Deutscher Vorentscheid: Das ist der Fragebogen für das Europa-Panel

Wer in Levinas Fußstapfen treten wird, entscheidet zu einem guten Teil die Europa-Panel Jury. Diese ist zwar nach dem heutigen Info-Abend des NDR in München zu einem Deutschland-Panel zusammengeschmolzen. Die Fragen, auf deren Basis die Auswahl der Mitglieder erfolgt, sind aber dieselben. Wir haben den Fragebogen gemacht und die einzelnen Fragen für Euch dokumentiert.

Das Prozedere zum deutschen Vorentscheid 2018 konkretisiert sich. Wie der NDR bei seinem Info-Termin in München noch einmal verdeutlichte, wird der Europa-Panel aus 100 Personen aus Deutschland zusammengestellt, die so ausgewählt sind, dass sie das europäische ESC Wahlverhalten gut reflektieren. Das deutsche Televoting-Verhalten würde die jeweilige ESC-Top-10 sehr gut widerspiegeln.*

Der Aufruf zur Teilnahme am Screening-Fragebogen, über den die passenden 100 Panelisten rekrutiert werden sollen, wird seit einigen Tagen auf Facebook ausgespielt. Das Feedback aus dem Fan-Universum (fast jeder hat diesen Aufruf schon einmal gesehen) spricht dafür, dass das hinterlegte Zielgruppen-Targeting nicht allzu spitz ist. Außerdem hätten mittlerweile 15.000 Menschen den Fragebogen ausgefüllt, so hieß es am Abend in München.

Folgt man dem Aufruf, kommt man zunächst auf die folgende Startseite, auf der Das Erste und das Beratungsunternehmen Simon Kuchen & Partners als Absender aufgeführt sind. Das Incentive, also der Anreiz zu Teilnahme, ist vergleichsweise überschaubar: zwei iPads. Für die meisten dürften aber ohnehin die Neugier und die Aussicht, Bestandteil des weiteren Auswahlprozesses zu sein, die wichtigeren Motive sein.

Es folgen zwei Einstiegsscreenings, die möglicherweise als Filterfragen dazu dienen, Personen mit völlig ESC-inkompatiblen Musikgeschmack und ausgeprägtem Desinteresse an Musikshows aus der Befragung zu nehmen.

Eine weitere Frage prüft die Aktivierung des Befragten in Abstimmungsprozessen von Musikwettbewerben – eine Frage, deren Relevanz sich nicht sofort erschließt.

Kern der Befragung ist die Bewertung von zweimal sechs Musikvideos, von denen sich die Befragten jeweils 30 Sekunden vollständig anschauen sollen.

Jedes Video wird für sich nach dem Anschauen bewertet und zwar nach Gesamturteil, Sympathie für Sänger/Sängerin/Gruppe, Gefallen des Liedes und der Bühnengestaltung. Da die beteiligten Unternehmen Simon Kucher und digame mobile vermutlich über keine Vergleichswerte verfügen, dient diese Differenzierung am ehesten der eigenen Erkenntnis, welchen Einfluss die drei Aspekte auf die Gesamtbewertung eines Auftritts haben.

Ein Bezug zu vorliegenden Daten kann wenn überhaupt nur durch digame mobile erfolgen, die ja in der Vergangenheit für die Abwicklung des Votings beim ESC verantwortlich waren. Auf Basis der von konkreten Mobilnummern abgegebenen Votings können sie z. B. auswerten, für welche verschiedenen Beiträge von denselben Zuschauern abgestimmt wurde.

Im ersten Block stehen ESC-Beiträge aus dem Jahr 2014 im Fokus, drei aus dem ersten und drei aus dem zweiten Semi. Alle sind kein klassischer Mainstream-Pop (wobei das nur bedingt für Sanna Nielsen gilt), und alle haben sich – unterschiedlich deutlich – fürs Finale qualifiziert.

  • Tinkara Kovač – Round and round (Slowenien)
    Platz 10 im zweiten Semi, Platz 25 im Finale (25. im Televoting, 24. bei Jury)
  • Carl Espen – Silent Storm (Norwegen)
    Platz 6 im zweiten Semi, Platz 8 im Finale (16. im Televoting, 9. bei Jury)
  • Donatan & Cleo – My Słowianie (We Are Slavic) (Polen)
    Platz 8 im zweiten Semi, Platz 14 im (5. im Televoting, 18. bei Jury)
  • Pollapönk – No Prejudice (Island)
    Platz 8 im ersten Semi, Platz 15 im Finale (12. im Televoting, 15. bei Jury)
  • Aram Mp3 – Not Alone (Armenien)
    Platz 4 im ersten Semi, Platz 4 im Finale (3. im Televoting, 5. bei Jury)
  • Sanna Nielsen – Undo (Schweden)
    Platz 2 im ersten Semi, Platz 3 im Finale (4. im Televoting, 2. bei Jury)

 

Nach der Einzelbewertung der sechs Beiträge werden die Befragten aufgefordert, die Lieder in eine Reihenfolge zu bringen.

