Der Club der toten Lieder (1): Begegnung der roten Art

In einer neuen Serie stellen wir regelmäßig vergessene Eurovisions-Perlen vor, um sie zu neuem Leben zu erwecken – „tu te reconnaîtras“ gewissermaßen.

Heute geht’s weit zurück in das Jahr, als der Wettbewerb seinen ersten Welthit gebar.

„Volare“ überstrahlte 1958 alles – oder besser gesagt: „Nel blu dipinto di blu“. Als „Volare“ wurde es erst später ein Welthit (in den USA gab’s dafür sogar zwei Grammys), der erste in der noch jungen Concours-Geschichte. Es sollten noch mehr folgen, etwa „Eres tú“ oder „Waterloo“.

Der flotte Song des damals 30-jährigen Domenico Modugno aus Italien ist in Erinnerung geblieben. Andere Lieder des ESC-Jahrgangs sind hingegen vergessen, selbst der Gewinnertitel „Dors, mon amour“, der erste Wettbewerbssieg für Frankreich.

Erst recht erinnert man sich kaum an Beiträge, die weiter hinten gelandet sind. Ein Beispiel: „Ma petite chatte“ (wörtlich „Mein Kätzchen“, also „Mein Liebling“). Fud Leclerc trug das Chanson aus der Feder von André Dohet für damalige Zeiten durchaus neckisch vor. Statt nur steif sein Lied herunterzusingen, benutzte Leclerc kleine Gesten, so deutete er etwa bei der Zeile „Quand j’ai l’aperçu, elle s’avançait vers moi“ („Als ich sie sah, kam sie auf mich zu“) mit den Fingern zwei Fußgänger an, die sich nähern.

Außerdem setzte er gekonnt die Mimik ein, etwa passt seine Augenbewegung bestens zu der dazu gesungenen Zeile „avec des yeux frippons“ („mit schurkischen Augen“). Selbst die Stimme spielte bei der Inszenierung mit, etwa bei dem Wortspiel im Refrain („elle avait un drôle de p’tit air de ne pas en avoir l’air“, etwa: „sie hatte diesen lustigen kleinen Blick, als eine andere zu erscheinen“).

Dass Fud Leclerc am Ende aber doch nur 8 Punkte bekam und nicht mehr (immerhin ein 5. Platz), mag aber vielleicht damit zusammenhängen, dass einige Juroren damals doch verstanden, worum es im Liedtext wirklich ging. „Ma petite chatte“ ist nämlich kein wirkliches Liebeslied – das besungene Schätzchen war eine Prostituierte, und das Ich im Liedtext ist ein Mann, der über den Straßenstrich zieht und ein Mädel findet. Darüber in einem Schlagerwettbewerb zu singen – selbst durch die Blume – dürfte manchem dann doch zu weit gegangen sein.