„Chain of Light“: Die Welt verbessern mit 64 schlimmen Sekunden

Anita Simoncini & Michele Perniola

Dass die kleine Republik mitten in Italien kein viertes Mal auf Valentina Monetta setzt, sondern auf frisches Blut (im wahrsten Sinne), stand ja bereits seit Ende November festAnita Simoncini, vor wenigen Monaten noch mit den „Peppermints“ beim Junior Eurovision in Malta, und Michele Perniola, San Marinos Junior-ESC-Hoffnung 2013, werden als Duo in Wien starten. Jetzt, kurz vor dem EBU-Delegierten-Treffen in Wien, steht auch das Lied fest: SMRTV stellte heute das Video von „Chain of Light“ vor – naja, zumindest einen Snippet.

Vollständig soll das Video am Montag präsentiert werden, allerdings ist zumindest der Audiotrack schon durchgesickert und kursiert im Netz. Und wer sich gefragt hat, ob San Marino mit dem Ausstieg von Valentina auch Abschied nimmt von Ralph Siegel, hat hier jetzt auch die Antwort: Nein. „Chain of Light“ trägt ganz klar die Handschrift des deutschen Mr. Eurovision. Offiziell ist das nicht, aber dahinter steckt Jupiter Records, also Siegels Plattenfirma. Und man muss sich ja nur das Lied anhören, um zu erkennen, wessen Stift hier übers Notenblatt gewandert ist.

Die 3 Minuten beginnen eigentlich vielversprechend, mit einem einzelnen Pianoakkord und Streichern, die eine gewisse Grundspannung erzeugen – fast ein wenig Krimithriller-haft. Nur die plötzlich eingestreuten kurzen Dancebeats irritieren. Michele beginnt mit dem Gesang, nach der ersten Strophe setzt Anita ein, der Text ist komplett auf Englisch. Es geht mal wieder um Weltverbesserung: „let us make the world a better place“.

Dann kommt der Refrain: „Light up the candles, let’s illuminate the night.“ Die Begleitung dazu klingt ein wenig cembalohaft, aber durchaus ansprechend. Das Entzünden der Kerzen geht denn textlich zum Liedtitel „Chain of Light“ über, für die nächste Strophe kommt ein etwas stärkerer Grund-Beat sowie ein Background-Chor dazu. Noch wirkt alles rund und stimmig. Der Refrain kommt ein zweites Mal, nach 1:30 Min. Der Refrain wirkt langsam etwas glatter, schlagerhafter.

Doch dann, bei Minuten 1:56, kommt plötzlich der Bruch – und aus dem bisher runden, leicht schlagerhaften, aber durch den Beat noch durchaus nicht allzu altbacken wirkenden Lied wird schlagartig eine typische Ralph-Siegel-Schlagernummer, die extrem nach „If we all give a little“ – dem Schweizer Beitrag von 2006 – klingt. Die letzte Minute macht alles, was in den ersten 1:56 aufgebaut wurde, komplett zunichte. Die letzten 64 Sekunden sind ein schlimmer Schlager, der der Schweiz schon in Athen kein Glück gebracht hat. Das wird für San Marino neun Jahre später nicht besser.

Was also erst ganz passabel beginnt, wird am Ende leider zerstört – ist zumindest meine Meinung. Beim ESC muss das nichts bedeuten. Ich fand ja auch „Maybe“ eher schwach, und auch da lag es vor allem an der letzten Minute, die so ziellos dahinplätscherte und am Ende den Zuhörer eher ratlos zurückließ. Kam in Kopenhagen trotzdem ins Finale. Ob das auch Anita und Michele schaffen werden? Da will ich mich erst mal nicht festlegen. Andererseits: Es ist San Marino… Zumindest könnte Italien in dem 2. Semifinale der kleinen Enklave Punkte geben.

Anita Simoncini & Michele Perniola: Chain of Light

Für beide lief es ja auch schon beim Junior Eurovision nicht gerade erfolgreich: Michele wurde 2013, als San Marino das erste Mal am Kids-Wettbewerb teilnahm, Zehnter von zwölf; die Peppermints mit Anita wurden im November 2014 beim JESC auf Malta Vorletzte. Anita wird erst im April 16 – damit hat sie die ESC-Altersgrenze für Wien gerade so erfüllt; Michele ist schon 16.

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