Für den persönlichen Favoriten wird anschließend abgefragt, ob man sich diesen Titel kaufen, ihn streamen oder nichts von beidem machen würde – eine typische Abfrage zur Aktivierungsleistung eines Produkts bzw. hier eines Beitrags/Liedes.

Da ESC-Fans natürlich alle Beiträge und im Zweifel auch deren Platzierung kennen (und sie deshalb ggf. strategisch bewerten könnten), wird anschließend gefragt, wie viele Lieder der Befragte bereits vorher kannte. In den AGB der Befragung steht, dass erwartet wird, dass die Fragen „vollständig und ernsthaft“ beantwortet werden. Damit dürfte davon ausgegangen werden, dass Personen, die hier „Ich kannte keine“ anklicken, bevorzugt ins EuropaDeutschland-Panel kommen.

Im zweiten Block stehen ESC-Beiträge aus dem Jahr 2016 im Fokus. Diesmal kommen gleich fünf Songs aus dem ersten Semi. Wiederum sind viele von ihnen nicht Mainstream und alle schafften es ins Finale. Auffälliger jedoch: bei den meisten gehen Jury- und die Televoting-Platzierungen deutlich auseinander. Womöglich werden für das Panel Personen gesucht, die eher den Jury-Geschmack oder den Publikums-Geschmack repräsentieren?

  • Zoë – Loin d’ici (Österreich)
    Platz 7 im ersten Semi, Platz 13 im Finale (8. im Televoting, 24. bei Jury)
  • Douwe Bob – Slow Down (Niederlande)
    Platz 5 im ersten Semi, Platz 11 im Finale (17. im Televoting, 11. bei Jury)
  • Michał Szpak – Color Your Life (Polen)
    Platz 6 im zweiten Semi, Platz 8 im Finale (3. im Televoting, 25. bei Jury)
  • Sergej Lazarev – You Are the Only One (Russland)
    Platz 1 im ersten Semi, Platz 2 im Finale (1. im Televoting, 5. bei Jury)
  • Gabriela Gunčíková – I Stand (Tschechien)
    Platz 9 im ersten Semi, Platz 25 im Finale (26. im Televoting, 21. bei Jury)
  • Minus One – Alter Ego (Zypern)
    Platz 8 im ersten Semi, Platz 21 im Finale (15. im Televoting, 20. bei Jury)

 

Nachdem auch diese sechs Beiträge wieder gerankt wurden, geht es an die bekannte Soziodemografie.

Warum der Familienstand und die Anzahl der Kinder wichtig sein soll? Womöglich um tragisch veranlagte ESC-Fans herauszufiltern (nur für den Fall sei darauf hingewiesen, dass das eine das andere heute gar nicht mehr ausschließen muss). Ebenfalls denkbar: Kinder im Haushalt können das Abstimmungsverhalten beeinflussen. Das gilt allerdings eher bei einer Show selbst als bei einem Jury-Bewertungsverfahren…

Durchaus eine relevante Frage beim ESC ist die nach dem kulturellen Hintergrund der Eltern, da etliche Einwandererkinder selbst in der dritten Generation offenbar die Notwendigkeit verspüren, beim ESC für ihr vermeintliches Heimatland anzurufen. Das gilt auch für einen der Prinz-Blogger.

Die berufliche Situation dürfte höchstens für die Gewichtung der Fälle im Abgleich mit der Gesamtbevölkerung eine Rolle spielen.

Zum Abschluss die Frage der Fragen:

Die Auswahl der Panelisten scheint nun sehr zügig zu gehen: in zehn Tagen werden die Auserwählten informiert. Diese Geschwindigkeit ist nicht besonders ambitioniert, wenn es eine klare Datenauswertungsstategie gibt: die Daten aus der Befragung liegen elektronisch vor und müssen nur fix bereinigt werden. Systematische Falschausfüller und Fälle mit denselben E-Mail-Adressen sollten dabei eliminiert werden. Anschließend kann die Datenanalyse erfolgen. Bei der klaren Zielstellung ist das eine Frage von wenigen Stunden, im Zweifel zwei bis drei Tagen.

Allen, die auf die Erhebung in den ESC-Adelsstand in Form der Berufung in das Deutschland-Panel hoffen, viel Erfolg!

*Der erste Absatz nach dem Umbruch ist eine aktualisierte Version des Ursprungstextes  (vgl. dazu auch den Kommentar von Thomas Schreiber unten).