ORF beruft sich auf die Vorjahre: „Auch in den letzten Jahren wurden die Fanpackages gedeckelt. Sowohl in Malmö, als auch in Kopenhagen wurden dem Fanclub 2.000 Ticket-Pakete zur Verfügung gestellt. Das gilt auch für Wien. Es gibt also keine Schlechterstellung im Vergleich zu den Vorjahren.“

Das ist richtig, abstrahiert aber von der Tatsache, daß in den Vorjahren seitens der OGAE auch gar nicht mehr Tickets erforderlich waren, um die Fanclub-Nachfrage zu bedienen. Der ORF ist im gewissen Sinne „Opfer“ der gestiegenen Attraktivität des ESC im allgemeinen und des Austragungsortes Wien im besonderen.

Der Fan-Frust in ganz Europa ist groß. ESC-Cliquen mit Freundinnen und Freunden aus ganz Europa, die sich nur einmal jährlich in der ESC- Woche treffen (können), werden auseinandergerissen, weil einige ein Ticket(package) bekommen haben, andere aber nicht. Fußballclubs nehmen ihre Fanclubs deutlich ernster als der ORF die OGAE. (Fairerweise muß man hinzufügen, dass ein Fußballstadium in der Regel ein Mehrfaches an Plätzen bietet als die Wiener Stadthalle mit einer Grundkapazität von max. 16.000 Personen.)

Die ORF/OGAE-Ticketpaket-Angebotslücke hat dann zu einem Phänomen geführt, mit denen die Ticketbroker in Düsseldorf, Baku, Malmö oder Kopenhagen nicht zu kämpfen hatten: Tausende der im OGAE organisierten, leer ausgegangenen Hardcorefans stürzten sich zusätzlich zur ohnehin gigantischen Nachfrage in die allererste Online-Schlacht im freien Verkauf. Eigentlich kein Wunder, dass die Server beim ORF-Ticketing-Vertriebspartner Oeticket zwischenzeitlich in die Knie gingen.

Technische Mankos bei Oeticket

Im offiziellen ORF-Sprech liest sich das retrospektiv so: „Die drei ORF-Ticketing-Vertriebspartner oeticket.at, Wiener Stadthalle und wien-ticket.at haben speziell für den Zeitpunkt des Verkaufsstarts die Serverkapazitäten entsprechend ausgelegt, dennoch waren die Server teilweise kurz überlastet.“

Das ist eine defensive Beschreibung der subjektiv empfundenen technischen Widrigkeiten, mit denen sich die weltweit Kaufwilligen am 15. Dezember 2014 konfrontiert sahen. Und deren Erfahrungen sich dann in einem vorprogrammierten Shitstorm entluden, weil Hunderte von enttäuschten Fans, die mehrere Stunden vergebens vor dem Rechner gesessen hatten, bei den einschlägigen Portalen und auf den Websiten der TV-Sender ihrem Ärger Luft machen.

Unsere eigenen Erfahrungen sind da durchaus repräsentativ. DJ Douze Points hat unseren eigenen Bemühungen, ein paar Tickets zu ergattern, in einer Art minutiösen „Live-Blog“ zusammengefasst, den Ihr HIER noch einmal nachlesen könnt. Die Kommentare der Leser dazu bestätigen unsere frustrierenden persönlichen Erfahrungen mit dem Oeticket-System.

Wir wollen vorausschicken, dass sich bei Verdrängungswettbewerben wie dem Ticket-Run selbstverständlich überwiegend diejenigen in den sozialen Netzwerken zu Wort melden, die enttäuscht und wütend sind. Wer Tickets erhalten hat, ist meist einfach schweigend zufrieden.

Dennoch: was sich an besagtem Montagvormittag in Wien und europaweit vollzog, muss im Nachhinein wirklich als frustierend bezeichnet werden. Oeticket war offenbar in Spitzenbelastungsphasen kaum in der Lage, den Ansturm auf seine Server adäquat zu bewältigen. Dies führte zu zeitweisen Serverabstürzen beziehungsweise zu der Erkenntnis, dass das Buchungssystem selbst völlig ungeeignet zu sein scheint für zahlreiche komplexe gleichzeitig stattfindende Buchungsvorgänge. War man zum Beispiel nach langem Warten endlich einmal auf einer Seite, auf der man auch tatsächlich an vermeintliche Tickets herankam, schloss sich nach Auswahl der Preiskategorie in der Regel der Hinweis an, dass diese Buchung nicht möglich sei, da sich im System nicht genügend zusammenhängende Plätze befänden. Dabei war es vollkommen unerheblich, ob man vier Sitzplatzkarten begehrte oder auch nur ein einzelnes Stehplatzticket.

