Die Stimme Mannheims ist verstummt: Trauer um Grand Prix Ikone Joy Fleming

Plötzlich und unerwartet! Mit diesen Worten lässt sich die Nachricht vom Tod der Eurovisionslegende Joy Fleming umschreiben, die so manchen Fan heute schockiert zurücklässt. Die Künstlerin schuf mit ihrem Lied, das Brücken schlug, einen Klassiker, den Europa aber 1975 noch nicht verstand. Die Fans trauern um eine Sängerin, deren Niederlage zu ihrem größten Triumph wurde.

Geboren am 15. November 1944 als Erna Raad in der Nordpfalz, durchlebte Joy Fleming eine durch Armut geprägte Jugend. Schon früh zeigte sich ihr musikalisches Talent. Sie gewann im Alter von 14 Jahren einen lokalen Sangeswettbewerb mit „Ciao Ciao Bambina“, der 1959 für Italien unter dem Titel „Piove auf Platz 6 bei der Eurovision kam.

Joy lernte zunächst Verkäuferin, jedoch kam sie durch die amerikanische Besetzung ihrer Heimat mit Jazz und Blues in Berührung. Sie trat in Kneipen und Bars auf und bewies ihr Sangestalent.

Mit Freunden gründete sie 1966 die Formation Joy & The Hit Kids, aus denen später die Joy Unlimited wurden. Mit dieser Gruppe kreiierte sie unter anderem das Musical „Tut was ihr wollt“.

Joy Unlimited – Oh Darling

Sie schlug jedoch auch solistische Pfade ein, die 1968 zu einem viel beachteten Auftritt im Talentschuppen führten. 1971 stellte sie die Weichen für eine Sollokarriere und verließ kurz darauf die Gruppe Joy Unlimited. Der „Neckarbrückenblues“ im Mannheimischen Dialekt gesungen verhalf ihr zu einem größeren Bekanntheitsgrad. Mit dem Text von Carl J. Schäuble, der auch den Text zu „Ein Hoch der Liebe“ von Wencke Myhre 1968 schrieb, verarbeitete Joy Fleming ihre Jugend und zauberte eine Hommage an ihre Heimat.

Joy Fleming – Neckarbrückenblues

Dem Erfolg folgten mehrere Schallplattenproduktionen. Tourneen führten sie auch ins Ausland. Unter anderem trat sie in der ehemaligen DDR auf. Reisen nach Frankreich, in die UdSSR, Skandinavien, Argentinien und China standen auf dem Programm.

Joy Fleming -Halbblut

Neben dem Schlager jedoch blieb sie ihrer Leidenschaft, dem Jazz und Blues auch treu. Ihre Mannigfaltigkeit konnte sie mit ihrer kräftigen und klangvollen Stimme selbst bei kleinen Auftritten unter Beweis stellen. A Capella ließ sich schnell etwas Beeindruckendes darbieten.

Die typische Sangesschublade gab es für sie nicht. Waren es in den Siebzigern Schlager und Chansons, zeigte sie sich in den Neunzigern auch affin für die neuen Klänge, wie zum Beispiel Rap. Da erklang „Mein Vater war ein Wandersmann“ plötzlich in einem ganz anderen Gewand, als sie dieses mit der Formation United Wanderers aufnahm. Hier zu hören. Mit einem eigenen Verlag und Studio bewahrte sie sich ihre Eigenständigkeit in all den Jahren. Und immer wieder kehrte sie zu ihrer Liebe dem Jazz und Blues zurück.

Zweimal war sie verheiratet und hat insgesamt vier Kinder. Zuletzt lebte sie mit dem französischen Komponisten Bruno Masselon auf einem Bauernhof mit vielen Tieren in Hilsheim zusammen. Sie engagierte sich sozial und setzte sich für Minderheiten ein. So trat sie bei AIDS-Galas auf und stellte sich medienwirksam hinter ihren schwulen Sohn.

Für die Fans bleibt jedoch der magische Moment ihr Auftritt beim Eurovision Song Contest 1975. National trat sie am 3. Februar mit vielen namhaften Größen in der Sendung „Ein Lied für Stockholm“ auf. Mit von der Partie waren auch die ehemaligen Grand Prix Teilnehmer Katja Ebstein, Mary Roos, Peter Horton und Séverine. Maggie Mae und Peggy March standen auch auf der Studiobühne.

