Die lebende Punktewand: Was machen Grand-Prix-Fans in der Off-Season?


Bundesweit gesellen sich ganzjährig Fans des Eurovision Song Contest zu regionalen Clubtreffen. Was passiert dort eigentlich, wenn der ESC nicht gerade aktuell ist? Ein Abend mit dem Hamburger Fanclub, dessen Mitglieder eigene Contests organisieren und dabei die „lebende Punktewand“ erfunden haben. 

Wer kürzlich an einem herbstlichen Freitagabend den Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) im Hamburger Stadtteil St.Georg aufsuchte, konnte folgende Szene beobachten: 21 erwachsene Herren und Damen im Alter zwischen 20 und 50 sitzen im Halbkreis, einige tragen seltsame Hüte, die sich bei näherer Betrachtung als Krönchen entpuppen, alle tragen zudem Leibchen aus Papier mit Sänger-Konterfeis, die in regelmäßigen Abständen mit Punkte-Schleifen verziert werden und tauschen andauernd ihre Plätze.


Was war da los? Karnevalsverein, Selbsthilfegruppe für anonyme Royalisten oder ein spezielles Reise-nach-Jerusalem-Spiel? Was für Außenstehende auf den ersten Blick befremdlich wirken mag, ist für Hamburger ESC-Fans ein jährliches Highlight. Der Mitgliederwettbewerb Hamburger Member Song Contest wird alljährlich im Oktober mit Gusto zelebriert – in diesem Jahr bereits zum 15. Mal.

Bereits im August reichen die Fans ein Lied ihres Musikgeschmacks auf CD ein, aus allen Songs wird dann ein Sampler gepresst, der an alle Teilnehmer verschickt wird. Die Titel müssen nichts mit dem Eurovision Song Contest zu tun haben, ESC-Titel sind sogar verboten, ESC-Stars (gerne aus Skandinavien) tauchen jedoch immer wieder in diesem Audio-Wettbewerb auf. Zum Treffen kommen dann alle Fans mit ihrer Wertung, die sie nach mehrmaligem Hören aller Beiträge getroffen haben.

Und dann wird es spannend: Die lebende Punktewand kommt zum Einsatz: Jeder Teilnehmer trägt seinen Interpreten als Trikot, der Reihe nach werden dann die Punkte abgegeben.

Der Clou: Die Sitzplätze sind von 1 bis 21 nummeriert, die den Plätzen im Klassement entsprechen. Jeder ist gehalten, die ihm verliehenen Punkte aufzuschreiben.

Erhält jemand Punkte, rückt er im Ranking entsprechend nach vorn und die Plätze müssen getauscht werden – bei Contests mit engen Punktabständen steht schon mal der halbe Saal auf… die 8, 10 und 12 Punkte eines jeden Teilnehmers werden zusätzlich durch sogenannte Rosetten auf die Trikots angebracht – so ist bei einem Punktegleichstand gleich zuerkennen, wer vorne liegt, nämlich derjenige, der mehr Rosetten auf sein Trikot getackert bekommen hat.

Das macht ziemlich viel Spaß, zumal ein paar Sonderaufgaben warten, der Dreizehntplatzierte muss etwa Seifenblasen produzieren…

… der Letztplatzierte eine rote Laterne beaufsichtigen…

…wenn die Punkte konstant ausbleiben, nimmt man gern ein Schlückchen eines Trostgetränkes, auf den hinteren Rängen gibt man sich zudem gern inkognito.

In diesem Jahr stand eine bunte Mischung aus Songs aus vier Dekaden zur Wahl, zum ersten Mal seit langer Zeit gab es keinen schwedischen Titel im Wettbewerb. Am Ende – die letzten Wettbewerbe waren allesamt sehr spannend und relativ eng – gibt es dann einen Sieger. Den diesjährigen Hamburger Member Song Contest gewann Oliver (rechts, nicht der Autor dieses Beitrags) vor Frank (Mitte) und Christian (links).

Der Siegertitel kommt aus Israel. Shiri Maymon, Israels ESC-Vertreterin aus dem Jahr 2005, die bereits im Hanse Grand Prix – einem anderen Wettbewerb der Hamburger Grandprix-Fans ganz vorne lag – konnte mit einer sinnlichen Ballade die meisten Punkte auf sich vereinen und brachte Oliver nach 15 Jahren balladenreichen Einreichungen den ersten Sieg.

Hier die Top 3 des Hamburger Member Contests in Videoclips:

Platz 1: Shiri Maymon  Ksehalachta

Platz 2: Gerard Joling – Ik leef mijn droom

Platz 3: Shym – Je sais

Kleine Ergänzung in eigener Sache: Der mit dem Gewinner gleichnamige Autor dieses Beitrags erhielt für „Sorcerer“ von Marilyn Martin zwar zwei Höchstwertungen und insgesamt 39 Punkte, verließ jedoch während des Votings nie die hintere Hälfte der lebenden Punktewand, hielt öfters die rote Laterne und landete am Ende auf einem gedrittelten 19. Platz. Nun ja, nächstes Jahr klappts bestimmt wieder besser…