Deutschland im ESC-Jahr 2014 – Licht und Schatten

Wildcard 2014 Elaiza freuen sich auf Sieger PK

Seit einigen Wochen können Bewerbungen für die Teilnahme am Wildcard-Konzert zum deutschen Vorentscheid 2015 eingereicht werden, doch bislang sind viele Beiträge nicht einmal mittelmäßig. Schon am Teilnehmerfeld des letztjährigen Konzerts gab es einige Kritik, aber der NDR hält an dem Konzept fest. Wie er anscheinend überhaupt relativ wenige Veränderungen am im letzten Jahr eingeführten Konzept mit einem Wildcard-Konzert und 8 Vorentscheidungsteilnehmern vornimmt. Eine gute Entscheidung? Zeit, noch einmal auf die deutsche Vorentscheidung und die deutsche ESC-Teilnahme 2014 zurückzuschauen und zu analysieren, wo Stärken und wo Schwächen lagen.

Das Wildcard-Konzert

Am Wildcard-Konzert gab es eigentlich nur einen guten Aspekt: Das Ergebnis. Das hatte zwei Gründe: Zum einen war es keine gute Unterhaltungsshow. Die Teilnehmer waren fast ausschließlich vom Typ Ich-mache-schöne-You-Tube-Coverversionen, nicht mehr und nicht weniger. Zum Großteil ziemlich blass und vor allem unglaublich langweilig.

Zum anderen war da die Sache mit der fehlenden Transparenz. Irgendeine Jury sucht aus irgendwelchen eingereichten Videos irgendwie zehn Songs Acts aus, darunter neun You-Tube-Sternchen und eine Newcomer-Band mit Plattenvertrag, professioneller Homepage und Management. Die User des Einbahnstraßen-Mediums Internet hatten kein Mitspracherecht und Acts, die nicht unbedingt Mainstream waren, keine Chance.

Wie gesagt, wir haben Elaiza bekommen, insofern will ich mich nicht beschweren, aber sonst blieb das Wildcard-Konzert so ziemlich alles schuldig, was es versprochen hatte. Nicht einmal für zusätzliche Promotion für die deutsche Vorentscheidung konnte es sorgen, weil es im spätabendlichen Programm des NDR versenkt wurde.

Erfreulich war aber dann doch die Entscheidung, dem Vorentscheid eine zweite Show zu schenken. Deutsche Fans wünsche sich ja seit Jahren, dass der Vorentscheid irgendwann zum zweiten Melodifestivalen wird mit bekannteren und unbekannteren Künstlern in mehreren Shows. Der erste Schritt in diese Richtung wäre gemacht.

Die deutsche Vorentscheidung

Auch mit der Mischung aus bekannteren und unbekannteren Künstlern in der Vorentscheidungsshow kann man durchaus zufrieden sein. Mit Unheilig kann ich persönlich zwar überhaupt nichts anfangen, aber er ist auf jeden Fall ein großer Name, Santiano, die Baseballs, Das gezeichnete Ich und Oceana zumindest einigen Musikkennern bekannt und Madeline Juno, MarieMarie und eben auch Elaiza hoffnungsvolle Newcomer, die keine Eintagsfliegen blieben, sondern ihrer Vorentscheidungsteilnahme tolle Debütalben folgen ließen. Eine richtig tolle Auswahl, die der NDR hier zusammengestellt hatte.

Ganz und gar rätselhaft blieb bis zum Schluss jedoch der Wettbewerbsmodus. Jeder Kandidat sollte zwei Songs zum Vorentscheid mitbringen. Zunächst sangen alle Künstler ihren ersten Song, doch nur die vier in dieser Abstimmungsrunde beliebtesten durften in der zweiten Runde ihren zweiten Song überhaupt vortragen. Was genau damit erreicht werden sollte, blieb im Dunkeln: Sollten die Acts den besseren/bekannteren/eingängigeren Song in der ersten Runde bringen, um sicher in die zweite Runde zu kommen? Oder „Save the best for last“, um mit Schwung in die vorletzte Abstimmungsrunde zu gehen?

