Der ESC in Lissabon vom Spielfeldrand (2)

Dies ist Folge 2 unserer Serie mit dem Motto, einmal wieder die „Newcomer“-Perspektive auf den Blog zu holen. Jochen aus Frankfurt, der als Mitglied des deutschen Eurovisionspanels die Auwahl des deutschen Songs (mit) zu verantworten hat, berichtet einmal täglich als Gastblogger von seinem allerersten tiefen Eintauchen in die Bubble.

Hier ist Jochens Bericht vom Tag und Abend des ersten Semifinales:

„Jetzt bin ich endlich in Lissabon. An dem ein oder anderen Fleck in der Stadt strahlt einem der diesjährige Slogan „All Aboard“ entgegen. Irritiert bin ich jedoch von all denen, die offenkundig nicht recht Bescheid zu wissen scheinen. Ein Taxifahrer fragte mich, wann denn dieses Eurovision genau sei. Mitreisende Touristen zeigen sich irritiert von hohen Preisen und der Hotelauslastung im Mai. Ein Lissaboner wusste sogar gar nichts davon, er habe sich jedoch bereits über den Slogan „All Aboard“ gewundert, diesen aber nicht mit dem Eurovision Song Contest assoziiert. Immerhin wusste er, dass Portugal letztes Jahr gewonnen hatte. Das Leben in Lissabon geht also bisher seinen gewohnten Gang und der ESC hat noch mediales Upside-Potenzial.

Jochens Lissabon ESC Tagebuch Akkreditierungsbadge

Für mich hingegen geht es direkt los. Schon am ersten Tag erfahre ich, was ich bisher so alles verpasst habe. Natürlich viele Emotionen, viele Überraschungen und viel Drama. Da ich jedoch meine Hausaufgaben gemacht habe und gut vorbereitet in die Woche starte, kann ich die vielen Meinungen rasch einordnen – zusammengefasst ergeben sich vier Gruppen.

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Erste Gruppe: Absteiger
Zum einen gibt es da die ursprünglichen Favoriten, einstige „Geheimfavoriten“, die vermeintlich unter ihren Möglichkeiten bleiben. Mancher Fan ist von seinem eigentlichen Favoriten sogar mächtig enttäuscht. Beispiel: Australien.

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Zweite Gruppe: Aufsteiger
Das sind ursprünglich vielleicht gelobte oder gemochte Songs, die jetzt aber plötzlich in aller Munde sind, teilweise einen plötzlichen Hype erleben. Beispiel: Zypern. Ah yeah ah yeah ah yeah, yeah ah yeah ah yeah, Fuego!

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Dritte Gruppe: Israel
Favorit bleibt Favorit.
Manchmal wird Italien 2017 zum Vergleich herangezogen, andere Male hört man, wie einmalig Netta ist. So oder so: eine Klasse für sich.

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Vierte Gruppe: Die anderen
Es gibt sie, die Länder jenseits des Mittelpunkts. Noch habe ich kein Wort zu Albanien gehört. (Das wird sich dann im 1. Halbfinale ändern…)

Mit all diesen Meinungen im Hinterkopf starte ich nun also Richtung Arena. Ganz früh – um die Akkreditierung abzuholen und mich hinter den Kulissen herumzutreiben.
Zuerst hole ich mir die „Akkre“ (Akkreditierungs-Badge) samt Goodie Bag ab und lasse ein „Pigeon Hole“ (Fach für regelmäßige Presse-Stuff/-Infos) einrichten. Ich werfe einen Blick in das Presse-Center und suche nach den PRINZ-Kollegen, stöbere umher und gehe rasch noch etwas essen. Denn viel Zeit zum stöbern bleibt mir nicht, ich will schließlich zeitig in die Arena zum ersten Halbfinale.

Jochens Lissabon ESC Tagebuch Outdoor

Das vielfach zitierte „Todes-Halbfinale“ geht seinen Gang. Man merkt schnell, was in der Halle ankommt. Am lautesten wird es erwartungsgemäß bei Tschechien, Finnland, Zypern und Israel.

Dann das Voting – und die großen Überraschungen. Ein Finale ohne Aserbaidschan, Armenien und Griechenland. Wann gab es das denn mal?

Jochens Lissabon ESC Tagebuch Finish Semifinale 1

Nach der Show dann das nächste, mein vorletztes Highlight des Abends: die Pressekonferenz. Und das # 1 Highlight hier: Eleni aus Zypern. Sie muss ihren Song nur anstimmen und der gesamte Raum gröhlt mit.

Die Fragen der anwesenden Journalisten bringen keine neuen Erkenntnisse, scheinen sie aus meiner Sicht doch eher belanglos. Dennoch nutzen die Künstler ihre Chance, individuell und sympathisch darauf zu reagieren. Wenig Phrasen und geschliffene Aussagen, aber echte Euphorie.

Ganz besonders ist auch hier Eleni aus Zypern zu erwähnen. Mit der pointierten und herzlichen Schilderung ihrer Gefühle im Green Room schafft sie es, sämtliche Sympathien auf sich zu vereinen.

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Diesen Charme kann auch die Favoritin Netta nicht übertrumpfen, als sie auf die Frage nach ihren Gewinnchancen brav alle Künstler pauschal lobt. Generell ermöglicht einem die Pressekonferenz, hinter die Persönlichkeiten der Künstler zu schauen. Der besondere Moment der Freude zeigt Herz und Ausstrahlung auf Höhepunkt des Adrenalinspiegels.

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Abschließend wird dann gelost, wer in der 1. und 2. Hälfte im Finale ran darf. Große Begeisterung für die spannende zweite Hälfte macht sich breit.

Das vermutlich letzte Highlight des Tages: Party im EuroClub. Dazu vielleicht morgen mehr. Jetzt aber gönne ich mir erstmal einen GT. 😉

Gurkencocktails Kopenhagen

Hier gibt es die erste Folge von Jochens Bubble-Berichten.

Green Room Lissabon Probesitzen mit Michael Schulte und HoD Germany Christoph Pellander

Probesitzen im Greenroom – Michael Schultes Beitrag wird im Semifinale 2 vorgestellt (Foto geschickt von HoD Germany Christoph Pellander links)