Foto E1 (4)Immer wieder derselbe Fehler…

Diese „missverständliche Anzeige“ wird auch vom ORF bestätigt: „Diese Meldung wird dann (auch bei Stehplätzen oder Einzeltickets) angezeigt, wenn nur noch z.B. genau 4 (3, 2 od. 1) Tickets verfügbar sind – und ein anderer Käufer (um Sekunden) schneller diese in seinen Warenkorb gelegt hat. Es greifen fast gleichzeitig hunderte User auf genau dasselbe Angebot zu. Entscheidend sind hier Millisekunden. Da diese Anzeige missverständlich ist, wird versucht, dies bei der nächsten Tickettranche zu optimieren.“

Die Nachricht zwischen den Zeilen ist hier auch: Oeticket bleibt im Lead. Und dass es dort zu gravierenden technischen Problemen gekommen ist, wurde auch von einigen österreichischen Medien aufgegriffen, wird von den primär handelnden Verantwortlichen jedoch dementiert: „Der Verkauf wurde vollkommen ordnungsgemäß wie geplant abgewickelt. Nach einigen Minuten war das Finale, nach etwa zwei Stunden der größte Teil der anderen verfügbaren Tickets verkauft“, lässt Oeticket-Geschäftsführer Andreas Egger ausrichten. Wenn der ORF in einer offiziellen Verlautbarung angibt, dass „entgegen der ersten Angaben der Stadthalle (…) die Server von Oeticket stabil geblieben“ seien, dann klingt das doch für unvoreingenommene Beobachter arg danach, als würde man erste (wahrhaftige) Auskünfte der Wiener Stadthalle nachträglich schönfärben wollen.

„So very disappointing. So many times I thought I finally got tickets to Eurovision and planned my holiday from Australia specifically to see it, now only to be let down by a ticket website. So incredibly heartbroken“, schildert Michelle aus Australien bei facebook. Hinter jedem enttäuschten Fan steht eben eine eigene, oft ergreifende Geschichte.

Teurer Versand der Katze im Sack

Über die technischen Aspekte hinaus gibt es aber noch weitere Verwunderung im Zusammenhang mit dem Kartenvorverkauf. Dass die ESC-Organisatoren ihre Kundschaft bisweilen mit Höchstpreisen für die begehrtesten Tickets überziehen, ist ja nichts Neues – hier bestimmt eben die Nachfrage den Preis. Daneben weiß aber bislang niemand, wo er überhaupt sitzen wird. Man kennt nur seine Preiskategorie, weiß aber weder den Block, noch die Reihe, noch den Platz, von dem aus man im Mai das Spektakel wird betrachten können. Diese Information soll im Laufe des April dann per Post ins Haus flattern. Die Tickets werden nämlich über die Post-Tochter DHL weltweit im Briefumschlag verschickt.

Und dabei wird von DHL nochmal kräftig abkassiert. Kommt man beispielsweise aus Deutschland, so zahlt man für den Versand 20 Euro für einen Brief aus Österreich, dessen Inhalt nicht einmal versichert ist. Während zum Beispiel Tickets für ein ebenfalls über Oeticket gemakeltes Helene-Fischer-Konzert* für 6,95 Euro an Kunden aus Deutschland verschickt werden, was den tatsächlichen Tarifen entspricht (50 g Priority Brief Maxi, eingeschrieben), kostet die gleiche Leistung beim gleichen Anbieter für den ESC 20 Euro. Ist mein Land nicht in der EU, zahle ich 30 Euro, jenseits der EU hinaus steigern sich die Gebühren bis auf stolze 55 Euro pro Ticket-Sendung.

*kein Beitrag ohne Helene-Fischer-Erwähnung (zwinker)

Wohlgemerkt gilt das alles für eine einzige Sendung! Hat man tatsächlich für drei Shows Karten kaufen können, musste man zumeist drei Anläufe im System nehmen. Die Karten kommen also in drei verschiedenen Umschlägen beim Empfänger an und es sind die hohen Versandkosten der Kreditkarte des Bestellers bereits jetzt (zumindest vorläufig) dreimal belastet worden.

Speziell zum letztgenannten Ungemach kommen vom ORF beruhigende Informationen: „Der Versand weltweit erfolgt über DHL zu den üblichen oeticket.com-Tarifen, die sich an den Tarifen von DHL orientieren. Oeticket hat allerdings zugesagt, dass Mehrfachbestellungen im Versand zusammengefasst werden und mehrfach bezahlte Versandgebühren rückerstattet werden.“

Bleibt die Frage, warum bei allen Tickets die Platzangabe fehlt? Es ist ja nachvollziehbar, dass aufgrund der noch nicht feststehenden Bühnensituation im Mai bestimmte Bereiche zunächst vom Verkauf ausgeschlossen sein müssen. Wenn ich aber ein Ticket aus dem zweiten Rang erworben habe, ergibt das überhaupt keinen Sinn, da sich dort die Bühne ja sicher nicht befinden wird…

Das alles funktionierte in den Vorjahren in Malmö und Kopenhagen schon einmal friktionsfreier, und die Frage ist, ob sich der Shitstorm hätte vermeiden lassen, wenn man (erstens) die OGAE-Nachfrage vollständig befriedigt hätte und (zweitens) das Erstverkaufskontingent aufgestockt hätte. Wie hier dargestellt, spricht vieles dafür.

Unabhängig davon sollten wir nicht ignorieren, dass es inmitten des Shitstorms vereinzelt auch glückliche Stimmen gibt (auch bei uns). Jan Feddersen schildert bei Eurovision.de einen solchen Glückfall geradezu biblischen Ausmaßes. „Ich bin überglücklich, fünf Tickets habe ich erstanden“, zitiert er – leider ohne Quellenangabe – einen anonymen Ticketkäufer. Das ist in der Tat ein Grund zum Überglücklichsein, vor allem wenn man bedenkt, daß die technisch mögliche maximale Höchsteinkaufsgrenze bei Oeticket und bei der Wiener Stadthalle gleichermaßen bei vier Karten pro Person endet.