Die Süddeutsche Zeitung meint: „Baku: Zero Points“

Lesetipp: Das zum vergangenen Wochenende erschienene Süddeutsche Zeitung Magazin hat nicht nur eine musikalische Titelgeschichte (siehe oben: 50 Jahre Rolling Stones), auch der Eurovision Song Contest 2012 bekommt sechs (!) Seiten Platz. Roman Lob kommt allerdings in dem gesamten Text nicht vor. Wie das?

Autor Till Krause konzentriert sich vielmehr auf seine persönlichen Baku-Erfahrungen bei einem „Besuch hinter dem Vorhang“ und erzählt diese anhand der Geschichte zweier Frauen. Er hat Aserbaidschans diesjährige Song Contest Interpretin Sabina Babayeva getroffen (in der Bar vom Hyatt Regency!), die regierungskonform „konsequent ausblendet“, dass Aserbaidschan  ein Staat ist, „der Menschen verfolgt und jede Opposition unterdrückt.“

Als Zeitzeugin für letzteres lässt er Xadidja Gulemirow erzählen, mit welchen willkürlichen Brachialmethoden sie mit ihrer Familie aus dem Wohnblock vertrieben werden, der abgerissen wird, damit man vom Flaggenplatz freie Sicht hat auf die „Baku Crystal Hall“, die augenblicklich errichtet wird. (Übrigens vom Berliner Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner. Nicht nur die Produktion der Show ist also in deutscher Hand.)

Zum oben genannten Flaggenplatz schreibt Krause den prägnantesten und bezeichnesten Absatz seines sehr lesenwerten Erfahrungsberichts: „Der Flaggenplatz ist ein Ort des Größenwahns. Ein 162 Meter hoher Fahnenmast, kilometerweit sichtbar, dort weht eine Flagge Aserbaidschans, blau, rot, grün mit Halbmond und achtzackigem Stern – sie misst 2.450 Quadratmeter und wiegt 350 Kilo. Auf Flachbildschirmen läuft eine Videosequenz, in der der Präsident in Endlosschleife die aserbaidschanische Flagge küsst. Und eine Urkunde des Guinnessbuchs der Rekorde gibt es dort zu sehen, sie bescheinigt Aserbaidschan den höchsten Flaggenmast der Welt. Aber das Dokument ist von 2010 und schon veraltet. Seit letztem Jahr gibt es einen noch höheren: Tadschikistan, eines der ärmsten Länder der Welt, 2.000 Kilometer weiter östlich, hat nun einen um drei Meter höheren Flaggenmast.“

Das ganze Stück gibt es hier zu lesen und es passt so gar nicht dazu, dass im Feuilleton vielfältig geklagt wird, das die „schöne bunte Welt des ESC“ (SZ) die Berichterstattung über die politischen Verhältnisse in Aserbaidschan überlagern würde, wie etwa in diesem genialen Berliner Kneipenblog unter den Claims „Waterloo in Aserbaidschan“ und „Jamie Cullum schreibt für Präsident Alijew“ kritisiert wird.

Aber ist nicht das Gegenteil der Fall? Die großen etablierten Medien von DER SPIEGEL bis zur FAZ beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage, ob es legitim ist, den ESC in Baku auszurichten. Die Veranstaltung selbst und vor allem Roman Lob kommen, wenn überhaupt, nur am Rande vor, oder – wie in der SZ – gar nicht.

Der NDR sieht sich sogar auf seiner eigenen – im Normalfall weltpolitikfernen -Eurovisionsseite in der Chronistenpflicht und löst den Heile-Welt-Wahre-Welt-Konflikt folgendermaßen: Eurovision.de-Blogger Jan Feddersen interviewt den ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zum Austragungsort Aserbaidschan für die taz und auf dieses taz-Interview wird dann auf Eurovision.de verlinkt.

In diesem Interview zieht Thomas Schreiber übrigens ein sehr zutreffendes Zwischenfazit: „Schon die Tatsache, dass der Contest in Aserbaidschan stattfinden wird, hat ja in den vergangenen Wochen einen publizistischen Niederschlag auch bei anderen Themen gefunden. Ohne den Eurovision Song Contest – seien wir mal ehrlich – hätte es diese Form der Aufmerksamkeit für dieses Land nicht gegeben. (…) Die circa 1.550 Journalisten, die rund um den ESC nach Aserbaidschan kommen werden, werden eben nicht nur über die bunte Show berichten, sondern auch Geschichten von den Menschen im Land erzählen, und das bedeutet natürlich auch Aufmerksamkeit für die Opposition und für die Menschenrechtsgruppen.“

Das ist zwar vorsichtig formuliert, macht aber auch klar: Ein harmonischer Public-Relations-Spaziergang wird die ESC-Inszenierung in Baku für die Gastgeber keinesfalls. Vielmehr heißt es am Ende möglicherweise: „Die Geister, die ich rief…“

P.S.: Dem SZ Magazin ist zwar Roman Lob keine Zeile wert, aber auf Eye Candy brauchen wir in besagter Ausgabe 9/2012 doch nicht verzichten. In der legendären (Bild-)Interview-Reihe „Sagen Sie jetzt nichts“ kommt der deutsche Surfweltmeister Philip Köster (nicht) zu Wort und darf seine Muskeln vorführen. Here we go: