Die Lys und der Stämpf – ein Schweizer Skandal!

Was wäre das für eine Sensation gewesen… die erste Siegerin des Concours Eurovision wieder auf der internationalen ESC-Bühne in Baku. Eigentlich schien ja alles schon eingetütet. Lys Assia mit einem souveränen und siegesgewissen Auftritt im Schweizer Finale. Und dann das: am Ende Platz 8, das Ticket geht ins Tessin. Erfreulicherweise wurde der Schuldige für diese Demütigung ganz schnell gefunden – und zwar von der Diva persönlich. Er heißt: Stämpf! (Foto: www.sf.ch)

Stämpf, geboren 12 Jahre nach Lyssens Grand-Prix-Sieg hört eigentlich auf den sehr gewöhnlichen Namen Stephan Schmid und ist seit vielen Jahren ein Unikum in der Schweizer Musikszene. Nach allerlei Bandmitgliedschaften und Musikprojekten, war der Fun-Punker in den letzten 6 Jahren Mitglied der durchaus recht erfolgreichen Formation QL. Trotz seiner ansatzweise rebellischen Optik mit verrückten Frisuren und zu großen Ohrringen, ist er eigentlich ein ganz zahmer und freundlicher Bursche. Und so gelang ihm der ganz große Durchbruch in der Schweiz auch mit der TV-Sendung „Kampf der Chöre“, einer Art „Glee“ in den Alpen, leider ohne Darren Criss, dafür mit, na gut, Sven Epiney seines Zeichens auch Präsentator der Schweizer Vorentscheidung zum ESC am letzten Samstag.

Und so ging es beim Chorkampf zu:

Stämpf schaffte es dort nicht mit seiner Truppe unter die ersten 3, anvancierte aber aufgrund seiner für das Prime-Time-TV unkonventionellen Art zum Publikumsliebling und sicherte sich so einen Platz in der Jury der „Großen Entscheidungsshow“. (Foto: www.suedostschweiz.de)

Die Jury, wie zur Zeit in Musikwettbewerb-TV-Shows üblich, nahm auch in der „Großen Entscheidungsshow“ eine etwas zu exponierte Stellung ein. Jeder der 14 Teilnehmer musste sich freundliche und immer wieder auch freundlich-kritische Worte vom Dreigestirn anhören. Auch Lys Assia. (Foto: www.blick.ch)

Und das sagte der Stämpf!

Eine Juryaussage, wie sie in einer Musikwettbewerb-TV-Show im 21. Jahrhundert kaum typischer sein kann: freundliche Worte, witzige Worte, leicht kritische Worte, alles fröhlich vepackt und in der für einen Casting-Show-Juror typischen Körperhaltung: Hand dezent am Kopf angestützt und immer ein zartes Lächeln auf den Lippen.

Auch Lys hatte während dieser Worte ein Lächeln auf den Lippen – ein wenig gequält zwar, aber, nun ja. Was mag sie gedacht haben, in diesem Moment? „Lass den Zipfelbuben reden, ich gewinne ja doch!“ oder „Kaffeefahrtmusik – wir sprechen doch hier von einem Chanson!!!!“? Am Samstag war es uns noch nicht möglich, einen Einblick in ihr Innenleben zu erhalten. Freundlicherweise hat Lys Assia uns inzwischen aber ebendiese ihre Gedanken zukommen lassen – in einem Interview direkt nach der Show. Inwieweit diese durch ihre Platzierung im unteren Mittelfeld noch eine neue Färbung  erhalten haben, lässt sich allerdings nicht ermitteln… (Foto: www.blick.ch)

Und das sagte die Lys.

Hui, hui, hui – da wird aber geschossen. „Flegelhaft“, „Fräccchhh“, „Unakzeptierbar“ sind nur einige Titulierungen, mit denen der Stämpf (oder heißt er Schlapp?) sich jetzt auseinandersetzen muss. Und dann hat er sie noch zum „Du“ gezwungen – obwohl sie seit 77 Jahren WELTWEIT auf der Bühne steht.

Bereits im Vorfeld auf den diesjährigen Schweizer Vorentscheid haben wir darauf hingewiesen, dass Lys Assia gerne mal eine starke Meinung vertritt. Wie oft hat sie den Schweizern erklärt, warum das nichts werden konnte mit dem eidgenossischen Lied beim ESC. Die Berufs-ESC-Siegerin, -Kennerin und -Winkerin erklärt es uns auch diesmal. „C’etait ma vie“ ist ein gutes Lied, ein sehr gutes Lied, mit dem viele Menschen, insbesondere einer ganz viel Arbeit gehabt haben. Und im Saal hat es ja auch gewonnen, oder? Aber all das wird nicht gesehen in Zeiten, in denen Hundertausende hinter eine Musikgruppe stehen, in denen das Internet – zumindest von jungen Menschen – genutzt wird wie nichts Gutes und in denen alte Menschen und die wahren Werte dem „Tong-Tong-Tong-Festival“ geopfert werden. Und vor allem Menschen wie Stämpf bei der Auswahl eines Liedes für ein Chanson-Festival mitreden dürfen. So nicht!!!! Wie Schweizer Zeitungen berichten, verlangt die Dame jetzt eine schriftliche Entschuldigung vom Punk-Rüpel. (Foto: www.stern.de)

Schade – wirklich schade, dass es so enden muss. Verbitterung, blinde, fast verzweifelte Geschosse gegen andere und die fehlende Erkenntnis, dass das „gute, sehr gute Lied“ vielleicht doch nicht ganz das war, was die Schweiz in Baku sehen will. Nach ihrem klassischen, aber in sich sehr  stimmigen Auftritt vom Samstag verpulvert die erste Grand-Prix-Diva aller Zeiten einen Großteil der gewonnen Sympathien durch einen bedingungslosen Blick nach hinten und durch eine besonders problematische Attitüde – die der ganz schlechten Verliererin.

Wünschen wir ihr, dass es ihr möglichst bald gelingt, ihren Frieden mit dem Festival zu machen und sich darauf zu besinnen, dass auch Lys Assia in der ESC-Historie ihre große Zeit gehabt hat. Aber die war in den 50er Jahren!