Die Top Scream Queens des Eurovision Song Contest

Inspiriert vom Sieg Rona Nishlius im albanischen Vorentscheid mit einem für manche Ohren schmerzlichen Song, haben wir eine kurze Umfrage unter den PRINZ-Bloggern durchgeführt und präsentieren hiermit die Alltime-Scream-Queens des Eurovision Song Contest. 

Doch bevor wir mit der ESC-Klageweiber-Hitliste starten, zuerst noch ein paar Worte zu Rona Nishliu, die nach ihrem Sieg beim Festival i Kenges als erste Kosovarin beim Eurovision Song Contest die Farben Albaniens vertreten wird. „Suus“, ihr teilweise auf latein gesungener, dramatischer Titel hat mittlerweile eine extrem gespaltene Reaktion in Fankreisen hervorgerufen.

Während die einen die hervorragend instrumentierte Orchesterfassung aus der Live-Show sowie Authentizität und Gefühl der erst 25-Jährigen aus Mitrovica (Kosovo) loben – hierzu gehört im Übrigen auch der Autor dieses Beitrags – , hören viele andere nur ein extrem strukturloses und atonales Geschrei („Töne, die gar nicht exisitieren dürften“) und sind zudem von der äußeren Erscheinung der mit (echtem) Haar-Turban wesentlich reifer wirkenden Nishliu irritiert.

Die Neue: Rona Nishliu – Suus / Albanien 2012

Wie dem auch sei, Albaniens ESC-Titel werden meist umfangreich „revampt“, ohnehin auf 3 Minuten gekürzt und eventuell in einer englischen Fassung neu aufgelegt. Schon jetzt aber hat sich Rona einen besonderen Platz in unserer EUROVISION SCREAM QUEEN HITLIST gesichert, die wir hiermit eröffnen.

Als weitere (mitunter recht) aparte Schreihälse sind uns aus der Historie des Eurovision Song Contest folgende Damen – denn es sind überwiegend Damen, die wiederum überwiegend aus dem Osten des Kontinents stammen – in Erinnerung geblieben:

15. Die Krächzende: Remedios Amaya – Quien maneja mi barca / Spanien 1983

Der Grand Prix 1983 in München bleib nicht nur wegen Marlene Charells legendärer Moderationsversprecher und der orgiastischen Blumenarrangements in Erinnerung. Letztmals landeten zwei Titel mit Null Punkten am Ende des Klassements – einer davon wurde von einer blutjungen, barfüssigen Andalusierin dargeboten. Remedios Amaya und ihr heute viel geschätztes leidenschaftliches Klagelied mit Bezügen zu Themen wie Liebe, Neid und Transportmitteln („Wer segelt in meinem Boot?“) fiel damals komplett durch den Jury-Rost und stoppte gewissermaßen ihre knospende Karriere. Erst Ende der 90er-Jahre sollte ihr in Spanien der Aufstieg zum Star der Flamenco-Musik gelingen.

14. Die Alternde: Anastasia Prikhodko – Mamo /Russland 2009

Viel Ärger gab es 2009 um den russischen Beitrag im Heim-ESC in Moskau. Die Sängerin stammte aus der Ukraine und war dort mit ihrem Titel „Mamo“ (Mutter) abgelehnt worden, bevor sie nachträglich zum russischen Finale zugelassen wurde und dort im Handstreich siegte. Dass Kummer, Ärger und Wut (zum Beispiel über nahe Verwandte) nicht gut für den Faltenwurf der eigenen Gesichtshaut sind, wurde hier sehr schön plakativ inszeniert. Anastasia Prikhodko schrie sich die Seele aus dem Leib, mutierte dabei in 3 Minuten auf der LED-Leinwand zu ihrer Großmutter, und wurde Elfte.

13. Die Elektrisierten: Elitsa & Stoyan – Voda / Bulgarien 2007

Die bis heute einzige Finalqualifikation und dann gleich ein fünfter Rang gelang Bulgarien beim ESC in Helsinki mit einem Song, der wie ein Stromschlag einschlug. Das Duo Elitsa und Stoyan knallte eine äußerst dezibelstarke, durch Trommelwirbel und allerlei Lichteffekte wirkungsvoll unterstützte Show auf die ESC-Bühne in Helsinki. Ein Titel, der neben „Tara-du-day du-dara dara-du-da“ eigentlich nur aus Schreien besteht, die manche Fans an Federvieh im Todeskampf erinnerten. Immerhin anders. Und sehr erfolgreich.

12. Die unter die Haut gehende: Edyta Gorniak – To nie ja! / Polen 1994

Nein, die aparte Polin im Jacqueline-Kennedy-Sommerkleidchen hatte nicht, wie man meinen könnte, nach der Hälfte des Titels ihren Text vergessen und daher aus purer Verzweiflung irgendwelche Tonimprovisationen an die Decke des Point Theatre in Dublin geschrien. „To nie Ja!“ (Doch nicht ich) war genauso geplant und erreichte einen sensationellen zweiten Rang beim ESC 1994 – für lange Zeit das beste Debüt eines Landes im Eurovision Song Contest. In der Generalprobe hatte Edyta noch teilweise auf Englisch geschrien und wäre dafür um ein Haar disqualifiziert worden. Da sind wir weiter: heutzutage darf in allen Sprachen geschrien werden.