Mit 134 Punkten gewann jedoch Joy Fleming mit „Ein Lied kann eine Brücke sein“ den Concours. Neben ihrem Song gingen aber noch zwei weitere Lieder aus dieser Vorentscheidung als Kultsongs hervor. Jürgen Marcus erreichte mit „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“ Platz 9 und einen Platz dahinter landete Marianne Rosenberg mit „Er gehört zu mir“.

Am 22. März ging es in Stockholm ums Ganze und dort standen mit der deutschen Teilnehmerin Künstler aus 18 weiteren Ländern auf dem Podium. Karin Falck moderierte die Sendung und zum ersten Mal gab es 12 Punkte. Leider nicht für Deutschland. Als viertes betrat Joy Fleming in einem grünen Kleid mit dem Lied von Rainer Pietsch und Michael Holm das Podium.

Der Komponist dirgierte auch den Song und stampfte den Einsatz des Orchesters herbei. Joy Fleming gab ihr Bestes, jedoch kamen lediglich 8 Punkte aus Luxemburg, 3 Punkte aus Malta und vier aus Spanien auf ihr Punktekonto. Eine große Enttäuschung, wobei sie später sagte, dass sie noch mehr damit beschäftigt war, die letztplatzierte Türkin Semiha Yanki zu trösten. Das verhasste grüne Kleid wurde zerschnitten und Joy setzte ihre Karriere fort. Jahre später erlebte ihr Lied jedoch ein Revival und zählt heute zu den Klassikern bei der Eurovision.

Joy Fleming – Ich sing fer’s Finanzamt

1986 versuchte sie ein zweites Mal die Fahrkarte zum Contest zu gewinnen. Dieses Mal suchte man ein Lied für Bergen. Wieder schuf Rainer Pietsch die Melodie und Werner Schüler versah den Text. „Miteinander“ hiess das Machwerk, das sie mit Marc Berry, einem ehemaligen Sänger der österreichischen Gruppe Blue Danube, präsentierte. 3989 Punkte gab es zum Schluss auf Platz 4 und Ingrid Peters fuhr nach Norwegen.

Fleming & Berry – Miteinander (Ausschnitt ZDF-Hitparade)

15 Jahre wartete Joy Fleming auf den nächsten Versuch. 2001 sollte es nach Kopenhagen gehen. Zusammen mit Lesley Bogaert und Brigitte Oelke sang sie in einem weinumrangten Kleid „Power of Trust“ von Guido Craveiro und Jason Homan und landete mit 34,7 % auf Platz 2 hinter Michelle.

Lesley, Joy & Brigitte – Power Of Trust

2002 wiederholte sie 32,5 % diesen Platz. Mit dem Chor Jambalaya sang sie den Song „Joy To The World“ von Jason Homan und Hans Steingen und ging dort als letztes an den Start. Jedoch musste sie Corinna May den Vortritt lassen, die dann in Tallinn ein Debakel erlebte.

Joy Fleming & Jambalaya – Joy To The World

Als aktive Sängerin griff sie nun nicht mehr ins Geschehen ein, jedoch fand sie mit Stefan Raab und Thomas Anders das Sangestalent Max Mutzke in der Casting Show SSDSGPS (Stefan sucht den Super Grand Prix Star). Nachdem Max gewonnen hatte, durfte er in der deutschen Vorentscheidung zur Eurovision antreten, wo er haushoch die Konkurrenz deklassizierte und in Istanbul anschließend Achter wurde.

Joy blieb ein beliebter Talkshowgast zu Grand Prix Themen und 2001 verzückte sie die Fans beim OGAE Fantreffen in Hamburg, wo sie neben Mary Roos, Fabrizio Faniello und Christer Björkman auf der Bühne stand.

Gestern wurde sie nun leblos auf dem Sofa in ihrem Haus von ihrem Lebensgefährten gefunden, der zwar noch den Notdienst alarmierte, der aber nichts mehr tun konnten.

Die Fans werden die Ausnahmekünstlerin Joy Fleming vermissen, die in ihrer Art stets bodenständig und nah am Menschen war. Jedoch ihre Musik wird bleiben und ihr Lied, das 1975 Europa noch nicht erreichen konnte, wird sicherlich noch mehr zu einer der legendärsten Hymnen des Eurovision Song Contests werden.

Joy Fleming – Ein Lied kann eine Brücke sein