Deutscher Ex-HoD: Stefan Raab war hinterhältig, destruktiv und schleimig

Bei der Hamburger Buchvorstellung von Thomas Mohrs Krimi „Anders ermittelt – Mord beim ESC“ wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Neben amüsanten Einblicken in den Roman bekamen die Besucher ESC-Insights vom ehemaligen Head of Delegation, Jürgen Meier-Reese, dem ESC-Chronisten Jan Feddersen und dem Buchautor selbst.

Auf dem Aufmacherbild von links nach rechts: Alina Stiegler, Jan Feddersen, Jürgen Meier-Reese, Thomas Mohr

Nachdem bereits bei der Vorstellung des Krimis in Berlin eine Woche zuvor etliche spannende Blicke hinter die ESC-Kulissen geworfen worden waren, ließen sich auch die Gäste der Hamburger Veranstaltung nicht lumpen. In der gut gefüllten Alten Liebe im Klubhaus auf der Reeperbahn plauderten die Gäste unter Moderation von Alina Stiegler frei drauf los.

Gerade der ehemalige Head of Delegation, Jürgen Meier-Reese (damals Meier-Beer), ließ keine Unklarheiten entstehen. In Bezug auf die Teilnahmen von Stefan Raab (1998, 2000 und 2004) wurde er – ähnlich wie beim Interview, das er 2015 gab – deutlich. Dieser sei hinterhältig, destruktiv und schleimig gewesen. Er habe den ESC benutzt, um der Größte zu sein und war enttäuscht, dass Max Mutzke nicht besser abgeschnitten hätte.

Dabei sei die Idee, den zweiten Refrain von „Can’t Wait Until Tonight“ auf Türkisch zu singen, von Meier-Reese gekommen. So sollte bei dem ansonsten wenig aufregenden Auftritt Stimmung in der Halle erzeugt werden, die den Song bis zum Ende der drei Minuten tragen sollte. Raab wäre misstrauisch gewesen und stimmte dem Vorschlag Meier-Reese erst zu, als dieser ihm anbot, beim Scheitern der Idee die Verantwortung zu übernehmen, während Raab im Falle des Erfolgs die Lorbeeren ernten könne. Insgesamt, so Meier-Beer, hätten alle Künstler, die er beim ESC erlebt habe, mehr Freude an der Musik gehabt als Raab.

Meier-Reese erzählte auch, warum es ihm so wichtig gewesen sei, die Jurys abzuschaffen. In den 90ern sei er z. B. von Malta angesprochen und ihm folgender Vorschlag unterbreitet worden: Gebt Ihr uns 12 Punkte, geben wir Euch 12 Punkte. Er wollte dieses Geschacher beenden. Die später bereits erfolgte Einführung des Televotings in Deutschland machte es ihm dann 2000 leicht, als die russische Delegation ihn zum Gespräch lud. Er wurde gefragt, was er dazu beitragen könne, damit der Wusch Putins, dass Russland den ESC gewinne, erfüllt würde. Dank Televoting war die Antwort einfach: nichts.

Obwohl Michelle den deutschen ESC-Vorentscheid mit der bisher höchsten Einschaltquote in diesem Jahrtausend gewonnen und auch beim ESC in Kopenhagen sehr gut abgeschnitten hatte, ist Meier-Reese alles andere als überzeugt von ihr als Persönlichkeit und ihren Kompetenzen jenseits des Gesangs. Ganz anders Jan Feddersen: „Ich war erschrocken, was für eine toughe Frau das ist, zum Teil auch bitchy.“ Außerdem erfuhr man, dass ihr Kleid „16.000 Euro“ (vermutlich aber Mark) gekostet haben solle. 

Interessant war auch die Anekdote von Jan Feddersen von seinem zweiten ESC, den er vor Ort als Journalist begleitete (bei seinem ersten Vor-Ort-ESC 1992 sei er nach eigenen Angaben übrigens der einzige deutsche bezahlte Journalist gewesen, so gering sei das Interesse seinerzeit gewesen). Damals, 1994, hatte Russland zum ersten Mal einen Vertreter zum Contest geschickt und lud in Dublin auch zur Party. „Damals gab’s noch richtige Partys. Und die Party fand in der ehemaligen KGB-Zenrale in Irland statt“, so Feddersen. Das sei aufgrund der Räumlichkeit schon eine besondere Atmosphäre gewesen – zwischen angespannt und lustig. Dennoch, oder gerade deswegen, hätten sämtliche Gäste anschließend höchstalkoholisiert die Location verlassen.

Bezugnehmend auf das Buch von Thomas Mohr, aus dem er verschiedene Szenen vorlas, die bei den anwesenden Fans immer wieder zum Schmunzeln und Lachen führten, wurde auch länger über den EuroClub und den schwulen Charakter des ESC gesprochen. Letzterer sei lange Zeit – auch von schwulen Journalisten – totgeschwiegen worden, so Jan Feddersen. Thomas Mohr berichtete, dass er vor dem ESC 1998 nur ein Künstler-Portrait als Radiobericht für seinen Heimatsender NDR 2 gemacht habe – über die transsexuelle Dana International. Sein damaliger Vorgesetzter verhinderte zunächst dessen Ausstrahlung wegen dieser Thematik. Erst nach ihrem (knappen) Sieg wurde das Stück doch noch gesendet.

Natürlich wurde auch noch kurz der Blick auf Lissabon gerichtet. Dass Israel dort mit den besten Voraussetzungen an den Start geht, darüber waren sich alle einig. Weniger einhellig fiel die Meinung in Bezug auf den französischen Beitrag aus. Hier polarisierte Jan Feddersen wieder einmal, indem er „Mercy“ als „gehobenen Sonderplunder und ein wimmerndes Machwerk auf drei Minuten“ abqualifizierte. Genau wegen solch offener Worte war diese Buchvorstellung höchst kurzweilig, stellenweise amüsant und vor allem informativ.

 

Eine Besprechung des Buchs „Anders ermittelt: Mord beim ESC“, das Jan Feddersen „eine journalistische Liebeserklärung in Krimiform an den ESC“ nannte, folgt in Kürze.