11. Der Leidenschaftliche: Antonio Carbonell – Ay, que deseo / Spanien 1996

Es fällt auf, dass im Gegensatz zum Osten des Kontinents Westeuropa auf dem Feld der Scream Queens praktisch nichts aufzubieten hat, die wenigen passenden Titel stammen eher aus dem Süden, wo man mentalitätsbedingt seit jeher leidenschaftlicher lebt, liebt – und singt. Einen schwer verdaulichen folkloristischen Schmachtfetzen mit viel Wimmern und Jaulen (zumindest für Nicht-Spanier) zelebrierte Antonio Carbonell in Oslo. Diesen Titel (und das beklagenswerte Ergebnis: Viertletzter) dürfte Spaniens Hoffnung für Baku, Pastora Soler, im Kopf gehabt haben, als sie sagte, sie würde keinen traditionallen Flamenco oder Copla-Titel für den ESC vorstellen. Buena idea!

Die Außerirdische: Nayah – Je veux donner ma voix /Frankreich 1999 (Vorentscheidung)

Und hier haben wir eine der wenigen Scream Queens aus Westeuropa, bei deren Wahl Fachwelt und Fans gleichermaßen den Kopf schüttelten. Das lag nicht nur an dem durch überzogene Schreie aufgepeppten ziemlich gewöhnlichen Chanson namens „Je veux donner ma voix“, sondern an der Person von Sylvie Mestre alias Nayah. Die Sängerin gehörte nämlich als eine Art Assistenzpriesterin der obskuren Sekte der Raelianer an, die daran glauben, dass das menschliche Leben durch Außerirdische geschaffen wurde und das Klonen von Menschen propagieren. Nayah erzählte vor dem ESC in Jerusalem (hier der im Vergleich zur Vorentscheidung polierte Auftritt in Jersualem) , sie habe die Sekte mittlerweile verlassen, nach der Pleite beim ESC (Platz 19)  bekannte sie sich aber dazu, dass dies eine Lüge gewesen sei, um ihrer Karriere nicht zu schaden. Heute singt Nayah immer noch und tingelt unter anderem als Celine-Dion-Lookalike durch die Lande.

9. Die Lyrische: Dida Dragan – Nu pleca / Rumänien 1993

Aus der Mottenkiste der verhinderten Eurovisions-Beiträge haben wir Rumäniens gescheitertes ESC-Debüt gekramt. Dida Dragan musste wie sechs weitere osteuropäische Interpreten 1993 in einem obskuren und von Korrupionsvorwürfen überschatteten Vor-Finale in Slowenien im Kampf um lediglich drei Finaltickets für den ESC in Millsteet antreten und wurde mit einem bizarr bis umnachtet anmutenden Auftritt Letzte. Dabei hat „Nu pleca“ (Geh nicht) einen äußerst poetischen Text und wurde sehr stimmig und geradezu insbrünstig interpretiert.

8. Die Heisere: Cleopatra – Olou tou kosmou i elpida / Griechenland 1992

Hellas mag heutzutage vielerlei Probleme haben, ein Finale im Eurovision Song Contest zu erreichen gehört nicht dazu. Jahr für Jahr segeln griechische Titel (egal welcher Qualität) problemlos durch das ESC-Semi (siehe Beitrag zu den sogenannten Immererfolgreichen). Vor 20 Jahren mit Sprachenregel und Jurys hatten es griechische Titel im Eurovision Song Contest noch wesentlich schwerer. Der unerwartete fünfte Platz 1992 in Malmö durch Cleopatra, eine etablierte Künstlerin, die ihre offensichtlich gereizten Stimmbänder bis über das Gehtnichtmehr hinaus belastete, war damals – zurecht – ein großer Erfolg.

7. Die Koloraturende: Niamh Kavanagh – In your eyes / Irland 1993

Und hier die einzige Siegerin des Eurovision Song Contest unter unseren Scream Queens. „In your Eyes“ in der Live-Fassung unterschied sich insbesondere in der letzten Minute deutlich von der in den Previews vorgestellten Version. Niamh Kavanagh sang sich gewissermaßen die Seele aus dem Leib und wurde für ihren unverwechselbaren Stil und für das Erreichen zahlreicher äußerst hoher Noten mit dem Sieg in Millstreet belohnt – einer der verdientesten irischen Erfolge. Bei Niamhs nostalgischen ESC-Comeback 2010 in Oslo mit „It’s for you“ wurde allerdings recht tragisch deutlich, dass ihre Stimme trotz eines größeren Resonanzkörpers nicht mehr diese Höhen erreicht.