Anscheinend möchte man mit diesem Modus an die raab’schen Erfolgsjahre anknüpfen. Der Unterschied: Damals wurde – sinnvollerweise – zuerst aus mehreren Songs der beste Song pro Künstler ausgewählt und dann über den letztendlichen Sieger entschieden. Die Idee, Künstler nach Hause zu schicken, ohne ihr komplettes Angebot zu kennen, ist schlicht absurd.

Verwirrend auch, dass bereits in der zweiten Abstimmungsrunde für Songs und nicht für Künstler angerufen wurde. Im Prinzip empfiehlt es sich dadurch, mit einem sehr starken und einem schwachen Song anzutreten, um alle Fans hinter dem starken Song zu versammeln und so die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, in die letzte Runde einzuziehen. Ob das Sinn und Zweck einer Vorentscheidung ist?

Immerhin erkannte der NDR in letzte Sekunde, dass der ursprüngliche Modus darauf hinauslaufen könnte, dass ein und derselbe Künstler mit zwei Songs im Superfinale stünde und schloss diesen Fall spontan kurz vor der Show aus. Hoffen wir, dass über Modus und Konzept bis Anfang März nochmal ordentlich gegrübelt wird.

Deutschland in Kopenhagen

Man musste nach „Unser Song für Dänemark“ kein Prophet sein, um sich auszumalen, dass Elaiza es in Kopenhagen nicht leicht haben würden. „Is it right“ war und ist ein toller Song und Elaiza sind sympathische Mädels, aber für die großen Bühnen ist diese Art von Musik eher nicht gemacht – oder zumindest nicht zwingend. Schon im November 2013 hatten wir das im Zuge unserer „Unser Star für Kopenhagen“-Reihe aufgeschrieben.

Allerdings konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich mit der Frage, wie man einen gemächlichen Song auf der ESC-Bühne mit Wums und Wiedererkennungswert präsentieren kann (dass es geht, haben nicht zuletzt die Niederlande dieses Jahr eindrucksvoll gezeigt), zwischen März und Mai eher wenige Menschen in der deutschen Delegation beschäftigt haben. Okay, irgendjemand hatte sich ausgedacht, dass der Song sicherlich toll vor einem dunklen Hintergrund wirken würde – was dann aber nicht der Fall war. Also nach der ersten Probe in Kopenhagen wieder alles neu und alles auf Anfang. Es wurde dann tatsächlich noch etwas besser, aber rumreißen konnte man das Ruder zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht mehr.

Nicht funktioniert hat übrigens auch die Taktik, die vom Vorentscheid bekannten und beliebten Luftschlangen als Höhepunkt des Songs einzusetzen. Die konnten auf der Kopenhagener Bühne nämlich nicht so eingesetzt werden wie in Köln und landeten deshalb – auch im Finale – zum Großteil auf den Mädels und ihren Instrumenten.

Sicher, vielleicht konnten die dänischen Techniker, Regisseure etc. all das nicht umsetzen, was sich die deutsche Delegation so schön ausgedacht hatte. Allerdings darf diese Theorie bezweifelt werden, hat die mangelhafte Bühnenshow bei deutschen Beiträgen doch fast schon Tradition. Letztes Jahr: Das Plexiglastreppen-Konzept nicht zu Ende gedacht und keinen Ersatz für die in der Vorentscheidung so eindrucksvollen wehenden Tücher gefunden. In den vor-raab’schen Zeiten: No Angels, Oscar Loya. Klar, schlechte Songs, aber die Bühnenshow hat die Sache auch nicht besser gemacht. Dabei sehen die meisten Auftritte (gilt für Elaiza ebenso wie für Cascada und die No Angels) in den Vorentscheidungen doch recht annehmbar aus. Wieso lässt sich das dann nie auf die internationale Bühne retten oder sogar noch verbessern?

Aber von jetzt an gilt ja wieder „Neues Jahr, neues Glück“. Hoffen wir, dass der NDR den Vorentscheid weiter zu einem modernen Popmusikwettbewerb mit mehreren Shows ausbaut. Dieser Weg wird sich bei konsequenter Umsetzung sicherlich irgendwann auszahlen. Hoffen wir aber auch, dass an der ein oder anderen Stellschraube noch gedreht wird. Anregungen aus diesem Beitrag dürfen dabei gerne berücksichtigt werden.