Die Prinz ESC Matrix 2017 zum Eurovision Song Contest

Wie balladesk ist der ESC-Jahrgang wirklich? Und in welchem Semi tummeln sich die originelleren Beiträge? Seit 2010 erstellen wir die Prinz ESC Matrix, bei der wir die Lieder nach Tempo und Originalität einstufen. Die Zuordnung erfolgte in diesem Jahr in einem umfangreicheren Verfahren. Das nahmen wir auch zum Anlass für einen optischen Refresh der Matrix.

Bei unserer zweidimensionalen Einordnung der Beiträge hat sich über die Jahre die Abszisse als Merkmalsträger für das Tempo der Songs etablierte. Bei der Ordinate haben wir immer mal ein bisschen am Wording geschraubt. 2010 ging sie von traditionell/unspektakulär bis innovativ/originell/instant appeal. In diesem Jahr haben wir es vergleichsweise einfach und offen gemacht: Originalität von niedrig bis hoch.

Neu ist heuer auch, dass nicht ein kleines Blogger-Expertengremium die Länderfähnchen in einem iterativen Prozess von links nach rechts und von oben nach unten bzw. vice versa verschoben hat, sondern dass (fast) alle Blogger die Titel auf einer Skala von 1 bis 10 bepunktet haben – einmal in Bezug auf das Tempo und einmal in Bezug auf die Originalität. Die naheliegende objektive Tempoermittlung über Beats per Minute hatte sich schon in der Vergangenheit als nicht praktikabel erwiesen. Der entsprechende Versuch für dieses Jahr bestätigt unsere Vorbehalte in dieser Hinsicht.

Die ESC-Beiträge 2017 geordnet nach Beats per Minute

Nach der langen Vorrede nun zur diesjährigen Matrix. Hierfür wurden die Blogger-Bewertungen schlicht gemittelt und dann auf der grafisch neu gestalteten Matrix abgetragen.

Erste Erkenntnis: Sooo balladig ist dieses Jahr gar nicht. Es sind vielmehr genauso viele Titel eher schnell wie eher langsam. Hingegen fällt auf, dass die Balladen kaum originell sind, wohingegen die flotteren Titel auch eher ungewohnte Akzente setzen. Gerade Belgien, Ungarn, Rumänien, Italien (eigentlich überraschend), Aserbaidschan und Armenien werden von den Bloggern als überdurchschnittlich originell wahrgenommen.

Vergleich man den diesjährigen Jahrgang mit den beiden Vorgängern (die obere Grafik ist von 2016, die untere von 2015) ist die Balladenlast 2017 unübersehbar. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass in diesem Jahr die Positionierung durch berechnete Mittelwerte zu Stande kam und deshalb generell von einer Verzerrung zur Mitte ausgegangen werden muss. Dennoch: So viele Balladen sind eher selten – und so wenig originelle erst recht.

Damit richten wir den Fokus wieder voll auf dieses Jahr: Die Ergebnisse zeigen zum Teil recht deutliche Klumpen. Von Clustern wollen wir nicht sprechen, denn die würden indirekt eine vorangegangene Clusteranalyse unterstellen. Einen solchen Klumpen, den der uninspirierten Balladen, bilden etwa Großbritannien, Irland, Georgien und Slowenien. Dass Portugal näher an diesem Klumpen liegt als Malta, ist überraschend, aber so errechnet.

Norwegen, Frankreich, Litauen, Lettland, Mazedonien, Schweden und Serbien können als die frischen Uptempo-Nummern subsummiert werden. Dass sich dort auch Weißrussland reingedrängt hat, zeigt die Interpretationsbreite des Begriffs Originalität.

Die DACH-Länder bilden mit Spanien, Island und Zypern eine Art Middle-of-the-Road-Klumpen, wobei Zypern und Österreich bei der Originalität einen Skalenpunkt höher ranken und bei Island die Bewertung durch die Blogger recht weit auseinander ging, was Svala am Ende in der Mitte landen ließ.

Schauen wir uns nun die beiden Semis an. Die Länder mit den blauen Buchstaben starten im ersten Halbfinale, die mit den roten im zweiten. Klare Erkenntnis: Das erste Semi ist deutlich balladenlastiger. Nur fünf Titel sind überdurchschnittlich flott. Im zweiten Semi gilt das für neun Beiträge. Allerdings hat das erste mit Montenegro und Griechenland zwei der Tempo-Top3 bei sich.

Aufgrund der Balladenlast ist das erste Semi auch das mit absolut weniger originellen Songs (die Korrelation wurde oben beschrieben). Allerdings findet sich hier mit Belgien der Sieger in dieser Kategorie und mit Aserbaidschan und Armenien sind insgesamt drei der fünf originellsten Songs in der ersten Show zu erleben.

Die Big 5 und das Gastgeberland streuen in diesem Jahr sehr – von der klassischen Ballade aus Großbritannien bis zum originellen Uptempo-Pop aus Italien ist bereits eine große Vielfalt fürs Finale gesetzt. Nur Deutschland und Spanien scheinen in sehr ähnlichen Gewässern zu fischen. Wie gut, dass Levina und Manel zumindest anderen Geschlechtern angehören.

Bleibt die Frage der Fragen: Wo lagen in den letzten sieben Jahren die Sieger? Die kommen typischerweise aus dem oberen rechten Quadranten: Mid- oder Uptempo, in jedem Fall aber überdurchschnittlich originell. Die Ausnahmen Österreich 2014 und Ukraine 2016 bestätigen diese Regel, waren sie doch nicht zuletzt durch ihre Bühneninszenierung deutlich origineller als es das jeweilige Lied hätte erwarten lassen können. In Bezug auf die diesjährigen Beiträge würde ein Sieg Italiens gut in das Schema passen. Levina bräuchte anständig Rückenwind über die Inszenierung.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass wir die Bewertung der Titel vorgenommen haben, bevor Russland seinen Rückzug angekündigt hat. Insofern…