Der ESC vom Spielfeldrand (5)

Dies ist die fünfte und vorletzte Folge unserer beliebten Serie, mit der wir einmal wieder die „Newcomer“-Perspektive auf den Blog zu holen. Jochen aus Frankfurt, der als Mitglied des deutschen Eurovisionspanels die Auwahl des deutschen Songs (mit) zu verantworten hat, berichtet als Gastblogger vom ESC in Lissabon und von seinem allerersten tiefen Eintauchen in die Bubble.

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Eine Woche lang mitfiebern und feiern, das geht auch an mir nicht ganz spurlos vorbei. Eine kleine Erkältung legt mir am Freitag nahe, mal etwas auszuruhen. Das war dann auch sinnvoll, schließlich geht es am Abend zum Jury Finale – und anschließend kurz ins Euro Café.

Das Jury Finale erlebe ich ganz vorne, also streckenweise inmitten der ungarischen oder zypriotischen Flammen. Schade, dass nicht mehr Künstler die sich bietenden Möglichkeiten der Bühne nutzen und sich über die Brücke durch die Fanmassen bewegen. Umso mehr stechen AWS aus Ungarn heraus – nicht nur ob der Lautstärke. Wacken kann kommen.

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Mir macht das Jury Finale auf jeden Fall Lust auf das große Finale, welches ich jedoch planmäßig am Bildschirm verfolgen sollte. So gehe ich den Samstag gemütlich an, bis sich kurzfristig die Gelegenheit auftut, doch noch Final-Karten zu bekommen. Schnell gehts zur Halle. Dieses Mal verfolge ich die 26 Performances vom Balkon aus – eine ganz andere Sicht auf das Spektakel (siehe Aufmacherbild).

Doch nicht nur die Perspektive ist eine andere, auch die Stimmung und Aufregung. Ob es die räumliche Distanz zur Bühne ist, oder das abgelenkt-zurückhaltende Zuschauen der anderen Gäste auf dem Balkon, die Stimmung ist gedämpfter. Auch Plätze bleiben in großer Zahl unbesetzt.

Allerdings kann ich von hier oben einen guten Blick in den Green Room werfen und darauf, wie sich die Interpreten nach ihren Auftritten freuen und die Auftritte ihrer Konkurrenz verfolgen. Bei der deutschen Delegation scheint die Stimmung hervorragend zu sein. Kein Wunder, hat Michael Schulte doch eine gewohnt makellose Performance gezeigt. Auch das Bühnenbild scheint heute nochmals imposanter zu sein – offenkundig hat man es vom Vorentscheid über die Rehearsels bis hin zum Finale immer weiter entwickelt.

Deutsche Delegation Green Room ESC Finale 2018

Zu diesem Zeitpunkt zollen auch die Buchmacher dem guten deutschen Auftritt Tribut: Ein Blick auf die Wettquoten zeigt Deutschland hinter Zypern und Israel auf Platz 3. Österreich hat zu diesem Zeitpunkt noch niemand auf der Rechnung.

So steigt die Stimmung bis zur und dann auch während der Punktevergabe immer weiter. Endlich erhalten auch wir wieder 12 Punkte von der internationalen Jury – aus den Niederlanden, Dänemark, Norwegen und sogar der Schweiz. 204 Punkte aus 30 Ländern – Platz 4!

Als Deutschland bei der Auflistung des Televoting lange nicht genannt wird, hofft man intuitiv bei jeder weiteren Nennung, dass es ein anderes Land trifft. Als sechstbestes Land im Televoting ist es dann aber soweit – die sich positionierenden Kameras im Green Room haben es gerade angedeutet. Damit kein Sieg, aber der hervorragend vierte Platz hinter der anderen großen Überraschung: Cesár Sampson aus Österreich.

Der deutlicher als erwartete Sieg geht an Netta mit „Toy“. Und noch einmal darf die Halle beben. Jetzt hält es niemanden mehr auf den Sitzen – noch nicht einmal hier oben auf dem Balkon. Beim Abklingen des Glitterregens laufe ich rüber ins Pressezentrum. Die Sieger-Pressekonferenz möchte ich unbedingt live mitverfolgen.

BTS EiC 2017 Amsterdam William Wiwibloggs

Auf dem Weg laufe ich William von Wiwibloggs (Bild) über den Weg. Er gratuliert und drückt abermals seine Begeisterung für den deutschen Beitrag aus. Österreich sei seine größte Überraschung. Herrlich also, welche Überraschungen ESC-Finals immer wieder parat haben.

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Nun also Nettas großer Auftritt vor der Presse. Von den anwesenden Fans wird sie gefeiert; auch von jenen, die vielleicht gerne Eleni aus Zypern hier gesehen hätten. Doch zu klar der Vorsprung – sowohl Jury als auch Zuschauer sahen „Toy“ vor „Fuego“.

2018 Israel Netta Sieger-PK

In der Pressekonferenz zeigt Netta
– Rührung, als jemand die Bedeutung ihres Siegs für ihr Heimatland Israel herausstellt,
– Bescheidenheit, als sie auf die vergangenen sieben Monate zurück blickt (vor sieben Monaten als Künstlerin ohne Auftrag und vor dem Aus, bereit für jeden Job und dann der nie erwartete Sieg beim Vorentscheid),
– Begeisterung für die GLBT-Community, als sie mit Freude zum Gay Pride nach Tel Aviv einlädt, wo sie auftreten wird, generell werde sie für den Rest ihres Lebens nun für die Gay Community singen,
– Größe, als sie auf Salvador Sobral angesprochen wird und ihm auch nach seinem fragwürdigen Auftreten „nothing but love“ sendet.

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Mir bleibt ein Satz von ihr besonders in Erinnerung: „If young Netta had me on prime time, young Netta would have been much happier.“ Ähnliches kann mancher vielleicht auch vom irischen Beitrag „Together“ von Ryan O’Shaughnessy sagen. Mir zumindest hat Netta in dieser PK mit viel Eloquenz, Witz und Charme eines bewiesen: SO SEHEN SIEGER AUS!

2018 Israel Netta Sieger-PK

Ich freue mich schon auf die nächsten Eurovision Events und melde mich abschließend noch einmal mit einem Fazit von meinem allerersten ESC als Teil der deutschen (Presse-)Delegation.

Jochens Lissabon ESC Tagebuch Akkreditierungsbadge

Als Abrundung des Beitrages über Jochens Finaltag gibt es hier noch einen farbenfrohen Bildermix mit Fanaufnahmen, die unser Fotograf Volli unmittelbar vor dem Finale gemacht hat:

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Im der letzten und sechsten Folge dieser Serie wird Jochen noch einmal ganzheitlich auf seinen ersten ESC mit Akkreditierung zurückblicken.

Folge 1 von Jochens Lissabon Tagebuch gibt es hier.
Folge 2 von Jochens Lissabon Tagebuch gibt es hier.
Folge 3 von Jochens Lissabon Tagebuch gibt es hier.
Folge 4 von Jochens Lissabon Tagebuch gibt es hier.