Der ESC in Baku ohne Armenien: richtig????

Tja – die meisten von euch wissen es ja schon: morgen gehen die Proben in Baku los. Und natürlich bin ich auch schon total aufgeregt… werde morgen viele Stunden vor dem PC sitzen und mir die Proben online anschauen. Was mich schon auf den Anlass dieses Berichts bringt: Wieso ich dieses Jahr nicht dabei bin, hat viele Gründe – auch private (die sich in den letzten Monaten ergeben haben) aber im Grunde war es von Anfang an klar, dass ich nicht nach Aserbaidschan reisen würde. Das hatte ich ja bereits in einem Beitrag kurz nach dem Sieg von Ell und Nikki erklärt. Darin hatte ich auch meine Hoffnung kund getan, Armenien möge am Wettbewerb 2012 teilnehmen. Der Rückzug Armeniens ist ein Thema, das mir schon lange am Herzen liegt und möchte eines vorweg nehmen: die Entscheidung war FALSCH!

Lange hatte sich das armenische Fernsehen mit einer Entscheidung geziert, ob man einen Beitrag nach Baku entsenden sollte oder nicht. Immer dachte ich: macht doch schon – entscheidet euch endlich dafür und als dann die Anmeldefrist (wann war die noch – Ende letzten Jahres?? oder Anfang 2012 – ist ja auch egal) –  jedenfalls, als sie abgelaufen war und es keine Abmeldung von Seiten Armeniens gab, hab ich mich echt total gefreut. Mitte Januar wurde Armenien dann auch dem zweiten Halbfinale zugelost, für das auch Deutschland abstimmungsberechtigt ist. Besser konnte es also nicht laufen.

Ein ganz kleiner Zweifel blieb aber noch hängen in meinem Hinterkopf, weil der Beitrag noch nicht feststand und das armenische Fernsehen sich sehr bedeckt hielt, was und wen sie nun ins Nachbarland schicken würden.

Mein Blogger-Kollege OLiver hatte diesbezüglich ja eine gigantisch gute Idee gehabt – im vergangenen Mai veröffentlichte er diesen Bericht.

Ich hielt eine armenische Teilnahme am ESC 2012 für extrem wichtig und richtig. Außerdem weiß ich, dass ich mit meiner Meinung auch auf armenischer Seite nicht allein stehe. Mal ganz abgesehen, dass meine Familie die gleich Ansicht vertritt, weiß ich auch von ein paar Armeniern, die in Armenien leben, dass sie eine Teilnahme befürworten. Darunter vor allem ehemalige Delegationsmitglieder.

Meiner Meinung nach hätte die Entsendung eines Beitrags nicht nur ein Zeichen von Friedenswillen gezeigt, sondern auch Größe bewiesen. Man begibt sich quasi ins Feindesland und macht mit bei der größten Show der Welt mit, die man selbst gern ausgerichtet hätte.

Stattdessen geht man aber den Weg des geringeren Widerstandes und sagt einfach ab. Das ist dumm, kurzsichtig und zeugt alles andere als von Größe. Zumal die Begründung hierfür völlig lächerlich ist. Das armenische Fernsehen trug damals vor, dass Anfang des Jahres an der armenisch-aserischen Grenze ein armenischer Soldat umgekommen sei. Das an sich ist natürlich nicht lächerlich – es ist sehr traurig. Aber DAS als Grund für die Absage anzuführen, ist es. Weil an der Grenze schon seit 20 Jahren immer wieder junge Männer umkommen. Auf beiden Seiten. Es ist also nichts Neues. Das zeigt mir, dass es im Grunde von vornherein klar gewesen sein muss, dass eine Teilnahme nicht in wirklich in Betracht kam.

Es wäre sicher für die armenische Delegation kein Spaß geworden, nach Baku anzureisen und auf der Bühne zu stehen. Ich weiß es nicht, aber vermutlich wäre das Hotel noch der sicherste Ort gewesen. Und auf der Bühne hätte sich der armenische Künstler vermutlich Buh-Rufen ausgesetzt gesehen. Ich muss zugeben, kein schöner Gedanke.

Aber wer sagt, dass der leichte Weg der richtige ist!!?? Meistens ist er das nicht. Man hätte mit einem Auftritt ein weiteres Mal die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Krise im Kaukasus lenken können. Das hätte vielleicht noch mal Bewegung in die Problematik um Karabach gebracht. So lehnt man sich nun in Jerewan, Baku und auch bei der EBU zurück und atmet auf. Weil das Problem umgangen wurde.

Jedes andere Land hätte vermutlich eine fette Strafe davon getragen, wenn es derart kurzfristig abgesagt hätte. Da ich mal stark davon ausgehe, dass die EBU heftig erleichtert ist, sich mit diesem Konflikt vorerst nicht weiter auseinandersetzen zu müssen, wird diese wohl für das armenische Fernsehen ausbleiben.

Solche Probleme sind ja nicht neu – es gab sie so ähnlich bereits in den 70ern mit der Türkei und Griechenland. 1979 war die Türkei nach einer ähnlich kurzfristigen Absage nicht in Jerusalem mit dabei.

Von wegen der ESC sei nicht politisch motiviert – er war es in gewisser Weise schon immer und ist es jetzt vielleicht noch mehr als jemals zuvor. Das muss per se nicht unbedingt schlecht sein – aber in diesem Fall ist es das – durch und durch.

Ich überlege gerade, ob es noch etwas gibt, was ich zu diesem Thema loswerden möchte. Nur noch das eine: Ich hoffe, dass diejenigen, die im armenischen Fernsehen etwas zu sagen haben, bald nicht mehr auf ihren Posten sitzen. Und demnächst weitsichtigere Menschen weisere Entscheidungen im Rahmen des ESC treffen werden.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – auch in Bezug auf den Frieden – auf den hoffe ich auch. Vielleicht darf ich den sogar noch erleben – wer weiß!!??