6. Die Laszive: Mariana Popova – Let me cry / Bulgarien 2006

Hier sind die Schreie schon im Titelthema verankert und Mariana Popova, die „Let me cry“ mit einem der freizügigsten Preview-Videos der gesamten ESC-Contestgeschichte austattete, enttäuscht auch Live keineswegs. Das eigentliche Highlight neben der attraktiven Sängerin und der Rhythmischen-Sportgymnastik-Choreo ist jedoch der in Bulgarien mit Kultstatus verehrte (offen schwule) Turbofolk-Sänger Azis, den Mariana als Side Effect mit zum ESC nach Athen nahm, und der es ihr mit eigenwilligem Geheul dankte. „Let me cry“ verfehlte das Finale deutlich, was auch an einer ungünstigen Startnummer (2) gelegen haben dürfte.

5. Die Fliegende: Aurela Gace – Feel the passion /Albanien 2011

Und hier haben wir die Vorgängerin der eingangs erwähnten Rona Nishliu. Aurela Gace schreit nicht ganz so verzweifelt ihren Schmerz heraus wie Rona, platzt dafür geradezu vor innerer Energie und verfügt über eine herausragende Livestimme. „Wenn ich singe, dann fliege ich wie ein Adler“ sagte die damals rothaarige Künstlerin im Interview mit dem PRINZ Blog. „Feel the passion“ ist ein durchaus originelles Stück Pop mit Ethno-Anklängen und blieb unverdient im Düsseldorfer Semifinale hängen, was einen Prinz-Blogger, den das Wettfieber erfasst hatte, eine Stange Geld kostete.

4. Die Düstere: Kasia Kowalska – Chce znac swoj grech / Polen 1996

Raumgreifende Verzweiflung, düstere Depression und schlimmste Seelenpein. Kasia Kowalska hielt in einem blutroten Kleid klagend Zwiesprache mit Gott und mutete Europa im Jahr 1996 nicht nur schwer verdauliche Gefühle (und Töne), sondern auch einen nahezu unaussprechlichen Titel zu. Polen untermauerte damit seine Position als Hort eigenständiger und sehr eigenwilliger Balladen und gilt seitdem das natürliche Reservoir von ESC-Scream Queens. Dies soll auch nicht der letzte polnische Brüller in dieser Übersicht gewesen sein.

3. Die Höllischen: Elnur & Samir – Day by Day /Aserbaidschan 2008

Männliche Wesen scheinen im Eurovisionseinsatz selten zu schreien, aber wenn doch, dann geht es richtig zur Sache. Aserbaidschans völlig überproduziertes ESC-Debüt in Belgrad bot ein opulentes Gelage mit Wein, Weib und höllischem Gesang. Dazu ein attraktives junges männliches Pärchen – Baku hatte die Zielgruppe des Contests gut studiert. Platz 8 galt als ein Top-Einstand für den Kaukausstaat, doch Elnur & Samir beklagten sich hinterher bitter, sie könnten gar nicht verstehen, warum man denn ausgerechnet hinter Lieblingsfeind Armenien (und der schönen Sirusho) gelandet wäre. Nun, die konnte auch nicht sehr viel besser singen, schrie aber weniger…

2. Die Wütende: Joy Fleming – Ein Lied kann eine Brücke sein / Deutschland 1975

Zumindest einen deutschen Brüller müssen wir hier auch nennen – und hier kommen wir an ESC-Legende Erna Strube alias Joy Fleming nicht vorbei, die nach dem Mega-Flop (Platz 17) in Stockholm mit „Ein Lied kann eine Brücke sein“ in schwedischen Medien als „wütende Brunhilde“ betitelt wurde. Wütend war Joy tatsächlich, allerdings nicht während ihres aus heutiger Sicht immer noch unglaublich frisch und authentisch wirkenden Auftritts, sondern hinterher auf den HR-Unterhaltungschef, der ihr das unvorteilhafte grüne Kleid vorgeschrieben hatte. Nun, wir glauben, ihr Kleid aus der Vorentscheidung 2001 (Modell Komposthaufen) wäre auch nicht geeigneter gewesen…

1. Die Schräge: Justyna Steczkowska – Sama / Polen 1995

Und nun der Höhepunkt, gewissermaßen der ALLERLETZTE SCHREI: Ein Titel, bei dem es einem buchstäblich die Schuhe auszieht. „Sama“ (Allein) erröffnete 1995 den ESC in Dublin und kommt herrlich abgedreht, schräg und mit einer Prise Folklore daher. Klingt, als würden Katzen ersäuft, hieß es damals despektierlich, die Jurys waren indigniert und so landete Justyna Steczkowska nach der hervorragenden Vorlage ihrer Kollegin Edyta (siehe Punkt 9) unverdient unter ferner liefen, hatte aber ebenfalls einen ESC-Klassiker abgeliefert. Unsere Scream Queen Nummer Eins!

So, und wem nun der Kopf brummt vor soviel versammelter Stimmpower oder gar das Trommelfell durchgebrannt sein sollte, dem empfehlen wir als Alternative einen Blick in unsere Hitlisten der Top Transen beim Eurovision Song Contest. Diese Damen kommen meist im stimmlichen Schongang, dafür optisch deutlich aufgetunter daher und sind nicht minder unterhaltsam!